Eine Szene aus dem Stuttgarter „Judenladen“-Film. Foto: Stadtarchiv Stuttgart/Bearbeitung Sebastian Ruckaberle
Gemeinsam mit dem Stadtarchiv starten wir das Videoprojekt „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg“. Historikerinnen und Historiker ordnen die einer breiten Öffentlichkeit bisher unbekannten Filme fachkundig ein. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Die Welt, die wir Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, hier und in den kommenden Wochen unter der Überschrift „Stuttgart im Zweiten Weltkrieg – Alltag und Filmpropaganda“ ausschnittsweise zeigen wollen, ist in Teilen eine Scheinwelt. Sie spielt in realen Kulissen – dem Stuttgart der Jahre 1941 bis 1944. Doch der Krieg begegnet einem darin als etwas Fernes, und es wird der Eindruck vermittelt, die Folgen seien durch eine gemeinsame Kraftanstrengung an der „Heimatfront“ jederzeit beherrschbar.
NS-Kriegsfilmchronik zeige eine vermeintlich heile Stuttgart-Welt
Diesen Anschein zu erwecken und daraus am Ende eine Erfolgsgeschichte zu machen, war mutmaßlich das Anliegen des damaligen nationalsozialistischen Oberbürgermeisters Karl Strölin. Er hatte eine Anregung des Filmregisseurs Jean Lommen aufgegriffen, einen „gefilmten Verwaltungsbericht“ anzufertigen und Stuttgarts Anstrengungen in den Weltkriegsjahren im Bewegtbild festzuhalten.
Entstanden sind 58 knapp drei bis 15 Minuten lange, unvertonte Schwarz-Weiß-Filme, die – so die heutige Annahme des Stuttgarter Stadtarchivs – nach dem „Endsieg“ zu einem längeren Film zusammengefügt werden sollte. Es ging um eine Stuttgarter Leistungsschau, um großes, nationalsozialistisch gefärbtes Kino im lokalen Format – bestehend aus Bildern vom Gemüseanbau in der Stadt, vom Bunkerbau, einer Kriegsferntrauung und vielen anderen „für die Kriegszeit bezeichnenden Vorgängen“ (Strölin), eingebettet in eine vermeintlich heile Stuttgart-Welt.
Gemüseanbau auf dem Marienplatz Foto: Stadtarchiv Stuttgart/
Knapp ein Jahr nach Abschluss der Dreharbeiten war der gesamte Spuk vorbei, und die Zerstörung, die der Krieg allerorten angerichtet hatte, lag offen – auch in Stuttgart. Bereits nach den schweren Luftangriffen im Jahr 1944 kam Lommen, der willfährige Filmer, nicht umhin, in Stuttgart auch die Bombenschäden zu zeigen. Nach dem Krieg drehte er dann Filme vom „Wiederaufbau“ – etwa in Heilbronn.
Die Stuttgarter Kriegsfilmchronik hat viele Leerstellen
Die Filme, die er in Stuttgart hinterlassen hat, blieben Stückwerk. Das Stadtarchiv führt sie unter der Überschrift Kriegsfilmchronik. Es hatte bisher vermieden, sie ins Internet zu stellen, weil vieles daran geschönt und inszeniert ist und eine Einordnung erfordert. Wahrheit – das ist uns aus heutigen Fake News bekannt – kann auch dadurch verdreht werden, dass man Dinge ausblendet und weglässt. Tatsächlich enthalten Lommens Stuttgart-Clips zahlreiche Leerstellen. Umso mehr gilt: Das, was man nicht sieht, ist genauso erklärungsbedürftig, wie das, was man sieht.
Warum die Filme dann überhaupt zeigen? Historisches Interesse und stadtgeschichtliche Neugier sprechen dafür. Soweit bekannt, gibt es keine andere deutsche Großstadt mit vergleichbaren Filmdokumenten. Sie können ein Anlass sein, sich mit Stadtgeschichte zu beschäftigen und den weichgespülten Bildern harte Fakten entgegenzuhalten. Diese Aufgabe stellt sich besonders bei den Filmen über den „Judenladen“ und das „Judensammellager“ am Killesberg.
Sie enthalten keinerlei Gewalt – in Wahrheit wütete sie zu jener Zeit jedoch längst. Auch in Stuttgart hatte die Herrschaft der Nationalsozialisten eine zerstörerische Kraft entfaltet. Diese Einordnung gelingt auf der Tonspur durch das Team des Stadtarchivs um dessen Leiterin Katharina Ernst. Mit ihm gemeinsam ist diese 14-teilige Serie in Fortsetzung des Fotoprojekts Stuttgart 1942 entstanden. Sie reicht über den 8. Mai hinaus, den Tag, an dem sich das Kriegsende zum 80. Mal jährt, und führt vor Augen, wie zeitlos wichtig es ist, sich das Geschehene und die Manipulierbarkeit der Menschen bewusst zu machen.
Gerade jetzt, wo wieder vieles ins Schwanken geraten ist.
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