Filmkritik „Her“ Wie küsst man ein Betriebssystem?

Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) ist nicht so einsam, wie er wirkt. Im Smartphone steckt seine Geliebte Samantha. Die ist ein Stück Software. Foto: Verleih
Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) ist nicht so einsam, wie er wirkt. Im Smartphone steckt seine Geliebte Samantha. Die ist ein Stück Software. Foto: Verleih

Für viele von uns sind schon heute Computer Smartphone und soziale Netzwerke nicht mehr wegzudenken aus dem Leben. Spike Jonze erzählt in seinem genialen neuen Film „Her“ von der nächsten Stufe der Entwicklung: intelligente Software wird zum attraktiven Partner.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Nicht einmal die dreistesten Werberasseln der Softwareindustrie verstiegen sich bisher zu dieser Behauptung: dass da ein Betriebssystem auf den Käufer warte, in das man sich verlieben könne. Man ist ja schon froh, wenn die wirre Ansammlung von Einsen und Nullen fähig ist, ein paar alltägliche Büroarbeiten zu unterstützen, ohne dauernd abzustürzen. In unserer Welt sind Betriebssysteme noch immer zum Hassen da.

Der Regisseur und Autor Spike Jonze aber erzählt in „Her“ aus einer anderen Welt, einer nahen Zukunft, in der die Run Time Errors endlich besiegt sind oder vom Betriebssystem diskret und unauffällig bewältigt werden wie ein Sektblasenhickser von einer Ballkönigin. Joaquin Phoenix spielt in der besten Rolle, die er je hatte, „Walk the Line“ hin, „The Master“ her, den Angestellten Theodore Twombly. Er lebt ein ins Digitale verlagertes Leben, das sich von dem uns bereits möglichen nur dadurch unterscheidet, dass ringsum kein Gegenentwurf mehr existiert.

Ein Leben des Murmelns und Löschens

Theodores Sozialkontakte laufen über E-Mails und Netzwerkapplikationen, die er auf dem Smartphone per Sprachsteuerung sichtet und sortiert. Wenn er unterwegs ist zwischen Büro und Arbeitsplatz, hat er den Knopf im Ohr und lässt sich vorlesen, was an Spam oder Nachrichten zu seiner anstehenden Scheidung nach einer Phase der Trennung eingetrudelt ist.

„Löschen, löschen, löschen“, murmelt er vor sich hin, auf beschirmten Wegen zwischen gläsernen Gebäuden, einer von vielen murmelnden Passanten, jeder allein in der Welt, die er schon kennt, befreit vom Schrecken, sich mit Fremden unterhalten zu müssen.

Blase der Begüterten

Sein Geld verdient Theodore mit Briefen, die er für andere schreibt, für Menschen, die sich ihre sanften Worte an die Geliebte oder die eigenen Eltern aus Zeit-, Sprach- oder Gefühlsmangel beim Intimitätenhändler kaufen. Menschliche Nähe wird durch eine Luxusvariante der Grußkarte simuliert.

Kamera, Schnitt und Ton erschaffen diese Welt als sanften Kokon, sie überzeugen uns mit eleganter Molligkeit, dass hier keiner aufbegehren will. Man kann nicht entscheiden, ob Jonze von einer Blase der Begüterten in einer nach wie vor armen Welt erzählt oder ob er den alten SF-Traum vom Wohlstand für alle zitiert. Aber diese kantenfreie Sphäre ist in sich überzeugend, ein lind die Patienten umfassendes Wellnessbecken zur erfolgreichen Linderung der Entfremdungsjuckreize.




Unsere Empfehlung für Sie