Filmkritik „The Amazing Spider-Man 2“ Superschurken im Spinnennetz

Spider-Man bekommt es diesmal mit einer individualisierten Variante der Energiewende zu tun: ein Superschurke entwickelt Elektrokräfte. Foto: Sony
Spider-Man bekommt es diesmal mit einer individualisierten Variante der Energiewende zu tun: ein Superschurke entwickelt Elektrokräfte. Foto: Sony

Andere hadern mit der ständig steigenden Stromrechnung. Peter Parker alias Spider-Man zofft sich mit einem Kerl, der seinen Strom selbst erzeugt, aber damit Unheil anrichtet: Superschurke Electro ramponiert unter anderem den Times Square.

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Stuttgart - Einst brachte Walt Disney seine Zeichentrickfilme alle sieben Jahre erneut in die Kinos – wenn eine neue Kindergeneration nachgewachsen war. Erst die ständige Verfügbarkeit der Klassiker auf Video machte dieses unfehlbare Geschäftsmodell zunichte. Heute muss schon alles neu drehen, wer einen Erfolg für das nachrückende Publikum wiederholen will. Nur dürfen die Abstände dabei ruhig immer kürzer werden.

Ganze fünf Jahre vergingen nach dem Abschluss von Sam Raimis „Spider Man“-Trilogie, bis der Videoclipregisseur Marc Webb alles auf Anfang setzte. Wie ein reißerisches Ausrufezeichen wirkte da das Attribut „Amazing“, das man von der klassischen Heftserie der sechziger Jahre übernommen hatte.

Was wir alles vergessen sollen

„Der Erstaunliche“: Hochseilartisten und Zauberkünstler pflegen sich so anzupreisen, aber der schwindelfreie Spider-Man ist natürlich genau besehen beides auf einmal. Wobei der Zaubertrick in diesem Fall in einem Akt der Kollektivhypnose besteht – uns vergessen zu lassen, was wir schon alles aus anderen Spider-Man-Filmen oder aus den jüngsten 3-D-Blockbustern kennen. Das klappt auch in „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ zunächst ganz ­wunderbar und hält sogar 142 unterhalt­same Minuten lang an. Ein paar Tage später aber rächt sich dann der Trick – wenn wir versuchen, uns mehr als ein paar Augen­blicke des Spektakels wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Den Teenager-Superhelden Peter Parker – Andrew Garfield versteckt in der Rolle abermals seine voluminöse Haartolle unterm Spinnenkopf – plagt das schlechte Gewissen: Dem Vater seiner von Emma Stone gespielten Freundin Gwenn hat er am Sterbebett versprechen müssen, sie durch seine Gegenwart nicht weiter zu gefährden. Ihre Trennung besiegelt sie mit einem Flugticket nach England, wo sie ein Oxford-Stipendium ergattert hat. Anders als ihr sprungkräftiger (Ex-)Freund sieht sie sich zur intellektuellen Variante der Überfliegerei berufen. Solange sie aber noch in New York weilt, bleibt sie auch ohne Peters Zutun in Gefahr: Denn Superschurken nehmen nun mal gern den Anhang ihrer Gegner in Sippenhaft.

Aus Versehen den Times Square ramponiert

Diesmal sind für die Schurkerei zuständig: der nach einer Begegnung mit Zitter­aalen dauerhaft mit Starkstrom aufgeladene Electro (Jamie Foxx) sowie Peters Sandkastenfreund Harry Osborne (Dane DeHaan). Er ist der Erbe des Großkonzerns Oscorp, für den auch Electro tätig ist. Osborne ist sterbenskrank und Peters Blut seine einzige Rettung. Wirklich böse aber sind sie beide nicht, was sich gut einfügt in den bei aller Dramatik traditionell verspielten und nuancierteren Tonfall eines Spider-Man-Films.

Electro, der höchst unfreiwillig zu Superkräften kommt, die er erst zu kontrollieren lernt, als er bereits versehentlich – in einer großartigen Animationsszene – den Times Square verwüstet hat, ist vor seiner Verwandlung der typische Bürotrottel. Der vielseitige Jamie Foxx verleiht der Figur die tragikomische Ausstrahlung eines zu plötzlicher Macht gekommenen notorischen Verlierers.

Traurige Gesellen in bunten Kostümen

Ironischerweise outet sich seine Figur früh als Spider-Man-Fan – was sie wiederum zum Stellvertreter des Publikums macht. So können wir nicht anders, als ein gutes Stück mit dem blau schimmernden Electro zu sympathisieren. Und Osborne mag als fanatischer Konzernchef ein übler Diktator sein – und ist doch auch eine Mitleid erregende Gestalt. Wenn also die Bösen schon recht traurige Gesellen sind, mag auch der Held nicht wirklich strahlen – so sehr er doch zugleich diesmal Gefallen an seiner Rolle finden möchte. Zumal das Mysterium um seinen von Campbell Scott gespielten Vater auch noch aufzuklären ist.

Es ist keine wirkliche Neuigkeit, welche Vorzüge Spider-Man gegenüber vielen anderen Comichelden aufweist. Sam Raimi hat sie in der ersten Trilogie alle herausgearbeitet, als er die Poesie des Coming-of-Age-Dramas mit dem digitalem Actionkino kombinierte. Und je größer das Spektakel wird – 3-D ist der ideale Spielraum für eine Spinne – desto eindringlicher müssen auch die Figuren gezeichnet sein, um die Balance zwischen menschlicher und technischer Ebene zu halten.

Diese Spinne kann lieben

Andrew Garfield und Emma Stone besitzen so viel echtes Charisma, dass eigentlich sie es sind, die für die wahre Animation der formelhaften Geschichte sorgen. Es ist wie bei einer hundertmal gespielten Oper, der geniale Sänger plötzlich einen einzigartigen Glanz verleihen. Wenn das Licht angeht und man nicht mehr recht weiß, was man nun hier und nicht doch schon woanders gesehen hat, dann bleiben Garfield und Stone noch immer als das stärkste Blockbuster-Liebespaar in Erinnerung. Wenigstens seit sich Leonardo DiCaprio und Kate Winslet auf der Titanic trafen.

The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro. USA 2014. Regie: Marc Webb. Mit Andrew Garfield, Emma Stone, Jamie Foxx, Sally Field. 142 Minuten. Ab 12 Jahren.




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