Filmkritik: „Girl on the Train“ Einblicke in fremde Leben

Von Bernd Haasis 

Ein großes Drama liegt von Anfang an ­in der Luft in der Verfilmung des Roman-Bestsellers „Girl on the Train“ von Paula Hawkins, Regisseur Tate Taylor lässt sich ­allerdings Zeit, ehe er den Thriller-Sprengstoff der Konstellation offenbart.

Die Welt als Spiegel der Trugbilder vom eigenen Selbst: Emily Blunt in „Girl on the Train“ Foto: Verleih
Die Welt als Spiegel der Trugbilder vom eigenen Selbst: Emily Blunt in „Girl on the Train“ Foto: Verleih

New York - Drei Frauen präsentieren sich: Die sichtlich unglückliche Rachel, die aus Zügen der Hudson River Line mit ungesunder Intensität zwei benachbarte Häuser ausspäht; die üppige Schönheit Megan, die in leicht ­wehender Schlafzimmermode scheinbar dauerhaften Nichtsstun frönt und sich von ihrem Mann verwöhnen lässt; die junge Mutter Anna, die mit Hingabe ihr Baby umsorgt – und ihren Mann Tom, der einst mit Rachel verheiratet war.

Ein großes Drama liegt von Anfang an ­in der Luft in der Verfilmung des Roman-Bestsellers von Paula Hawkins, Regisseur Tate Taylor lässt sich ­allerdings über eine halbe Stunde Zeit, ehe er den Thriller-Sprengstoff der Konstellation offenbart. Vorher stellt er ausgiebig seine Protagonistinnen aus in handlungsfreier Mystery-Atmosphäre, hübsch verschattet, von der Kamera ­umschmeichelt und mit mündlichen Selbsterklärungen im Voiceover, die den bedeutungsschwanger gemeinten Bildern die Kraft rauben.

Besonders Emily Blunt rückt Taylor ­unangenehm aufdringlich zu Leibe: Ungeniert hält er mit dem Brennglas seiner ­Kameralinse auf die Alkoholikerin und scheinbare Stalkerin Rachel, die Blunt verkörpert. So zwingt er die Zuschauer in die Rolle von Voyeuren, die tief ausgeschnitten Einblicken in fremde Leben ausgesetzt werden, ohne zu wissen warum.

Die Darstellerinnen tragen den Film

Das ist überhaupt nur zu ertragen, weil er drei Schauspielerinnen „Girl on the Train“ gewinnen konnte, die aus einer schmalen Anlage sehenswerte Auftritte zaubern können: Die charakterstarke Blunt („The Edge of Tomorrow“) als gezeichnete Rachel, die aufgrund ihrer Sucht unter Blackouts leidet und die Welt nur im Spiegel der Trugbilder ihrer selbst wahrnimmt; die anmutige ­Rebecca Ferguson („Mission: Impossible 5“) als hochgeschlossene Anna, die sich ein glück­liches Familienideal in die Tasche lügt; die verführerische Haley Bennett als herablassende Verführerin Megan, die sich im Voiceover gleich zu Beginn selbst als „Hure“ ­bezeichnen muss, was ihren späteren Auftritten einiges an Überraschung Diese drei Frauen tragen den Film auch dann noch, wenn die Handlung endlich Fahrt in Gang kommt.

Megan verschwindet spurlos, und die sich ewig schuldig fühlende Rachel sucht deren Mann Scott (Luke Evans) auf, der sich als ­latent aggressiver Macho entpuppt – dass er auch noch besitzergreifend ist, hat Megan den Zuschauern überflüssigerweise längst erzählt – als hätten sie das nicht auch so merken können. Überhaupt sind die wichtigen Männer in diesem Film üble Chauvinisten, deren Respekt für Frauen sich nur knapp über Donald-Trump-Niveau bewegt – auch der vermeintliche Saubermann Tom, der seine ganz eigenen Motive hat, seine Ex zu schützen. Rachel findet nun schrittweise ­heraus, dass ihre Wahrnehmung und die Realität sich in vielen Punkten nicht decken.

Teile des weiblichen Publikums dürfte die blutige Gewalt irritieren

Nun kommt dank unerhörter Enthüllungen tatsächlich ordentliche Thriller-Spannung auf. Behutsam gestaltet Emily Blunt die Wandlung ihrer Figur vom ohnmächtigen Opfer zur bewussten Akteurin. Auch Ferguson

Zwei weitere weibliche Figuren in diesem Film der starken Frauen verschenkt Taylor, anstatt etwas mit ihnen anzufangen. Allison Janney, einst in der Serie „The West Wing“ eine Wucht als Pressesprecherin des US-Präsidenten, entwickelt als ermittelnde Polizistin Charakter, hat aber nur wenige kurze Auftritte. Und Laura Prepon, brillant als zwiespältige Schlüsselfigur in der Frauen-Knast-Serie „Orange is the new Black“, darf hier als Rachels einzige Freundin nicht viel mehr tun als ein paar mahnen de Worte sprechen.

Teile des weiblichen Publikums, das dieser Film zweifellos ansprechen möchte, dürften allerdings darüber irritiert sein, dass Taylor punktuell blutige Gewalt zelebriert, wo sie keinerlei Erkenntnisgewinn bringt. Hier verdichtet sich der Verdacht, dass sein Interesse vor allem ein voyeuristisches ist. Die Musik von Danny Elfman, der verlässlich sämtliche Werke von Tim Burton passend untermalt hat, unterstreicht die paranoide Grundstimmung – und Tate reizt das Hauptthema derart aus, dass man als Zuschauer bald selbst Paranoia entwickeln kann jenseits der Filmhandlung.