Filmkritik „Ich fühl mich Disco“ Träumen in der Plattensiedlung

Von Kathrin Horster 

Der Teenie Florian steht aif Schlager, Discofummel und Retrokitsch. Seinem Vater ist das überhaupt nicht recht. Als Sporttrainer will Papa auch daheim klare Ansagen machen. Das gibt Stress und eine gute deutsche Familienkomödie.

Die üblichen Vater-Sohn-Konflikte (Heiko Pinkowski, l., und Florian Herbst)  werden in dieser schönen deutschen Komödie kreativ ausgetragen. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH
Die üblichen Vater-Sohn-Konflikte (Heiko Pinkowski, l., und Florian Herbst) werden in dieser schönen deutschen Komödie kreativ ausgetragen. Foto: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Stuttgart - Florian (Frithjof Gawenda) hat es nicht leicht. Er steckt mitten in der Pubertät, ist übergewichtig und bekommt schnell Flecken im Gesicht, wenn ihn etwas mitnimmt. Sein Vater Hanno (Heiko Pinkowski) will ihm das Mofafahren beibringen, aber Florian hört lieber Schlager. Mutter Monika (Christina Große) teilt Florians Vorliebe für den Sänger Christian Steiffen und legt sich deshalb mit Hanno an. Dann wirft ein trauriges Ereignis die Familie aus der Bahn, Vater und Sohn müssen ihre Beziehung neu ordnen.

Axel Ranischs Film „Ich fühl mich Disco“ erzählt eine klassische Geschichte vom Erwachsenwerden mit viel Witz und Gespür für das Außergewöhnliche im Alltäglichen. Besonders gut gelingen die improvisierten Dialoge, das Ensemble spielt authentisch und vermittelt ein zuweilen dokumentarisch anmutendes Familienbild. Die Handlung ist im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg angesiedelt, wo der Soli nicht ganz angekommen zu sein scheint.

Fluchten unter der Discokugel

Hanno arbeitet als Sprungtrainer in einem maroden Schwimmbad, die Wohnung liegt in einer Plattenbausiedlung aus DDR-Tagen. Florians Vorliebe für Schlager und Anzüge aus den Siebzigern wirkt angesichts der trostlosen Umgebung geradezu logisch, ebenso wie die Alltagsfluchten mit seiner Mutter unter der Discokugel.

Obwohl der Film von einigen skurrilen Einfällen lebt, erzählt Ranisch die Geschichte direkt und unkompliziert. Florians Ausflüge in Tagtraumwelten werden einfallsreich mit der Realitätsebene verwoben. Durch die Farbdramaturgie wird eine deutliche Unterscheidung zwischen den Welten getroffen, in denen sich Florian bewegt: Während draußen auf der Straße das Licht grau und trüb ist, herrscht im Kinderzimmer meist warmes Orange vor.

Konsequente Kitschvermeidung

Stärkstes Stilmittel ist die Musik. Ranisch („Dicke Mädchen“) setzt neben den Schlagern von Christian Steiffen auf Werke von Sergei Rachmaninow und erzeugt durch die unkonventionelle Gegenüberstellung eine intensive musikalische Spannung. Während der Schlagerstar als Medium für Florians unausgesprochene sexuelle Sehnsüchte fungiert, kommentieren die klassischen Stücke von außen sein Gefühlsleben, was aber nie ins Prätentiöse abgleitet. Die konsequente Kitschvermeidung entschädigt denn auch für kleinere Klamaukausbrüche.

Ich fühl mich Disco. Deutschland 2013. Regie: Axel Ranisch. Mit Frithjof Gawenda, Heiko Pinkowski, Christina Große, Robert Alexander Baer. 95 Minuten. Ab 12 Jahren.