Filmkritik: „Willkommen bei Habib“ Döner und schwäbische Fleischküchle

Von Kathrin Horster 

Als auf dem Stuttgarter Wilhelmsplatz gedreht wurde, tappten immer wieder hungrige Passanten in die Kulisse, in eine nur für den Film aufgebaute Imbissbude. Döner gab es damals leider nicht, erst jetzt wird serviert: eine vorzügliche Tragikomödie, mit allem und scharf.

Drei Generationen schauen einträchtig vom Monte Scherbelino hinab. Foto: Verleih
Drei Generationen schauen einträchtig vom Monte Scherbelino hinab. Foto: Verleih

Stuttgart - Vor Habibs Imbiss am Stuttgarter Wilhelmsplatz türmen sich die Säcke, seit die Müllabfuhr streikt. Habib (Vedat Erincin) ist Ende Vierzig und stolzer Erbe des kleinen Gastronomiebetriebs, aber sein Leben läuft nicht rund. Ständig zankt er sich mit seiner Ehefrau Andrea (Teresa Harder), die einen Call-Shop in der Nähe betreibt. Und weil sein aufmüpfiger Sohn Neco (Burak Yigit) mit Frau und Kind immer noch nicht raus will aus dem Hotel Mama, ist Habib lieber in der Dönerbude als in der engen Wohnung.

Unter seinen Gästen ist Ingo (Klaus Manchen), ein an Demenz erkrankter Rentner. Ingo ist aus dem Heim ausgebüxt, um seine Tochter anzurufen, die er vor vierzig Jahren im Stich gelassen hat. Dann ist da noch der erfolgreiche Geschäftsmann Bruno (Thorsten Merten), der gerade hochkant aus seiner Firma geflogen ist. Angeblich hat er hohe Summen veruntreut. Auf einer Verkehrsinsel vor der Firma tritt Bruno in den Sitzstreik und versucht nebenbei, einen großen Deal abzuwickeln.

Das Leben rund um den Wilhelmsplatz

„Willkommen bei Habib“ ist bereits der zweite Film, den der Regisseur Michael Baumann in Stuttgart gedreht hat. Zusammen mit Jenke Nordalm realisierte er 2010 die Doku „Waschen und Leben“ über einen Friseursalon im Stuttgarter Westen. Auch in seinem aktuellen Spielfilm beschäftigt sich Baumann mit einem sozialen Mikrokosmos und stemmt damit ein ehrgeiziges Projekt. Mit kleinem Budget und begrenztem Aktionsradius rund um den Wilhelmsplatz verknüpft er Bruchstücke von vier Männerbiografien zur gelungenen Großstadterzählung. Der für die Dreharbeiten eigens aufgebaute Imbiss bildet dafür den Dreh- und Angelpunkt.

Habib fühlt sich in Deutschland zuhause und schiebt jeden Gedanken an die alte Heimat kategorisch beiseite. Neben dem obligatorischen Döner stehen auch schwäbische Fleischküchle auf der Speisekarte. Neco dagegen will kein Deutscher mehr sein. Mit seiner Geliebten Jona (Luise Heyer) träumt er davon, in die Türkei abzuhauen.

Ein Glas Raki als Lehrmeister

Wenn Habib und Neco sich streiten, kassiert der erwachsene Sohn noch immer die berüchtigte „osmanische Schelle“ seines Vaters, um sein eigenes Kind kümmert sich Neco nur sporadisch. So wie sich der Vater von seiner Frau entfernt hat, ist auch der Sohn seiner Ehe mit Semra (Maryam Zaree) entfremdet, die er viel zu früh eingegangen ist. Der Verlust der Familie, des Zuhauses und der Lebensziele betrifft indes alle Charaktere des Films.

Während Bruno grimmig darum kämpft, von seinem Kompagnon angehört und rehabilitiert zu werden, hat sich Ingo seine Niederlage längst eingestanden. Wie schwierig es ist, mit anderen eine funktionierende Beziehung einzugehen, beschreibt er mit Hilfe des „Louche-Effekts“: Jeden Tag trinkt er bei Habib einen Raki. Dabei beobachtet er, wie sich durch Zugabe eines Eiswürfels eine Öl-Wasser-Emulsion im Schnaps bildet. Die milchig-trübe Verbindung der beiden Stoffe erklärt Ingo korrekt zur bloßen optischen Täuschung.

Solche mitunter bitteren Einsichten serviert der Film in heiterem Ton. Michael Baumann und seine Co-Autorin Sabine Westermaier zeigen die vier Männer als liebenswerte Schlitzohren mit Fehlern, Ecken und Kanten, wobei sie auf jede Gefühlsduseligkeit verzichten.

Tragik, Komik, Happening

Auch wenn die Handlung auf den ersten Blick durch die häufige Dopplung von Problemen etwas überkonstruiert wirkt, überzeugt die Geschichte durch Vielschichtigkeit und authentische Figuren. Baumann und Westermaier schaffen den Spagat zwischen alltäglicher Tragik und überdrehter Komik: Bruno will sich mit einem aus Sperrmüll improvisierten Büro auf der Verkehrsinsel darüber hinwegtäuschen, dass er soeben obdachlos geworden ist. Ein Passant hält das merkwürdige Treiben hingegen für ein Kunsthappening.

Ein kleines Ereignis ist „Willkommen bei Habib“ im deutschen Kino allemal; selten gelingt es einem Film hierzulande, so amüsant und leicht von den großen Fragen des Lebens zu erzählen.

Willkommen bei Habib. Deutschland 2013. Regie: Michael Baumann. Mit Vedat Erincin, Burak Yigit, Thorsten Merten, Klaus Manchen. 115 Minuten. Ab 6 Jahren.