Filmkritik: „Doctor Strange“ Wenn die Zauberfunken sprühen

Von Bernd Haasis 

Marvel stößt in die Welt der Magie vor – mit einem Film, der unabhängig vom Superhelden-Kontext funktioniert. „Dr. Strange“ erinnert daran, dass der Fantasie im Kino keine Grenzen gesetzt sind.

Dr. Palmer (Rachel McAdams) wird ihren Kollegen Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) bald an anderes als die Medizin verlieren. Foto: Walt Disney 22 Bilder
Dr. Palmer (Rachel McAdams) wird ihren Kollegen Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) bald an anderes als die Medizin verlieren. Foto: Walt Disney

Stuttgart - Ich bin noch nicht bereit“, sagt Dr. Stephen Strange. „Das ist niemand jemals“, antwortet seine Mentorin, die alle nur „Die Älteste“ nennen. Ihre durchscheinenden Astralkörper schweben vor New Yorker Kulisse, und Strange ahnt, dass ihm Verantwortung droht. Längst gehen Zauberer und Dämonen mit Feuergeißeln und Eisklingen aufeinander los.

Nach der Welt der Superhelden („The Avengers“) und der Sphäre nordischer Gottheiten („Thor“) erschließt der US-Konzern Marvel nun das Reich der Magie – mit einem fantastischen Setting und einem illustren Protagonisten, der 1963 erstmals als Comic-Figur auftauchte.

Ein Unfall zertrümmert die Hände des Star-Chirurgen Stephen Strange, Berufung und Lebensinhalt scheinen perdu. Er sucht Rat im nepalesischen Kathmandu bei einer Frau, die ihm erklärt, dass magische Energie nur anzapfen kann, wer sein Ego besiegt. Das klingt nach esoterischem Hokuspokus für den streng rational veranlagten Doktor, der nun mit sich ringt – aber schnell lernt, Magie einzusetzen. Bis zur Selbsterkenntnis dauert es freilich etwas länger.

Keine abendländischen Zauberstäbe

Regisseur Scott Derrickson, der einst für Wim Wenders „Land of Plenty“ (2004) schrieb, findet auch für „Doctor Strange“ die richtigen Worte. Vor allem aber denkt er visuell, verliert Stranges Hände nie aus dem Blick und fokussiert aufs Wesentliche: Wenn ein Amulett aktiviert wird und grünlich zu leuchten beginnt, ist es auch in Nahaufnahme zu sehen. Die klare Bildgestaltung trägt eine verrätselte Thriller-Handlung, in der gut und böse nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind, und in regelmäßigen Abständen platziert Derrickson zur Entspannung gut getimte komödiantische Momente.

Zaubersprüche und –stäbe in der Tradition der europäischen Fantastik („Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“) gibt es nicht zu sehen. Marvels Magier wurzeln im asiatischen, buddhistisch geprägten Kontext und schöpfen ihre Kraft aus einer Energie, die stark dem ähnelt, was unter der ­Bezeichnung „Chi“ bekannt ist.

Diese ­Anbindung an reale Phänomene – die positive Wirkung von Tai Chi und Qi Gong auf Körper, Geist und Seele dient als Metapher – verankert die Zauberei in der realen Welt und knüpft an die magische Tradition des Kampfkunst-Kinos an. Dessen Protagonisten überwinden nicht selten die Schwerkraft und messen sich schwebend. Ang Lee hat das in seinem Kung-Fu-Märchen „Tiger and Dragon“ (2001) geradezu zelebriert.

Das Zeug zur Paraderolle

Mit eleganten Gesten schöpfen die Magier aus der Luft funkelnde Kraftfelder, glühende Energiepeitschen, den grün schimmernden Drehregler eines archaischen Zeitreisezaubers. Da sprühen die Funken, da falten sich Räume und ganze Städte zu surrealen Gestalten in fließender, hyperrealistischer Animation, wie man sie in dieser üppigen Brillanz noch nicht gesehen hat. Der Einsatz der anderswo oft lieblos aufgepfropften Stereoskopie ist hier vollauf ­berechtigt: Mysteriöse, vielschichtige Flammenmuster und pulsierende Dimensionstore, frei im Raum schwebend, entfalten in 3-D eine ganz eigene visuelle Magie wie auch die Astralkörper der Protagonisten, wenn sie den Körper aus Fleisch und Blut verlassen. Dazu kommen Achterbahnflüge durch fremdartige Sphären und ­magische Objekte wie ein schwebender Umhang mit starkem eigenem Willen.

Der englische Carakterdarsteller Benedict Cumberbatch kann ungewöhnliche Figuren mit Leben erfüllen, den überdrehten Meisterdetektiv („Sherlock“, 2010), den gravitätischen Bösewicht („Star Trek: Into Darkness“, 2013), das halbautistische Genie („The Imitation Game“, 2015). Stephen Strange nun, dessen allzu rasante Wandlung Cumberbatch wie selbstverständlich vollzieht, könnte seine Paraderolle werden. Auf Augenhöhe begegnen ihm Tilda Swinton (55) als majestätische, athletische „Älteste“, Rachel McAdams als Kollegin und Band zur Menschenwelt, Mads Mikkelsen als wüster Bösewicht. Nur Chiwetel Ejiofor wirkt etwas ratlos als Magier Mordo, den der Neuling einfach überholt und abhängt.

Abgenutzter Weltenrettungs-Plot

Zusätzliches Schimmern bekommt das sich überschlagende Geschehen durch die orchestrale Musik von Michael Giacchino, der schon bei Pixars Superhelden-Persiflage „Die Unglaublichen“ (2004) genau richtig dick aufgetragen hat. Gewitzte Wendungen überstrahlen den abgenutzten Weltenrettungs-Plot, das Spiel mit der Zauberei funktioniert unabhängig vom Superhelden-Kontext.

Marvel demonstriert im Verbund mit Disney einmal mehr, was angesichts zeitgenössischer Standardware leicht in Vergessenheit gerät: Der Fantasie sind im Kino keine Grenzen gesetzt, die Möglichkeiten schier unerschöpflich.

Doctor Strange. USA 2016. Regie: Scott Derrickson. Mit Benedict Cumberbatch, Tilda Swinton, Mads Mikkelsen. 115 Minuten. Ab 12 Jahren.




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