Wer die alten Regeln satt hat, findet im Westen Amerikas die große Freiheit, lautet ein altes Versprechen. Dieser harte dänische Western erzählt von der Freiheit der Brutalen, die anderen zu tyrannisieren. Und natürlich von Einem, der sich wehrt.
Stuttgart - Es klingt wie eine Idee aus der wunderbaren Comicreihe „Lucky Luke“, die gleichzeitig eine Liebeserklärung an und eine Parodie auf den Western darstellt: Im staubdurchwehten, windschiefen Kaff Black Creek ist der Beerdigungsunternehmer der Bürgermeister.
Im dänischen Western „The Salvation“ signalisiert das genau das, was man von so einem Gag in Lucky Luke erwarten dürfte: dass in Black Creek so viel gestorben wird, dass das Einsargen das lukrativste Gewerbe am Ort ist; dass die Politik ein so scheinheiliges Gewerbe ist, dass des Bestatters Mischung aus Trostgeseife und kühlem Umgang mit Extremen das ideale politische Handwerkszeug abgibt; dass die wirklich Mächtigen sich einen Spitzenpolitiker halten, der Leichen lieber vergräbt, als Morde untersuchen zu lassen.
Familiennachzug in die Katastrophe
Nur dass es in „The Salvation“ kein bisschen komisch zugeht und dass es auch keinen lässigen Cowboy gibt, der Blutvergießen verhindert, indem er den Typen mit den schwarzen Hüten die Colts aus der Hand schießt. Der anständige Kerl in dieser finsteren Geschichte ist der von Mads Mikkelsen gespielte Einwanderer Jon, ein dänischer Ex-Soldat, der in die Neue Welt aufgebrochen ist. Sieben Jahre später holt er seine Frau (Nanna Oland Fabricius) und seinen Sohn (Toke Lars Bjarke) zu sich.
Das mündet in die Katastrophe. Frau und Sohn müssen sich die Kutsche mit wüsten Kerlen teilen, die sich umso übler aufführen, je weiter das Gefährt in den Westen rollt. Das ist nicht bloß individuelle Triebhaftigkeit, das wird eine Geigerzählermessung der Barbarei durch den Regisseur Kristian Levring („The King is alive“) und den Autor Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“). Die Freiheit des Westens ist hier das Schwinden der Impulskontrolle, die Enthemmung der Rüden, die Befreiung von der Angst vor Bestrafung.
Jons Frau und Sohn haben keine Chance. „The Salvation“ wird eines jener Rachestücke, die für den Italowestern typisch waren. Aber auch wenn hier klare Einflüsse von Sergio Leone und dessen „Spiel mir das Lied vom Tod“ erkennbar sind, so zeigen Jensen und Levring doch ein über die Leone-Ära hinausreichendes Verständnis des Genres. Sie wissen, dass das Beinahe-Eingeständnis einer nicht unter Kontrolle zu haltenden Asozialität im gelobten Land schon früher auftrat, in der Blütezeit des vermeintlich optimistischen Hollywood-Western, in John Sturges’ „Last Train from Gun Hill“ aus dem Jahr 1959 etwa. Und sie wissen auch, dass Vergewaltigung, Mord, Racherausch und die Macht der Gewalttätigen über ganze Gemeinschaften damals noch schockierender wirkten als später.
Die Macht der Skrupellosen
So merkt man „The Salvation“ immer wieder an, dass er eben kein opulenter, detailgenauer, letztlich spielereivergnügter Genrefasching sein will, dass es ihm nicht um den markigen Look von Hüten, Sporen, Revolvergürteln geht, nicht um die schaurig-schöne Eisigkeit, mit der stoppelbärtige Helden zum Duell schreiten. Wenn Jon die Vergewaltiger niederstreckt und wenn prompt seinerseits der Bruder (Jeffrey Dean Morgan) eines der Verbrecher, der inoffizielle Herrscher des Landstrichs, Vergeltung fordert, dann wird eine trostlose Furchtbarkeit des einstigen Paradiesentwurfes sichtbar, die Endlosspirale der Gewalt, das Ausgeliefertsein der Schwachen, die Macht der Skrupellosen.
Allerdings bekommen Levring und Jensen eben diesen Aspekt des Stoffes nicht so in den Griff, wie sie sich das wohl wünschen. Zu viel Zeit widmen sie den Schießereien, den taktischen Finten und Klemmen beim Versuch, zum Schuss zu kommen, ohne sich zu exponieren, und zu wenig (Rede-)Zeit den Schwachen und Hilflosen. Die Bevölkerung von Black Creek wird uns nebenbei als entweder völlig gedemütigte und entmutigte oder willige Gefolgschaft ihres Tyrannen gezeigt. Nicht zufällig ist die interessanteste Figur des Films, die Witwe (Eva Green) des getöteten Verbrechers, stumm. Dass Reden keine Bedeutung mehr hat und sich alles in Taten ausdrücken lässt, das ist von den Filmemachern zu kurz gedacht.
Die edlen, in Südafrika entstandenen Landschaftsaufnahmen, die beklemmende Stadtatmosphäre und die markanten Darsteller aber liefern Westernfans, was sie fasziniert: einen intensiven Tagtraum darüber, wie eine Welt wohl aussähe, in der jeder das Gesetz – oder seine Interessen – mit der eigenen Waffe durchsetzen muss.
The Salvation. Dänemark, Südafrika, Großbritannien 2014. Regie: Kristian Levring. Mit Mads Mikkelsen, Eva Green. 93 Minuten. Ab 16 Jahren.