Filmkritik „Zwei Tage, eine Nacht“ Das Märchen Solidarität

Viel Zeit bleibt Sandra (Marion Cotillard) nicht, um ihren bedrohten Arbeitsplatz zu retten. Foto: Alamode Filmverleih
Viel Zeit bleibt Sandra (Marion Cotillard) nicht, um ihren bedrohten Arbeitsplatz zu retten. Foto: Alamode Filmverleih

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne gehen mit ihren Filmen dorthin, wo’s weh tut. Diesmal erzählen sie von einer Frau, die gegen die Kollegen um ihren Job kämpfen muss: der Chef treibt ein perfides Spiel der Entsolidarisierung.

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Stuttgart - Gerade scheint die psychisch angeschlagene Mittdreißigerin Sandra soweit wieder stabilisiert, dass sie am Montagmorgen ins Arbeitsleben zurückkehren könnte, da erfährt sie von ihrer Freundin Juliette, dass ihr Chef gerade die Kollegen vor eine Wahl gestellt hat: da Sandras Ausfall durch extra prämierte Überstunden gemeinsam kompensiert werden konnte, könne man doch ihre Stelle gleich ganz streichen und dafür die Prämie von tausend Euro weiterhin zahlen.

Innerbetriebliche Demokratie in Zeiten des Neoliberalismus: die Arbeiter werden gegeneinander ausgespielt, der Arbeitergeber gibt nur den Schiedsrichter. 14 der 16 Kollegen konnten diesem Angebot nicht widerstehen, allerdings, so Juliette, habe der Vorarbeiter Jean-Marc auf die Mitarbeiter Druck ausgeübt, weshalb Sandra sofort handeln müsse. Tatsächlich gelingt es den beiden Frauen mit einiger Mühe, dem Chef eine Wiederholung der Abstimmung am Montagmorgen abzutrotzen, denn ihm ist hauptsächlich am Betriebsfrieden gelegen. Sandra hat jetzt ein ganzes Wochenende – zwei Tage und eine Nacht – Zeit, um für ihren Arbeitsplatz zu kämpfen.

Eine Prämie für den Egoismus

Allerdings ist Sandra keine Kämpfernatur, sondern bedarf der nachdrücklichen Unterstützung durch ihre Freundin Juliette und insbesondere ihres Mannes Manu, die sie mit Engelszungen beschwören, die Flinte nicht ohne Gegenwehr ins Korn zu werfen. So geschieht etwas Unerhörtes: Sandra, wiewohl zwischen Resignation und Selbstmord schwankend, nimmt den Kampf auf – und sucht das persönliche Gespräch mit den Kollegen, die sich eigentlich schon längst gegen ihr Verbleiben ausgesprochen haben. Nein, besser, für die Prämie.

Genau das aber ist Sandras Chance auf ihrem unfreiwilligen Feldzug gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Sie konfrontiert – ungewöhnlich genug – ihre Kollegen mit sich, verleiht ihrem „Fall“ ein Gesicht, in das hinein man seine Entscheidung begründen muss.

Damit ist die Struktur von „Zwei Tage, eine Nacht“, dem neuen Film des belgischen Brüderpaars Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta“, „Der Junge mit dem Fahrrad“), vorgegeben. Sandra mischt sich in das Wochenende ihrer Kollegen, trifft sie beim Sport, beim Autowaschen, beim Zweitjob oder auf der Straße nach dem Frühschoppen. Manche lassen sich auf ein Gespräch ein, manche verweigern sich, manche lassen sich verleugnen, manche werden aus Scham aggressiv, manche machen auch kein Hehl aus ihrem Egoismus.

Die eigenen Schulden gehen vor

Die Zeit ist zwar knapp, aber die Zahl der Kollegen auch überschaubar. In der Folge gelingt es den Dardennes meisterlich, ein soziales Panorama vor dem Zuschauer auszubreiten, in dem manchem das kleine Glück im Winkel wichtiger ist als eine Geste der Solidarität. Denn eine solche Geste ist kostspielig – und natürlich haben alle Kollegen gute Gründe für ihr Verhalten, die Sandra zudem durchaus verstehen kann.

Ihr geht es ja selber nicht anders: Hausbau, Schulden, die Ausbildung der Kinder, die kleinen Extras, die man sich dank der Prämie nun leisten kann. Wie in einem klassischen Stationendrama wandert Sandra von Gespräch zu Gespräch und sammelt Erfahrungen, erfährt Ablehnung, aber auch spontane Zustimmung. Dass sich Solidarität auch als Ausdruck christlicher Nächstenliebe verstehen lässt, erfährt Sandra vom farbigen Leiharbeiter Alphonse, der aber gleichzeitig auch Repressionen fürchtet, wenn er Sandra unterstützt.

So sind auch Sandras Kollegen in unterschiedliche Machtpositionen differenziert, was, wie die gewählte Betriebsgröße, die zu klein für gewerkschaftliche Organisationsformen ist, für die präzise Recherche der Dardennes spricht. Alles scheint eine Spur zu mustergültig und modellhaft auf eine Art von Lehrstück getrimmt, aber beim genaueren Hinsehen zeigt sich die Qualität dieser Form des filmischen Realismus, der eben kein Thema repräsentiert, sondern Beobachtungen filmisch verdichtet und daraus eine enorme Spannung bezieht.

Wenn die Nacht am tiefsten ist

Im Grunde hat „Zwei Tage, eine Nacht“ die Struktur eines Genrefilms mit dem Unterschied, dass hier gewöhnliche Menschen mit vielerlei Schwächen gewöhnliche Probleme zu lösen haben. Genau in dieser Finesse besteht noch immer ein entscheidender Unterschied zur trivialen Dutzendware des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die bereits vorgefertigte Thesen bloß noch bebildert. Trotzdem setzen die Filmemacher einen etwas forcierten moralischen und pädagogischen Schlusspunkt, der sich zwar gut anfühlt, aber letztlich politisch folgenlos bleiben wird.

Sandra hat es dem System noch einmal gezeigt, aber diese Geste zielt eher direkt in den Zuschauerraum als in den Aufenthaltsraum, in dem die geheime Abstimmung am Montagmorgen erfolgt. Doch auch im Betrieb hat Sandras Initiative Wirkung gezeigt, allerdings nur auf dem Niveau eines Hoffnungsfunken.

In einer Schlüsselszene des Films singt Petula Clark ihre französische Version des alten Searchers-Hits „Needles and Pins“. Der Titel lautet: „La nuit n’en finit plus“. Die Nacht endet nie? Die Dardennes halten es eher traditionell mit Ton Steine Scherben: „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.“ Klingt leider in dieser Version ein bisschen wie das Pfeifen im Wald.

Zwei Tage, eine Nacht. Belgien, Frankreich, Italien 2014. Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne. Mit Marion Cotillard, Olivier Gourmet, Fabrizio Rongione; 95 Minuten. Ab 12 Jahren.




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