Filmprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ Historiker über Kriegsfilmchronik – „Bedeutendste NS-Film-Sammlung für Stuttgart“

Kompetenz aus dem Stadtarchiv Stuttgart: Katharina Ernst und Günter Riederer Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Katharina Ernst und Günter Riederer vom Stadtarchiv Stuttgart erläutern im Interview, was das Besondere an der Stuttgarter Kriegsfilmchronik ist und was die Betrachter unserer gemeinsamen Serie „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ erwartet.

Über mehrere Monate hinweg ist das Projekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“ mit Filmen aus der sogenannten Stuttgarter Kriegsfilmchronik gereift. Eine Kooperation unserer Redaktion mit dem Stadtarchiv Stuttgart hat es möglich gemacht. Die Leiterin des Stadtarchivs, Katharina Ernst, und der Historiker Günter Riederer ordnen das Projekt im Interview ein.

 

Frau Ernst, Herr Riederer, welchen historischen Wert haben die Filme der Kriegsfilmchronik?

Ernst: Es handelt sich um die bedeutendste Sammlung von Filmaufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus für Stuttgart und Württemberg und darüber hinaus. 58 Filme mit über 7800 Metern Länge sind erhalten. Sie beinhalten eine Fülle von Orten, von Themen, von Personen und kriegsrelevanten Tätigkeiten. Bei allem Propagandacharakter, den ein genauer Blick auf das Material enthüllt, haben diese Filme einen hohen historischen Wert.

Riederer: Die verschiedenen Filme haben einen sehr unterschiedlichen Bearbeitungsstand. Bei manchen ist das Material bereits mit Zwischentiteln zu Sequenzen angeordnet, bei anderen handelt es eher um Filmschnipsel. Auffällig ist, dass einige Filme Trickfilm enthalten, was für damalige Zeiten sehr modern war. Zu keinem der Filme ist eine Tonspurm vorhanden. Damit entsprechen sie nicht heutigen Sehgewohnheiten.

Was wissen Sie über die Entstehung der Filme?

Ernst: Der Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin verfügte am 3. Juni 1941 die filmische Aufnahme „von geeigneten, für die Kriegszeit bezeichnenden Vorgängen“. Die Idee hinter dem Projekt war, die Leistungen der Stadtverwaltung im Krieg filmisch darzustellen. Das fertige Produkt sollte wohl ein prestigeträchtiger großer Stuttgartfilm werden, der nach dem Krieg hätte gezeigt werden sollen. Die Stadt Stuttgart ging dabei zu diesem Zeitpunkt von einem Sieg des Deutschen Reiches aus.

Riederer: Der Vorschlag zu der Kriegsfilmchronik kam vom Regisseur und Filmproduzenten Jean Lommen. Er war kein Stuttgarter, er hatte aber bereits für die Stadtverwaltung einen Film über die Reichsgartenschau 1939 erstellt. Lommen schlug der Stadt einen „gefilmten Verwaltungsbericht“ vor. Die Idee kam gut an, die Stadt sah die Möglichkeit einer Selbstdarstellung mit modernsten technischen Mitteln. Die Federführung für das Projekt wurde dem Stadtarchiv unter seinem damaligen Leiter Hermann Vietzen übertragen.

Keine Waffen, kaum Uniformierte, kein Mangel – der Krieg schien in den Filmen weit weg zu sein. War er das?

Ernst: Als die Kriegsfilmchronik im Juni 1941 beauftragt wurde, schien der Krieg in der Tat noch vergleichsweise fern. Nach dem Überfall auf Polen und dem Feldzug in Frankreich mit dem Einmarsch in die Hauptstadt Paris am 14. Juni 1940 stand das Deutsche Reich unter dem Eindruck der überwältigenden militärischen Erfolge. In weiten Teilen der Bevölkerung herrschte Optimismus im Hinblick auf den Ausgang des Krieges. Aber natürlich beeinflusste der Krieg auch da schon das Leben in Stuttgart. Im August und im November 1940 waren erste Bomben auf die Stadt gefallen. Güter des täglichen Bedarfs waren rationiert. Viele Stuttgarter waren als Soldaten eingezogen. Für die jüdischen Stuttgarterinnen und Stuttgarter war die Ausgrenzung, Ausplünderung und Entrechtung zu dieser Zeit bereits weit fortgeschritten. Ende 1941 begann ihre Deportation und daran anschließende Ermordung.

Welchen Teil des Stuttgarter Kriegsalltags zeigen die Filme? Wie viel Propaganda ist dabei?

Riederer: Fast alle Arbeitsbereiche der Stadtverwaltung sind vertreten. Die städtischen Ämter führten ihre Arbeit in Bezug auf den Krieg vor: Das Standesamt ließ eine Kriegsferntrauung filmen – die Braut saß dabei alleine im Standesamt, ohne ihren Bräutigam, der als Soldat eingezogen war. Das Tiefbauamt war für die Unterbringung von Kriegsgefangenen zuständig und ließ das Lager Gaisburg und den Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen filmen. Die thematische Bandbreite der Filme reicht vom Gemüseanbau auf städtischen Plätzen über die Versorgung der Bevölkerung mit Kleidern und Schuhen und die Einrichtung von Kinderkrankenhäusern bis zum Freizeitprogramm für verwundete Soldaten auf Heimatbesuch.

