Filmkritik „Hectors Reise ...“ Unsinn kann Freude machen

Er sieht die Welt mit den Augen eines Kindes: der Komiker Simon Pegg als globetrottender   Hector. Foto: Wild Bunch
Er sieht die Welt mit den Augen eines Kindes: der Komiker Simon Pegg als globetrottender Hector. Foto: Wild Bunch

Das Glück suchen wir alle. Manche gehen dabei aber systematischer vor als andere. Simon Pegg spielt in dieser Bestsellerverfilmung einen Psychiater, der die Welt bereist, um das Geheimnis des Glücks zu enträtseln. Der Film ist sehr viel witziger als die Buchvorlage.

E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Dass man glücklich war, merkt man meist erst hinterher. Wenn alles vorbei ist und neben der Ratgeberliteratur nur noch die Erkenntnis bleibt, dass es wahres Glück eigentlich gar nicht gibt. Und falls doch, dann nur in kleinen Dosen oder in Pillenform. Dann sucht man sich als moderner, erfolgsorientierter Mensch einen guten Psychiater und arbeitet daran, trotzdem glücklicher zu werden.

Einer dieser Psychiater ist Hector (Simon Pegg). Gemeinsam mit seiner Langzeitfreundin Clara (Rosamund Pike) lebt er in kleinbürgerlicher Eintönigkeit in London. Sein Privatleben: geregelt. Seine Karriere: geregelt. Sein emotionaler Zustand: nun ja. Denn trotz überfüllter Praxis ist Hector frustriert. Wenn er dem Jammern und Klagen seiner Patienten zuhört und ihnen halbherzig Medikamente gegen Depressionen und Angstzustände verschreibt, kommt er sich vor wie ein Schwindler. Er versteht nicht, warum ein Mensch trotz rational zufriedenstellender Lebensumstände unglücklich ist, ein anderer aber nicht.

Geflecht der kleinen Glücksmomente

Also macht sich der Psychiater endlich selbst auf die Suche nach dem Glück. Mit Rucksack und gezücktem Bleistift pilgert er von Land zu Land, von Glücksvorstellung zu Glücksvorstellung. Zu seinem ständigen Begleiter wird ein zerfleddertes Notizbuch, das ihm mal das Leben rettet, ihn dann wieder fast den Kragen kostet und zwischendrin all das festhält, was Hector auf seiner Reise über das Glück lernt.

Was dabei herauskommt, erinnert in „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ auf den ersten Blick mehr an Kalendersprüche als an tiefgründige Erkenntnisse: „Glück bedeutet, sich rundum lebendig zu fühlen“ oder „Glück ist, wenn man richtig feiert“ oder aber auch „Glück wäre, wenn man mehrere Frauen gleichzeitig lieben könnte“. Doch was beim ersten Hinschauen wie eine Ansammlung von Allerweltsweisheiten wirkt, entfaltet auf der Reise eine ganz andere Wirkung.

Gewiss, wer große Philosophie erwartet, ist hier falsch. Der Sprung ins Unbekannte bringt Hector die großen Traditionslinien der Glücksphilosophie – trotz obligatorischem Treffen mit einem buddhistischen Mönch – nicht unbedingt näher. Darauf legt es Peter Chelsoms Film allerdings auch gar nicht an. Gerade aus der Kombination kleiner Alltagsweisheiten entsteht im Laufe von Hectors episodenhafter Reise ein wunderbar liebenswertes Geflecht der kleinen Glücksmomente.

Mehr Witz als in der Buchvorlage

Dasselbe Prinzip nutzt der gleichnamige, dem Film zugrunde liegende Roman von Francois Lelord. Er mixt verständliche Weisheiten, für die man kaum Vorkenntnisse braucht, mit einer Portion sympathischer Naivität. Lelord, ehemals Psychiater, durchkämmt mithilfe seines Alter Egos Hector die Philosophie des kleinen Glücks – und ist damit Bestsellerautor geworden.

Auch die Adaption durch Chelsom („Shall we dance?“) ist ein bisschen verträumt, ein bisschen melancholisch und nie allzu tiefgründig. Gleichzeitig verleiht sie der Geschichte jedoch einen Witz, den das Buch so nicht hat. Wenn der vom Komiker Simon Pegg („Hot Fuzz“) gespielte Hector kurz davor steht, von einem afrikanischen Drogenboss erschossen zu werden, aber schweißgebadet Notizbuch und Bleistift auspackt und nach den persönlichen Glücksmomenten der Verbrecher fragt, erinnert das in seiner Überdrehtheit kaum noch an Lelords Buch.

„Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ wird ein aufgekratztes Roadmovie. Dass es die Balance zwischen erbaulichem Kitsch und absurdem Humor hält, liegt an seinen brillanten Dialogen – und an Simon Pegg. Der kann wieder einmal zeigen, dass er nicht nur für die Rolle des abgedrehten Freaks taugt. Er spielt den sympathisch überdrehten Psychiater mit einer Ernsthaftigkeit, die seine Figur vor Lächerlichkeit bewahrt, ohne ihr dabei die naive Exzentrik zu nehmen.

Gute Laune mit Simon Pegg

Wie so viele von Peggs Figuren ist auch Hector eigentlich mehr Kind als Erwachsener. Im Kern vollkommen unselbstständig, sieht er die Welt mit den Augen eines ­12-Jährigen. Und gerade das macht seinen Charme aus. Simon Pegg macht die Figur erwachsen – und gleichzeitig auch wieder nicht. Mit Humor und nuanciertem Spiel sorgt er dafür, dass „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“ sich ständig an der Grenze zwischen Erbaulichkeit und Unsinn bewegt. Und wenn der Film dann doch mal ins Unsinnige abtaucht, ist das meistens so herrlich verrückt, dass es einen wunderbaren Kontrast zur subtilen Ratgeber-Attitüde der Geschichte bildet.

Vielleicht ist es auch gerade das, was beim Zuschauen für kleine Glücksmomente sorgt. Denn fast überall, wo es Glück gibt, gibt es auch Freude am Unsinn. Dieser Satz stammt übrigens von Friedrich Nietzsche – und nicht aus einem Ratgeber.

Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück. Kanada, Deutschland 2014. Regie: Peter Chelsom. Mit Simon Pegg, Rosamund Pike, Toni Collette, Stellan Skarsgard, Jean Reno, Veronica Ferres. 119 Minuten. Ab 12 Jahren.




Unsere Empfehlung für Sie