Filmkritik: „Seefeuer“ Bilder vom Meer der Flüchtlinge

Erstmals hat dieses Jahr ein Dokumentarfilm den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Nun läuft der Sieger auch im Kino. Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi erzählt ganz anders als die Nachrichten von der Flüchtlingskrise.

Ein Seeigel-Taucher vor der Küste Lampedusas: die Friedlichkeit solcher Bilder wird in „Seefeuer“ mit dem Flüchtlingselend kontrastiert. Foto: Verleih
Ein Seeigel-Taucher vor der Küste Lampedusas: die Friedlichkeit solcher Bilder wird in „Seefeuer“ mit dem Flüchtlingselend kontrastiert. Foto: Verleih

Stuttgart - Gerade einmal zwanzig Quadratkilometer Land umfasst die Insel Lampedusa. Und doch ist dieser Teil Italiens näher an Afrika als an Europa gelegen, ein Brennpunkt der Weltgeschichte. Hier landen Flüchtlinge aus Afrika, wankten die Elendsgestalten an Land, die von Küstenwache und Marine von kaum seetüchtigen, heillos überfüllten Booten gerettet wurden. Hier werden auch die sterblichen Überreste jener gerichtsmedizinisch erfasst, die auf den Booten erstickt sind oder verdurstet, erdrückt wurden oder bei Streitereien zu Tode kamen. Nur geschätzt werden kann, wie viele gar nicht erst gezählt werden müssen, weil sie fern jeder Hilfe in die Tiefe gerissen werden.

Auf dem Meer warten Höllenbilder, und Gianfranco Rosi müsste nur hinausfahren mit einem der Rettungsboote und die Kamera nahe draufhalten. Schon hätte er einen schockwertreichen Reizfilm zur Flüchtlingskrisendebatte. Für dessen Wert und Notwendigkeit in genau dieser Form ließen sich Argumente finden.

Nur scheinbar der Welt entrückt

Aber der 1964 im eritreischen Asmara geborene, bis zum dreizehnten Lebensjahr dort aufgewachsene, dann aus den Gefahren des Unabhängigkeitskriegs evakuierte Rosi wählt einen anderen Weg. Er beginnt mit harsch schönen Aufnahmen des Provinzlebens, mit dem Treiben eines Dorfjungen in einer vermeintlich weltentrückten Idylle. Der nicht eben sportliche Fischerjunge Samuele klettert mühselig auf einen Baum, um sich eine Astgabel für eine Schleuder zu holen. Einstellung um Einstellung sehen wir ihn an der Zwille basteln. Dass man in den Bildern etwas ominös Bedrohliches finden kann, dass Samueles Ernst bei der Vorbereitung zum Vogeljagen und Kakteenzerschießen stärker von grimmigem erwachsenem Ernst als von kindlichem Spieltrieb geprägt scheint, hat vordergründig nichts mit den Flüchtlingen zu tun.

Den Elenden nähert sich Rosi da noch lange nicht. Er zeigt nur die rotierenden Radarantennen der Küstenwache im Dunkeln. Den Bildern, die Assoziationen an viele Arten einsamer Nachtwache in undurchschaubarer Welt aufrufen, legt Rosi Mitschnitte eines längst nicht mehr ungewöhnlichen Funkverkehrs unter. „Um Gottes willen, helft uns“ fleht jemand im Äther, unter Knackern und Krächzern, die baldigen Verbindungsabbruch androhen. „Position, Ihre Position“, fordert sonor eine viel kräftigere Stimme.

Der ganz normale Todestanz

Man kann in der nie wankenden Ruhe Abstumpfung sehen oder höchsten Professionalismus eines Küstenwachenfunkers, der Ausnahmezustand und Todesangst als Normalität der neuen Zeit verinnerlicht hat. So oder so, dieser Mann versucht, der Hilfe eine Grundlage zu geben. „Position, Ihre Position“ fragt er wieder und wieder, in einem körperlosen Todestanz, in dem sein Gegenüber, wohl ohne seefahrerische Kenntnisse und gewiss ohne nautische Instrumente, nur Verzweiflung senden kann: „Helft uns doch, um Gottes willen, helft uns.“ Und die Antennen drehen sich, ohne eine Peilung zu finden. Ein unscheinbar kleines Boot genügt, um viele Menschen in den Tod zu fahren.