„Judensammellager“ in Stuttgart Beklemmende Bilder von der Deportation – „Bald danach begannt das große Sterben“

Eine Szene aus dem 1941 gedrehten Kurzfilm über das „Judensammellager“ auf dem Killesberg Foto: Stadtarchiv Stuttgart

In unserem Filmprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ blicken wir auf den Killesberg, wo die Nazis damals ein „Judensammellager“ einrichteten. Von dort wurden rund 2000 Stuttgarter Juden deportiert. Nur wenige überlebten.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Sie wirken auf den Betrachter halbwegs zivilisiert. Doch in Wahrheit mündete das, was sie zum Inhalt hatten, in der Vernichtung. Die Rede ist von den acht Minuten Film vom „Judensammellager Killesberg“, die das Stadtarchiv Stuttgart aufbewahrt und im weiteren Sinne zur Kriegsfilmchronik zählt, über die wir in unserer 14-teiligen Filmserie berichten.

 

Beklemmende Bilder von der „Judensammelstelle“ am Killesberg

Zu sehen sind Menschen, die in einer großen Halle Koffer packen, Koffer schleppen und im Freien in langen Schlangen vor einer Gulaschkanone anstehen. Man erkennt, dass die Menschen an ihren Mänteln und Jacken – es ist Ende November 1941 – einen Judenstern tragen. Die Aufnahmen, die zu den wenigen schon zu einem früheren Zeitpunkt veröffentlichten Filmen im Rahmen der Kriegsfilmchronik zählen, wirken gerade wegen der vermeintlichen Unaufgeregtheit und Routine in hohem Maße beklemmend.

Das empfindet auch Katharina Ernst so, die Leiterin des Stadtarchivs: „Was mich nachhaltig beeindruckt hat, sind die Szenen von den Menschen, die am Killesberg auf ihre Deportation warten. Es spielen sich keine dramatischen Szenen ab. Aber wir wissen, dass kaum jemand von ihnen überlebt hat. Sie wurden fast alle ermordet.“ Ihr Kollege Günter Riederer unterstreicht den Propagandacharakter der Aufnahmen: „Sie widersprechen völlig unserem heutigen Erwartungshorizont vom Thema Deportation. Jede Form von Zwang und Gewalt abwesend.“ Nur in zwei kurzen Sequenzen ist jeweils ein Ordnungspolizist zu sehen: „Die Deportation soll als geordnet ablaufende Umsiedlung dargestellt werden, zynisch formuliert: als Aufbruch in ein neues Land und in ein neues Leben.“ In Wahrheit war es der Aufbruch in den gewaltsamen Tod.

Die Koffer der Internierten auf dem Killesberg wurden auf Lastwagen verladen. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Als heutige Betrachter wissen wir: Das ganze Kofferpacken und Sortieren war vergebens. Unklar ist, wohin die Gepäckstücke – beschriftet mit den Namen der zur Vernichtung Bestimmten – gebracht wurden. Im Film ist zu sehen, wie die Habseligkeiten der Jüdinnen und Juden in einen Lastwagen mit der Aufschrift „Transportgesellschaft Adam Hild Stuttgart“ gepackt werden, der dann das Gelände verlässt.

Deportation unter den Augen der Stuttgarter Öffentlichkeit

Riederer schildert die Hintergründe: „Diese Deportationen liefen nach einem immer gleichen Schema ab. Die jüdische Bevölkerung wurde aufgefordert, sich an einem bestimmten Datum an einem bestimmten Sammelpunkt einzufinden. Von dort aus erfolgte dann die Verladung in die Eisenbahn und der Transport in den Osten.“ In Stuttgart mussten sich die auf Erlass des Leiters der Stuttgarter Staatspolizeistelle, Friedrich Mußgay, aus ganz Württemberg herbeibefohlenen jüdischen Menschen auf dem Killesberg einfinden. Interniert waren sie in der sogenannten Ehrenhalle des Reichsnährstandes, die anlässlich der Reichsgartenschau 1939 errichtet worden war.

Von dort wurden sie – unter den Augen der Öffentlichkeit – zum Nordbahnhof gebracht, wo heute die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ an das Schicksal der Deportierten erinnert. Am 1. Dezember 1941 verließ ein Zug Stuttgart mit 1013 Menschen an Bord in Richtung Osten. Drei Tage und 2000 Zugkilometer später trafen sie auf dem Güterbahnhof Skirotava unweit der lettischen Hauptstadt Riga ein und wurden von dort in das „Lager Jungfernhof“, einen heruntergekommenen Gutshof, verschleppt und dort „von den lettischen Hilfspolizeimannschaften mit Schlägen brutal in Empfang genommen“, wie Riederer von Zeugenaussagen weiß: „In den Tagen danach begann das große Sterben. Durch die Kälte und die fehlende Versorgung gingen viele Menschen an Unterernährung zugrunde oder fielen Krankheiten zum Opfer.“

Ausschnitt einer Zeichnung der Künstlerin Katrin Ströbel, die im Stuttgarter Kunstmuseum ausgestellt ist. Es trägt die Bildunterschrift: „Im Sammellager auf dem Killesberg verladen helfende Hände in großen Holzkisten das Besteck jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, bevor die Frauen, Männer und Kinder nach Riga deportiert werden. Viele sterben bereits auf dem Weg, fast niemand überlebt das Lager. Das Besteck gelangt nie wieder in die Hände seiner Besitzerinnen und Besitzer.“ Die Szene ist dem „Sammellager“-Film entnommen. Foto: Jan Sellner

Wer überlebte, fiel der SS zum Opfer. 1800 Lagerinsassen, denen man erzählt hatte, sie in bessere Unterkünfte nach Dünamünde, einen Stadtteil von Riga, zu verlegen, wurden im Wald von Bikernieki erschossen. Von den 1013 Jüdinnen und Juden aus Württemberg, die vom Killesberg nach Riga deportiert wurden, überlebten laut Stadtarchiv gerade einmal 43. Und die Mordmaschinerie lief weiter, denn die Deportation vom 1. Dezember war nicht die einzige. Mehr als tausend weitere Juden aus Württemberg wurden am 26. April 1942 und am 22. August 1942 ebenfalls vom Killesberg aus nach Riga und Theresienstadt verschleppt.

Von den 4876 Jüdinnen und Juden, die 1933 in Stuttgart lebten, wurden nach Auskunft des Stadtarchivs rund 2000 in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Rund 2100 gelang es zu emigrieren. 1945 lebten noch 150 jüdische Menschen in der Stadt. Ein von Albrecht von Hauff gestalteter Obelisk auf dem Killesberg erinnert seit dem Jahr 1962 an die Opfer. Die Inschrift lautet: „Zum Gedenken an die mehr als 2000 jüdischen Mitbürger, die während der Jahre des Unheils 1941 und 1942 von hier aus ihren Leidensweg in die Konzentrationslager und in den Tod antraten.“

Offen bleibt, wer den Film von der „Judensammelstelle“ gedreht hat. Die Recherchen des Stadtarchivs blieben in diesem Punkt ohne Ergebnis. Trotz umfangreicher Recherchen: „Jean Lommen, der Schöpfer der Kriegsfilmchronik, bestritt nach Kriegsende, sie angefertigt zu haben, und beschuldigte einen seiner Kameramänner“, sagt Riederer. Im weiteren Sinne wird der Film dennoch zur Kriegsfilmchronik gezählt und ist daher Bestandteil unserer Serie – ein besonders bedrückender.

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