Filmkritik: „Florence Foster Jenkins“ Reich und jaulend

Meryl Streep als schräges Gesangswunder Florence Foster Jenkins Foto: Constantin 19 Bilder
Meryl Streep als schräges Gesangswunder Florence Foster Jenkins Foto: Constantin

Eine begüterte Frau mit Gesangswahn: Florence Foster Jenkins gab es wirklich. Sie besaß viel Geld, kein bisschen Stimme und trat als Opernsängerin auf. Es gab schon einige Filme über ihren Spleen. Aber Stephen Frears liefert jetzt mit Meryl Streep in der Hauptrolle den schönsten, bissig und einfühlsam zugleich.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - In Momenten voller Zaubermacht kann das Kino von Vorurteilen heilen. Auch wenn es sich dabei manchmal nur um Vorurteile gegen das Kino selbst handelt. „Florence Foster Jenkins“ von Stephen Frears etwa biegt einen gleich mit seinen ersten Szenen aus der Verweigerungs- in die Begeisterungshaltung um. Dabei darf man sich diesem Biopic über eine steinreiche Dame der New Yorker Gesellschaft des vorigen Jahrhunderts, die sich einbildet, eine begnadete Sängerin zu sein, ja durchaus mit Misstrauen nähern.

Haben wir über diese Verblendete, die singend einem Fasan ähnelte, der den Zoowärter herbeischreit, weil der Körnchennapf leer ist, nicht schon genug erzählt bekommen? Xavier Giannoli hat ihre bizarre reale Geschichte vor einem Jahr in „Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne“ aufgegriffen, umgearbeitet und aus dem New York der Vierziger ins Frankreich der Zwanziger verlegt. Und gerade erst versuchte Ralf Plegers „Florence Foster Jenkins Story“, ein Dokumentarfilm mit fiktiven Elementen, einer monumentalen Selbsttäuschung auf den Grund zu gehen.

Eine Behütete mit Gesangswahn

Aber man muss nur ganz kurz Meryl Streep zusehen, die grandios eine beschädigte Frau zum Leben erweckt, und man ist hingerissen, begierig nach mehr. Frears’ Film ist kein Angriff auf die Bulldozer­mentalität der Reichen, die ihre Launen und Grillen durchsetzen, er ist die Studie einer Absonderung. Diese Behütete käme mit der Realität der Welt nicht zurecht, und ihr Gesangswahn ist nur das spektakuläre Beispiel eines Kokons, eines Sich-Hineinflüchtens in die Illusion von Glanz und Gebrauchtwerden.

Von der edlen Ausstattung über die Nebenrollenpreziosen (besonders köstlich: Hugh Grant als verständnisvoller, liebender, untreuer Lebensgefährte) bis hin zum Luftalarmgejaule der Gesangsübungen ist alles darauf ausgerichtet, uns die Abkapselung einer Begüterten erfahrbar zu machen. Aber auch die vielen Reibungsstellen, an denen die Wirklichkeit droht, sich durch die Isolationsschichten hindurchzuscheuern.

Der seit Langem in Hollywood aktive Brite Stephen Frears hat viele ganz unterschiedliche Filme gedreht, „Gefährliche Liebschaften“, „Grifters“, „High Fidelity“ , „Philomena“, die man nicht missen möchte. Aber „Florence Foster Jenkins“ ist einer seiner amüsantesten.

Florence Foster Jenkins. Großbritannien, Frankreich 2016. Regie: Stephen Frears. Mit Meryl Streep, Hugh Grant. 110 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.




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