Ernst: Die Filme wirken ganz dokumentarisch, man könnte – und sollte – also auf die Idee kommen, dass es genau so gewesen sei. Es wurde aber vorher detailliert geplant, was in diesen Filmen gezeigt wird, wie es gezeigt wird, und was nicht gezeigt wird. Die Filme sind zum einen Propaganda, weil sie die Leistung der Stadtverwaltung einseitig überbetonen. Ganz gleich ob es um Schutz vor Luftangriffen geht, um die Versorgung der Bevölkerung oder die Pflege kranker Kinder, die Verwaltung hat hier alles im Griff, sie arbeitet mitten im Krieg reibungslos, das wird uns jedenfalls suggeriert. Zum anderen sind die Filme Propaganda durch Beschönigung, durch Auslassung und durch Verschweigen.

Haben Sie darin auch offensichtliche Verfälschungen entdeckt?

Ernst: Ja, das gilt für den Film über den sogenannten Judenladen, dem einzigen Lebensmittelladen, in dem jüdische Stuttgarterinnen und Stuttgarter seit April 1941 einkaufen durften. Der Film zeigt ein üppiges Angebot an Lebensmitteln, darunter Eier, Öl und Fleisch, während Zeitzeugen übereinstimmend mit den Akten des Ernährungsamts über ein dürftiges und ganz unzureichendes Warenangebot berichten.

Können Sie an einem Beispiel erklären, wie man propagandistische Auslassungen in den Filmen erkennt?

Riederer: Viele Auslassungen lassen sich nur erkennen, wenn man weitere Informationsquellen heranzieht: wissenschaftliche Literatur, Akten der entsprechenden Zeit, Berichte von Zeitzeugen. Im Film zum Kriegsgefangenenlager Gaisburg sieht man französische Kriegsgefangene auf dem Weg zu Arbeitseinsätzen. Wir wissen aus anderen Quellen, dass die Versorgung der Kriegsgefangenen mit Schuhen ein großes Problem war. Es kam vor, dass Kriegsgefangene aus diesem Lager nicht zu ihren Arbeitseinsätzen ausrücken konnten, weil sie keine Schuhe hatten. Mehrere Kriegsgefangene arbeiteten im Lager als Schuster, aber sie kamen mit den Reparaturen kaum nach, und zum Teil waren die Schuhe so kaputt, dass eine Reparatur nicht mehr möglich war. Die Schuster sieht man im Film, Gefangene mit Lumpen an den Füßen sieht man nicht.

Welche Szenen haben bei Ihnen den stärksten Eindruck hinterlassen?

Ernst: Aus Spielfilmen über die NS-Zeit und über den Zweiten Weltkrieg und aus Dokumentationen nationalsozialistischer Verbrechen haben wir sehr drastische Bilder vor Augen: Fahnenmeere, Menschenmassen, aufpeitschende Redner, feuernde Geschütze und die entsetzlichen Bilder aus den Konzentrationslagern. In der Stuttgarter Kriegsfilmchronik sehen Sie nichts dergleichen, die Bilder sind vergleichsweise nüchtern. Was mich nachhaltig beeindruckt hat, sind die Szenen von den Menschen, die am Killesberg auf ihre Deportation warten. Dieser Film über die erste große Deportation von Juden aus Stuttgart und Württemberg, ist nicht Teil der Kriegsfilmchronik im engeren Sinn. Wir wissen nicht genau, wer den Film beauftragt hat. Aber auch dieser Film liegt im Stadtarchiv. Man sieht in dem Film keine Gewalt, es spielen sich keine dramatischen Szenen ab. Aber wir wissen, dass von diesen Menschen kaum jemand überlebt hat, sie wurden fast alle ermordet.

Warum wurden die überwiegende Mehrzahl der Filme bisher noch nicht öffentlich gezeigt und warum jetzt gemeinsam mit unserer Zeitung?

Riederer: An verschiedener Stelle wurde bereits über diesen Filmbestand publiziert, und die Filme sind im Lesesaal des Stadtarchivs einsehbar. Ins Internet haben wir sie nicht gestellt. Wir haben ja bereits geschildert, dass die Filme rein dokumentarisch erscheinen, und überwiegend ganz unspektakulär und harmlos daherkommen, während die historische Realität bei weitem nicht so harmlos war. Es braucht viel Wissen und Kontext, um die Filme richtig einzuordnen. Zusammen mit Ihrer Zeitung haben wir ein gutes Format dafür gefunden, das Filmmaterial und den Kontext miteinander zu verknüpfen und so die Filme einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Beide Seiten bringen hier ihre spezifische Expertise ein: Das Stadtarchiv das Wissen um die historischen Zusammenhänge und die Zeitung die journalistische Aufbereitung und die technische Infrastruktur.

Der Marienplatz als Großbaustelle – für einen Bunker. Foto: Stadtarchiv Stuttgart/Kriegsfilmchronik

Was versprechen Sie sich von der Veröffentlichung?

Ernst: Wir sehen in dieser Kooperation die Chance, dieses besondere Filmmaterial in einer gut aufbereiteten Form bekannt zu machen, und wir hoffen darauf, Interesse für die Geschichte Stuttgarts im Nationalsozialismus zu wecken.

Aus anderen Städten ist nichts Vergleichbares bekannt. Wieso gab es das nur in Stuttgart?

Ernst: Stuttgart ist nicht die einzige Stadt, in der in der während des Zweiten Weltkriegs Filmaufnahmen gemacht wurden. Anderswo sind sie aber nicht in dieser Vollständigkeit überliefert, und sind wahrscheinlich auch nicht in dieser thematischen Breite gedreht worden. Ein solches Projekt war aufwändig und teuer. Nur eine Großstadt konnte das finanziell und organisatorisch stemmen. Die Zuteilung von Filmmaterial musste zentral bei der Reichsstelle Chemie beantragt werden.

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