Filmkritik „Hin und weg“ Sterbehilfe leicht gemacht

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Sterbehilfe beziehungsweise der Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende sind aktuelle Themen. Dieser deutsche Film zeigt sie in der Light-Variante und verärgert, statt Bedenkenswertes zu liefern.

Hannes (Florian David Fitz) ist krank und möchte sterben. Erzählt wird das kein bisschen überzeugend. Foto: Wolfgang Ennenbach/Majestic
Hannes (Florian David Fitz) ist krank und möchte sterben. Erzählt wird das kein bisschen überzeugend. Foto: Wolfgang Ennenbach/Majestic

Stuttgart - Das Thema ist todernst und von trauriger Aktualität: Nach dem Selbstmord des früheren MDR-Intendanten Udo Reiter, der sich vor zwei Wochen aus dem Leben geschossen hat, wird allerorten über selbstbestimmtes Sterben diskutiert. Dass sich auch das deutsche Kino dem komplexen Ethik-Thema widmet, ist insofern mehr als überfällig – und wer Sterben und Sterbehilfe fiktional durchspielt, kann am Ende auch mit einem großen Drama voller Erkenntnisgewinn belohnt werden: „Hin und weg“, das am Donnerstag in den Kinos startende Roadmovie, könnte der Film der Stunde sein.

Hannes leidet unter ALS, einer unheilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems, die irgendwann zum Ersticken führt. Die Ärzte geben ihm noch höchstens fünf Jahre, aber weil er nicht langsam Dahinsiechen will, entscheidet er sich für Sterbehilfe. Seine Freunde wissen zwar noch nichts von seiner Krankheit, sollen ihn aber dennoch auf seiner letzten Reise begleiten, im Rahmen ihrer Fahrradtour, die in diesem Jahr nach Belgien führt. Dass dort der Arzt mit der Giftspritze auf Hannes wartet, ahnen sie beim Radelstart in Frankfurt nicht. Und als sie es am zweiten Tourtag doch erfahren, hat der Regisseur Christian Zübert sein Roadmovie mit Drahteseln schon längst in eine ärgerliche Schieflage gebracht: Sterbehilfe, ja, bitte, aber nur mit guter Laune!

Der Tod wird verharmlost

Die flapsige Unbekümmertheit des Filmtitels „Hin und weg“ legt sich hier leider auch über den routiniert fotografierten Hin-und-weg-Sterbetourismus der Handlung. Die physischen und psychischen Qualen eines Todkranken mutet uns das Drehbuch nicht wirklich zu: Wenn der von Florian David Fitz verkörperte Hannes leidet, dann unter der Einsicht, dass er sportlich nicht mehr topfit ist. Erschöpft steigt er früher vom Rad als die anderen, darin gipfelt seine Krankheit. ALS light: die Regie verharmlost, was nicht zu verharmlosen wäre, nämlich Tod und Todesangst – und schon ist der Weg frei für flotte Sechzig-Sekunden-Psychogramme der durch die Eifel gen Grenze radelnden Großstädter.

Äußerer Anlass für die nun reihum stattfindende Seelenerkundung ist ein Gruppenspiel. Bei ihrem ersten Halt in einer Dorfgaststätte stellen die Freunde einander geheime Aufgaben, die sie auf der Reise erfüllen müssen. Gesagt, getan – mechanisch hakt „Hin und weg“ die forciert originellen Herausforderungen ab, die vom Zeugen-Jehova-Verprügeln bis zum Gang-Bang-Bumsen reichen. „Wir hauen noch mal richtig auf die Kacke“, verspricht der von Jürgen Vogel als Womanizer gespielte Michael dem sterbenskranken Hannes, der seinerseits am Lagerfeuer seine Freunde bittet, aus der bald unvermeidlichen Totenfeier „einfach eine Party“ zu machen.

Um den Preis der Menschlichkeit

Das Sterben, eingemeindet in den Lifestyle der Spaßgesellschaft: der Regisseur vergibt die Chance eines ernsthaften Beitrags zur Ethik-Debatte. Zusammen mit den Stars des deutschen Kinos – neben Fitz und Vogel vor allem Julia Koschitz – legt Zübert eine Tragikomödie vor, die ihrem Thema nicht gewachsen ist. Mehr noch: die prämortale Hau-auf-die Kacke-Party mit hipper Gitarrenmusik macht allen Beteiligten derart Spaß, dass der Zuschauer am Ende sogar dem Sterbewunsch des ALS-light-Patienten kaum noch Glauben schenken mag. Das Drehbuch verabreicht ihm trotzdem die Todesspritze. Und da wird „Hin und weg“ nicht nur ärgerlich, sondern auch zynisch: Hannes muss sterben, koste es, was es wolle – und sei’s die Menschlichkeit.

Hin und weg. Deutschland 2014. Regie: Christian Zübert. Mit Florian David Fitz, Julia Koschitz, Jürgen Vogel. 95 Minuten. Ab 12 Jahren.