Fellbach - Die Augen von Eric Gauthier über der – trotz frischem negativem Schnelltest am Morgen – getragenen Maske leuchten. Ihm hat das Solo des sterbenden Schwans, den der Japaner Shori Yamamoto in einem der stillgelegten Tropfbehälter der Kläranlage im Oeffinger Weidachtal tanzt, gefallen.
Dominique Dumais ist mit der Interpretation ihrer Choreografie für das „Dying Swans Project“ von Gauthier Dance auch zufrieden. Sie stammt wie Eric Gauthier aus Kanada und ist Direktorin der Tanzcompagnie am Mainfranken Theater Würzburg. Ebenso wie überall im Land ruht dort der Ballettbetrieb. Die Dreharbeiten am Samstag in der Industriebrache unweit des Neckarufers sind deshalb für die Choreografin und alle anderen Beteiligten viel mehr als nur die Realisierung eines Tanzprojekts. Denn derzeit scheint bei vielen die Hoffnung ebenso zu sterben wie der berühmte Schwan in dem ausdrucksvollen Tanz-Solo, das der Choreograf Michel Fokine für die Primaballerina Anna Pawlowa zur Musik des Cello-Solos „Le Cygne“ aus „Le carnaval des animaux“ von Camille Saint-Saëns erschuf. Mit „The Dying Swans Project“ will Eric Gauthier, Tänzer, Choreograf und Leiter der Dance Company im Theaterhaus Stuttgart, der in der Pandemie darniederliegenden Kultur, Flügel verleihen. „Rund 75 Menschen, die nichts zu tun hatten, hatten plötzlich wieder etwas zu tun“, sagt Eric Gauthier.
Eric Gauthier hat eine neue künstlerische Herausforderung für die Tänzer gesucht
Geboren wurde die Idee bei einer Besprechung seiner Company im Januar. Das umfangreiche Tourprogramm von Gauthier Dance im Februar und März fiel dem verlängerten Lockdown zum Opfer, und die Tänzerinnen und Tänzer ergriff zusehends Mutlosigkeit. Eric Gauthier war klar, dass seine „sterbenden Schwäne“ schnellstens eine neue künstlerische Herausforderung brauchten. In Rekordgeschwindigkeit stellte der 43-Jährige „The Dying Swans Project“ auf die Beine. Binnen einer Woche wurde aus der Idee eine Produktion, die Künstlerinnen und Künstler, nicht nur aus den Sparten Tanz und Choreografie, sondern auch aus den Bereichen Musik und Film sowie noch Kostüm- und Maskenbildner beschäftigt.
Acht Choreografinnen und acht Choreografen kreieren jeweils ein Tanzsolo für die 16 Mitglieder der Theaterhaus-Company. Bei der Auswahl der Choreografen hat Eric Gauthier bewusst auf Vielfalt gesetzt. Illustre Namen finden sich dort ebenso wie Vertreter beiderlei Geschlechts der freien Tanzszene. Darunter, sehr absichtlich, wie Gauthier sagt, auch einige aus der Region Stuttgart. Zum Beispiel die Israelin Smadar Goshen, Gründerin und Leiterin der Tanztheater Markgröningen und Tanztheater Ludwigsburg. „Wir haben 16 Originalmusiken in Auftrag gegeben, und jedes Solo wird filmisch umgesetzt“, sagt Eric Gauthier. Der Kanadier wird auch noch den sterbenden Schwan geben. „Ich drehe in einer Wohnung, immer wenn ich auf dem Balkon bin, atme ich frei, in der Wohnung drinnen verliere ich symbolisch meine Federn.“
Die Dreharbeiten laufen seit dem 8. Februar
Seit 8. Februar laufen die Dreharbeiten. Wie im Original-Solo von Anna Pawlowa sterben die 16 Schwäne jeweils drei Minuten. Eric Gauthier ist, wenn möglich, immer dabei, wenn getanzt und gefilmt wird. „Ich bin hier, um zu gucken, dass die Leute glücklich sind“, sagt er und applaudiert Shori Yamamoto nach dessen Soli. Der junge Tänzer strahlt. Mit „The Dying Swans Project“ hat Eric Gauthier vielen sterbenden Schwänen wieder Wind unter den Flügeln gegeben.