Filmkritik: „Das Versprechen“ Ungereimtheiten und Verfahrensfehler

Von Brigitte Jähnigen 

Mörder sollen hinter Gitter. Aber sitzen immer die wirklich Schuldigen ein? Der in Stuttgart geborene Dokumentarfilmer Marcus Vetter untersucht in „Das Versprechen“ den Fall des Deutschen Jens Söring, der in den USA trotz vieler Zweifel am Urteil und vieler Proteste nicht aus dem Gefängnis kommt.

Der deutsche Angeklagte Jens Söring vor einem US-Gericht im Jahr 1990: War das Verfahren fair? Foto: Farnfilm Verleih
Der deutsche Angeklagte Jens Söring vor einem US-Gericht im Jahr 1990: War das Verfahren fair? Foto: Farnfilm Verleih

Stuttgart - Als die amerikanische Justiz am 4. September 1990 Jens Söring wegen Mordes zu zweimal lebenslänglich verurteilte, war der Student schon seit Jahren in den Medien der „German Bastard“. Der aus einer deutschen Diplomatenfamilie stammende junge Mann, der am 30. März 1985 die hochvermögenden Eltern seiner Freundin Elizabeth Haysom aus Virginia brutal ermordet haben sollte, hatte offenbar nie eine Chance. Auch wenn er den Doppelmord - nach anfänglichem Geständnis - immer wieder leugnete, sich am blutgetränkten Tatort keine einzige DNA-Spur von ihm finden ließ und ein FBI-Täterprofil von einem weiblichen Täter ausging. Doch dieses Profil wurde im Prozessverfahren nie öffentlich gemacht. Und auch die Ungereimtheiten und Verfahrensfehler, die Dave Watson, ein Privatdektiv im Auftrag von Gail Marshall, der ehemaligen Staatsanwältin von Virginia, seit zwei Jahrzehnten aufspürte, fanden bislang keine juristisch relevante Beachtung.

Jens Söring, in Leidenschaft und sexueller Abhängigkeit der Elizabeth Haysom - schön, flirrend, Drogen konsumierend - verfallen, sitzt seit 30 Jahren in einem US-amerikanischen Gefängnis. Seine ehemalige Freundin nur wenige Meilen entfernt von ihm ebenfalls in einer Haftanstalt, wegen Anstiftung zum Mord zu 90 Jahren verurteilt). So lässt sich die Faktenlage umreißen, die der 1967 in Stuttgart geborene, in Tübingen lebende Filmemacher Marcus Vetter („Das Herz von Jenin“, „The Forecaster“, „The International Criminal Court“) und die Münchner Journalistin Karin Steinberger nach akribischer Recherche mit klarer dokumentarischer Handschrift in ihrem dritten gemeinsamen Film „Das Versprechen“ vorlegen.

Der Justiz droht Gesichtsverlust

Es ist ein seltsam unbewegter Jens Söring, intelligent und verbal eloquent, den Vetter und Steinbrecher in Archivfilmsequenzen vorstellen. Und es ist ein von seinem Lebensirrtum gebeutelter, emotional erstaunlich offener, differenziert analysierender Söring, der im Jahre 2006 in die Kamera spricht. Juristen setzten sich für ihn ein, Seelsorger, ehemalige Ermittler, Diplomaten, Menschenrechtsbeauftragte (sie alle sprechen vor der Kamera), mit dem Ziel, Söring zunächst nach Deutschland zu überstellen - bisher ohne Erfolg.

Der von der Stuttgarter Firma Filmperspektive produzierte „Das Versprechen“ hat Thrillerqualitäten, geht nachhaltig auf Hirn und Herz. Bis dieses unbedingt sehenswerte, mit journalistischem Herzblut gedrehte Werk jedoch die gewünschte Wendung (eine Wiederaufnahme des Verfahrens) bringt, werden alle Beteiligten vermutlich noch langen Atem beweisen müssen. Der Fall – auch das zeigt der Film - ist zum Politikum geworden, der amerikanischen Justiz droht Gesichtsverlust. Sörings Haftüberstellung nach Deutschland wurde 2010 von einem demokratischen Gouverneur am letzten Tag im Amt bestätigt, von seinem republikanischen Nachfolger an dessen erstem Arbeitstag gestoppt.

Das Versprechen. Deutschland 2016. Regie: Marcus Vetter. Dokumentarfilm. 102 Minuten. Ab 12 Jahren.