Filmnacht Entscheidend ist die erste Minute

Von Petra Mostbacher-Dix 

Vor der Leinwand im Merlin blieb kein Platz frei, die Veranstalter waren zufrieden. Beim Low & No Budget Kurzfilmfestival wurden Filme aus acht Ländern gezeigt.

Im Merlin-Hof ist vor der Leinwand kein Platz mehr frei gewesen. Foto: Petra Mostbacher-Dix
Im Merlin-Hof ist vor der Leinwand kein Platz mehr frei gewesen. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Und wenn er uns verarschen will?“ Unsicher und gereizt blickt der Mann zu seiner Frau. Sie stellt fest, dass er feige und konfliktscheu ist. Das Intellektuellenpaar ist aus der Fassung wegen Ahmed: Just hat der Flüchtling geklingelt und über die Sprechanlage gefragt, ob er sich aufwärmen darf. Die beiden streiten dann so lange darüber, ob sie Ahmed reinlassen sollen oder nicht, bis dieser weg ist. „Wir könnten, wir sollten, wir hätten doch“ heißt der elfeinhalb Minuten kurze Film von David M. Lorenz, der ironisch wie vielschichtig Paar- und Flüchtlingsthemen verknüpft. Er war einer von 17 Kurzfilmen, die am Freitag und Samstag beim 12. Internationalen Low & No Budget Kurzfilmfestival im Kulturzentrum Merlin im Westen liefen – im Saal sowie im idyllischen Innenhof parallel. Das Gros der Zuschauer indes blieb angesichts des guten Wetters draußen. Nicht mal das Eckchen einer Sitzbank war im Hof mehr unter dem dichten Blätterdach zu ergattern.

„Heute müssen es wohl so 130 Zuschauer sein“, schätzte Ingo Klopfer am Freitagabend. Der Germanist, der im Merlin die Get Shorties Lesebühne gründete, hob auch das Filmfestival aus der Taufe, 2003 mit Albert Beckmann in Wien. Nach einem Abstecher in Weimar, brachten die beiden es dann 2007 erstmals nach Stuttgart und Heilbronn als „subkulturelles Kunst-, Film- und Musikfestival“. Später kamen die Veranstaltungsorte Mainz und Schwäbisch Gmünd hinzu. „Wir bekamen einst 300 Videokassetten zugeschickt“, erinnert sich Klopfer an die Anfänge. „Mit den DVDs stieg die Zahl der Einreichungen auf 500 bis 600 Stück. Seit wir die Online-Bewerbung haben, ist die Anzahl geradezu explodiert.“ Rund 3000 internationale Kurzfilme seien bis zum Einsendeschluss am 1. April 2015 eingegangen. Daraus wählten die beiden künstlerischen Leiter rund 100 Filme vorab aus – mit den Lesebühnen-Autoren Rainer Bauck und Marcus Sauermann. Zu den Auswahlkriterien für alle Bewerbungen gehörte, dass die Streifen narrativ und fiktional sein sollten. Inhaltliche Vorgaben gab es indes nicht für die Bereiche Ultrakurzfilme, also unter drei Minuten Dauer, und Kurzfilm über drei bis 15 Minuten. Lediglich in der Kategorie „Special Theme“ lautete die Devise „Ähmmm .... weißt du...!“

Was aber letztendlich ins Festivalprogramm aufgenommen wurde, darüber stimmten die Zuschauer ab, und zwar bereits im Frühjahr bei den sogenannten Open Screenings in den Festivalstädten. Nach jedem Film wurden dazu rote und grüne Karten in die Höhe gehoben. „Das ist das Besondere an unserem Festival, dass die Zuschauer mitbestimmen, nach dem Motto ‚Schlechte Filme bekommen die rote Karte’ “, so Klopfer. Barbara Bruns, die mit Annette Loers das Merlin leitet und dabei die Bereiche Film und Musik verantwortet, wiederum betonte, dass es noch nie ein Patt gegeben habe: „Die Votings waren über die Jahre immer recht deutlich.“

Nach Klopfer hat Stuttgart ein sehr gemischtes Publikum, in Heilbronn sei es bürgerlicher und in Mainz studentischer und experimenteller. „Auf diese Weise kommt insgesamt eine gute Mischung zustande“, so der Festivalleiter. „Zu 90 Prozent kann ich erahnen, wie die Entscheidung ausfällt. Entscheidend ist stets die erste Minute. Wenn da die Zuschauer nicht mitgehen, ist der Film durch.“

Die Vielfalt der Themen sei groß, obschon sich einige Filmemacher mit den Themen Alter, Tod, Asylanten oder Rechtsradikalismus auseinandergesetzt hätten, beschrieb Klopfer. Während etwa in „Ausstieg rechts“ die Österreicher Rupert Höller und Bernhard Wenger zeigten, wie ein Fahrgast, der einen Dunkelhäutigen im Bus anpöbelt, selbst auf der Strecke bleibt, arbeitete der Baske Asier Altuna in „Soroa“, also „Feld“, ohne Dialoge, dafür mit den gewaltigen Bildern: Eine Landschaft verändert sich Schritt für Schritt während einer christlichen Prozession. „Viele der heutigen Serien würden ohne Dialoge nicht funktionieren; aber ‚Soroa’ ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Film ein Bildmedium ist“, so Klopfer. „Das Festival soll dazu beitragen, dies zu demonstrieren.“

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