Filmkritik: „The Girl King“ Gekrönter Wissensdurst

Von Martin Schwickert 

Der Finne Mika Kaurismäki porträtiert die junge Königin Kristina von Schweden als sehr moderne Frau im 17. Jahrhundert. Sie wird zur sexuellen und intellektuellen Vorkämpferin.

Königin Kristina (Malin Buska) bricht Regeln und sprengt Rollenbilder. Foto: NFP
Königin Kristina (Malin Buska) bricht Regeln und sprengt Rollenbilder. Foto: NFP

Stuttgart - Nicht einmal sechs Jahre alt war Kristina von Schweden (1626-1689), als ihr Vater starb und sie die Thronfolge antrat. Sie wurde erzogen wie ein Prinz. Mit 18 übernahm sie die Regierungsgeschäfte, setzte Kultur und Bildung für breitere Bevölkerungsschichten auf ihre Agenda und sondern fädelte den Westfälischen Frieden ein.

Der Finne Mika Kaurismäki zeichnet mit „The Girl King“ das Porträt einer ungewöhnlichen Monarchin, die Wissenschaften fördert, Heiratsanträge ablehnt und sich der Thronfolgerproduktion verweigert. Stattdessen erwählt sie ihre Kammerzofe Ebba (Sarah Godon) als Bettgefährtin.

Sexuelle Pionierin

Im herkömmlichen Biopic-Format erzählt Kaurismäki von dieser unkonventionellen Frau, die den eigenen, amourösen Leidenschaften genauso folgt wie ihrem aufklärerischen Wissensdurst. Dabei werden die historischen Überlieferungen freizügig interpretiert und die junge Königin intellektuell wie sexuell als Pionierin der Moderne ausgewiesen.

Dass Kristina nach dem Verzicht auf den Thron zum Katholizismus konvertierte und sich in Rom der Förderung der Kunst widmete, verkauft der Film als Happy End, ohne sich den Widersprüchen dieser Entscheidung zu stellen. Auch hier erdrücken die filmischen Konventionen die Vielschichtigkeit des historischen Stoffes. Eine echte Entdeckung ist allerdings die Schauspielerin Malin Buska, die als junge Monarchin alle emotionalen Register zieht, ohne in Overacting zu verfallen.

The Girl King. Finnland, Kanada, Deutschland, Schweden 2015. Regie: Mika Kaurismäki. Mit Malin Buska, Sarah Gadon. 106 Minuten. Ab 12 Jahren.