Filmkritik: „Inferno“ Im Wettlauf gegen die Pest

Von Martin Schwickert 

Kunstgeschichte hat selten so vielen Menschen Gänsehaut bereitet. In den Thrillern von Dan Brown und in deren Verfilmungen muss der Held Robert Langdon geheime Botschaften in großer Kunst richtig deuten, um die Welt zu retten. In „Inferno“ rast Tom Hanks als Langdon wieder los. Aber reißt er uns Zuschauer noch immer mit?

Robert Langdon (Tom Hanks) und Sienna Brooks (Felicity Jones) auf Schnitzeljagd: Es geht wie immer ums Ende der Welt. Foto: Sony Pictures 13 Bilder
Robert Langdon (Tom Hanks) und Sienna Brooks (Felicity Jones) auf Schnitzeljagd: Es geht wie immer ums Ende der Welt. Foto: Sony Pictures

Stuttgart - Für einen Harvard-Professor sieht Robert Langdon (Tom Hanks) ganz schön ramponiert aus: Platzwunde am Kopf, zerrissenes Jackett, am Handgelenk statt der geliebten Mickey-Mouse-Uhr ein Patientenarmband des örtlichen Hospitals. Die Erinnerung an die letzten zwei Tage sind in seinem Kopf ausgelöscht. Stattdessen arbeiten sich Albträume aus dem Unterbewusstsein hervor, in denen dämonische Gestalten, blutrote Flutwellen und eine verschleierte Frau nichts Gutes verheißen.

Mit einem demolierten Helden also beginnt „Inferno“, die Adaption des Romans von Dan Brown, dessen Vorgängerwerke „Illuminati“ und „Das Sakrileg“ zu den meistverkauften Büchern unserer Zeit gehören. Deren Verfilmungen spielten weltweit 1,24 Milliarden Dollar ein. Schnitzeljagd und Schatzsuche sind eben immer noch auf Kindergeburtstagen die beliebtesten Spiele, und auf diesen urmenschlichen Modus von Hetzen und Entdecken bauen Browns Romane auf. Dabei verwebt der Amerikaner klassische Thriller-Plots mit kunsthistorischen Diskursen und schlägt damit für seine Leserschaft die Brücke zwischen Bestseller-Mainstream und bildungsbürgerlicher Attitude.

Biogenetischer Terror

Das ist in „Inferno“, dem vierten Roman der Langdon-Serie, nicht anders. Denn der versierte Symbolforscher wird nach seinem Blackout nicht nur von Albträumen verfolgt, sondern auch von Finsterlingen und Regierungsorganisationen. Ganz nebenbei muss er noch die Welt vor einem biogenetischen Terrorakt bewahren. Ein Milliardär will den Planeten vor den Folgen der Überbevölkerung schützen, indem er eine künstliche Seuche in Gang setzt. Dieser Bertrand Zobrist (Ben Foster) will einen Neuanfang durch gewaltsame Entvölkerung herbeiführen, so wie einst die Pest der Renaissance den Weg geebnet hat.

Gleich zu Beginn stürzt sich der Schurke, nachdem er die Zeitbombe gelegt hat, malerisch von der Badia Fiorentina, nicht ohne – warum auch immer - eine verschlüsselte Spur zu hinterlassen. In „Das Sakrileg“ waren es Da Vincis Werke, in „Illuminati“ die Schriften Galileis, die den Weg wiesen. Nun liefert Dantes „Göttliche Komödie“ den Fahrplan für eine bildungsbürgerliche Achterbahnfahrt entlang der Kunstschätze von Florenz, Venedig und Istanbul. Als weibliche Weggefährtin wird Langdon diesmal die Ärztin und universell Hochbegabte Sienna Brooks (Felicity Jones) zur Seite gestellt.

Mehr Action als Kunstgeschichte

Dankenswerterweise verzichtet Ron Howards Adaption im Gegensatz zur Vorlage auf eine Romanze. Ohne amouröse Komplikationen hecheln die von einer schießwütigen Carabiniera (Ana Ularu) und einem undurchsichtigen WHO-Ermittler (Omar Sy) Verfolgten von einer Station zur nächsten. Wenig überraschend schaffen sie es stets gerade so, das Rätsel zu lösen, bevor Beschuss zum Weiterrennen zwingt. Dabei hält Howard, der auch die ersten beiden Romane verfilmte, die Phasen kunstgeschichtlicher Kontemplation gegenüber den Action-Anteilen deutlich kürzer. Das kann man sich gut anschauen, weil die Entschlüsselungs-Locations vom Palazzo Vecchio über den Markus-Dom bis hin zur Hagia Sophia gut gewählt sind.

Aber auch wenn der Unterhaltungsfaktor über dem eines Diavortrages bei reiselustigen Freunden liegt, setzen irgendwann Ermüdungserscheinungen ein. Die Erzählung gehorcht bis auf wenige gewagte, aber nicht unbedingt gelungene Plotwendungen dem immer gleichen dramaturgischen Schema, das auch die beiden ersten Filme antrieb. Anders als in den Vorgängerwerken sind die Gemälde, Skulpturen und Schriften nicht Gegenstand von Interpretationen, die mit der Thriller-Handlung verschmelzen. Sie dienen meist nur als Briefkasten für die aufwendige Schnitzeljagd, was das intellektuelle Vergnügen der ganzen Angelegenheit deutlich reduziert.

Im Roman deutete es sich an, im Film wird es zur Gewissheit: Browns Erfolgsmuster hat sich abgeschliffen. Es verlangt nicht nach weiterer Variation, sondern nach einer grundlegenden Neubearbeitung – oder einem würdevollen Begräbnis. Letzteres ist aber noch längst nicht in Sicht. Die Adaption eines weiteren Langdon-Romans steht noch aus. Und auch Dan Brown hält an seinem Harvard-Helden trotz fehlender Superkräfte fest. Zur Zeit arbeitet er am fünften literarischen Auftritt des Symbolforschers, ohne sich jedoch auf ein Veröffentlichungsdatum festlegen zu wollen.

Inferno. USA, Japan, Türkei, Ungarn 2016 Regie: Ron Howard. Mit Tom Hanks, Felicity Jones, Omar Sy. 121 Minuten. Ab 12 Jahren.