Filmkritik zu „12 Years a Slave“ Die Natur der Grausamkeit

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Die Sklaven im Süden der USA hofften einst, es in den Norden und in Freiheit zu schaffen. Steve McQueens Film erzählt erschütternd von einem Mann, der aus der Freiheit zurück unter die Peitsche verschleppt wird.

Gute Chancen auf einen Oscar: der Kinofilm „12 Years a Slave“. Foto: Tobis Film
Gute Chancen auf einen Oscar: der Kinofilm „12 Years a Slave“. Foto: Tobis Film

Stuttgart - Die Sklaverei war überall schreiendes Unrecht. Nirgends aber erscheint uns die Entrechtung des Menschen perverser als in den jungen USA, weil doch gerade dieses Land sich als Hort der Freiheit definierte.

Ma kann an diese Sklaverei erinnern, indem man ein möglichst breites und intensives Panorama von Qual und Erniedrigung malt und die großen Prozesse und kollektiven Lügen dieser Wir-definieren Menschen-als-Vieh-Geschäftemacherei an ergreifenden Einzelbeispielen abhandelt. Steven Spielberg hat das in „Amistad“ versucht. Steve McQueens „12 Years a Slave“, der gerade einen Golden Globe als bestes Drama gewonnen hat und dem gute Chancen für die Oscar-Nacht am 2. März eingeräumt werden, geht einen anderen Weg.

Der 1969 in London geborene dunkelhäutige Regisseur schildert nicht den Normalfall der Sklaverei, auch nicht einen Störfall der Normalität. McQueen untersucht die Perversion innerhalb der Perversion, eine Freiheitsberaubung, die sogar gegen die Regeln der Sklaverei verstößt.

Der Film beginnt erwartbar

Dabei beginnt „12 Years a Slave“ eigentlich ganz erwartbar, also mit präzise und sinnlich inszenierten Bildern der alltäglichen Hölle im Süden. Die Sklaven schuften in der Hitze, der junge Herr der Plantage hat üble Laune und will sich sexuell abreagieren. Also befiehlt er eine seiner Sklavinnen zu sich, vielleicht in vollem Genuss der Pein, die er der Frau, ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn zufügen kann.

Der Mann der Vergewaltigten wird diesmal nicht demütig genug bleiben, der weiße Herr wird ihn dafür vor den Augen des Kindes ermorden. Der Plantagenbesitzerin ist das dann doch ein wenig unangenehm. Sie nimmt den kleinen Jungen Solomon zu sich ins Haus, zur leichteren Arbeit, wobei sich eine weitere Absurdität des weißen Dünkels offenbart. Solomon findet hier Anregungen und Chancen, aber er darf sie nicht nutzen. Weil seinesgleichen als genetisch dumm gilt, wird jeder Ansatz intellektuellen Strebens als besonderes Zeichen von Dummheit bestraft, mit Verbannung zurück aufs Feld.

Solomon Northup mogelt sich durch, er lernt, Geige zu spielen, und tut seinen Herren gegenüber erzwungenermaßen so, als sei dies nur das bizarre Kunststück eines so fingerfertig kopierenden wie ahnungslosen Äffchens. Allein daraus könnte man bereits einen herben Film entwickeln, aber das ist nur die Vorgeschichte.

Solomon Northrup wird es nämlich in den Norden schaffen, in die Freiheit, eine Familie gründen und als Bürger leben. Das Nebeneinander dieser beiden Konzepte von Schwarzsein innerhalb einer Nation kann einem den Kopf zum Platzen bringen. McQueens auf einer wahren Geschichte basierender Film aber hat einen weiteren Irrsinn zu bieten: Solomon wird von Menschenhändlern zurück in den Süden verschleppt und erneut als Vieh klassifiziert.

Fassbinder spielt einen brutalen Aufseher

Der afroamerikanische Drehbuchautor John Ridley und der Regisseur McQueen schildern nun eine herzzerreißende, aber eben nicht sentimentale Geschichte des Ausgeliefertseins. Dabei überzeugt Chiwetel Ejiofor als Solomon, weil er Ohnmacht und Stolz nie übermäßig zur Wirkung bringen will, sondern stets die Schizophrenie eines Mannes spielt, der als Person nur überleben kann, wenn er Abstumpfung vortäuscht, der aber nicht abstumpfen darf, wenn er als Persönlichkeit überleben will.

Einen großen Unterschied zu den weißen Peinigern der Sklavereigeschichten von „Onkel Toms Hütte“ über „Roots“ bis hin zu „Amistad“ führt Michael Fassbender vor, McQueens Lieblingsschauspieler, mit der er schon „Hunger“ und „Shame“ gedreht hat. Ja, der von Fassbinder gespielte Aufseher Edwin Epps ist brutal und herrschsüchtig. Aber die Natur seiner Grausamkeit ist interessant. Wie Fassbinder ihn spielt, wirkt es, als lade der Mann mit der Peitsche jeden Zorn auf dem Rücken der Schwarzen ab, das Bewusstsein eigener Fehlbarkeit, jeden Gedanken an den Tod, jeden Grimm über eigene Schwächen jeden Neid auf Bessergestellte.

„12 Years a Slave“ ist kein hervorragend ausgestattetes Gruselkabinett der Grausamkeiten, der Film geht schlau mit seinem Thema um. Mit der Entführung Northups stellt er auch die Frage, wann man sich eigentlich sicher vor Sklaverei fühlen kann, wann man sie als historisch betrachten darf. Und mit der Grausamkeit von Epps legt er nahe, dass es weit über das Ökonomische hinaus ein Bedürfnis gibt, sich Sklaven zu schaffen.

12 Years a Slave. USA 2013. Regie: Steve McQueen. Mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Brad Pitt. 135 Minuten. Ab 12 Jahren.