Filmschau Doku „Mein fremdes Land“: Zwischen Bolivien und Ludwigsburg

Still aus Mein fremdes Land. Foto: Johannes Preuß
Still aus "Mein fremdes Land". Foto: Johannes Preuß

Zahlreiche Dokumentationen sind bei der nun doch digital stattfindenden 27. Filmschau Baden-Württemberg zu sehen – darunter „Mein fremdes Land“ von den Filmaka-Studenten Johannes Preuss und Marius Brüning. Der emotionale Film begleitet einen jungen Ludwigsburger bei seiner familiären Spurensuche in Bolivien.

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Stuttgart – Die Filmschau läuft! Zwar muss sie jetzt leider doch online stattfinden, aber dann schauen wir uns die Leistungsschau des heimischen Films eben bequem von zuhause aus an – und das sogar kostenlos! Wie jedes Jahr bringt zeigt Filmschau neue Talente, etablierte Größen und spannende Entwicklungen. Gleichzeitig sind die dutzenden Filmproduktionen auch ein Spiegel der Zeiten, in denen wir leben, und ein Abbild der Gesellschaft. In besonderem Maße gilt das natürlich für die Dokumentarfilme, die in den letzten zwölf Monaten in Baden-Württemberg entstanden oder von Baden-Württembergern realisiert worden sind.

Die Suche nach der eigenen Identität

Hervor sticht im Programm da „Mein fremdes Land“, ein bewegender Film der Filmakademie-Studenten Johannes Preuss und Marius Brüning, realisiert in Zusammenarbeit mit dem SWR. Ihre Doku erzählt die Geschichte ihres Kommilitonen Manuel Sosnowski, der als einjähriges Baby in Bolivien von einer deutschen Familie adoptiert wurde. Jetzt, 31 Jahre später, macht sich der Film-Editor aus Ludwigsburg in seinem Geburtsland auf die Suche nach seiner Mutter. Ein Film über die schwierige und aufwühlende Suche nach den eigenen Wurzeln und der Identität – begleitet von der großen Ungewissheit, was das mit einem macht.

Zeitlos, universell, berührend

„Seit biblischen Zeiten erzählen sich die Menschen Geschichten vom verlorenen Kind, das irgendwann auf Umwegen zurück zu seinen Eltern kommt“, so Regisseur Johannes Preuss. „Wir haben jetzt eine aktuelle Version dieser Geschichte gemacht. Unser Film greift kein politisches Thema dieser Tage auf. Er ist zeitlos, universell und berührt alle Menschen. Es geht um die Familie, die Beziehung zwischen Mutter und Sohn.“ Für Johannes geht es aber auch darum, hautnah dabei zu sein, wenn ein enger Freund von seinen Emotionen übermannt wird. Der Film ist ein zeitloses Bravourstück, das feinfühlig eine universelle Geschichte erzählt.

Eine Geschichte, wohlgemerkt, deren Ausgang ungewiss war, wie Johannes betont: „Wir alle haben Fernsehjournalismus studiert. Da geht es eigentlich fast immer um journalistische Geschichten, die schon stattgefunden haben. Wir müssen uns dann überlegen, wie wir noch diese Miterlebbarkeit reinbekommen. Man sucht den kleinen Moment, an dem man jemanden ein Stück begleiten kann. Und nun geschah etwas Wahnsinniges: Mit Manuels Geschichte hatten wir plötzlich eine komplette Heldenreise. Jemand begibt sich in eine ungewisse Situation und wir durften das von Anfang bis Ende begleiten.“

„Wir haben uns lange umarmt und geweint"

Das war natürlich auch für den Protagonisten Manuel eine ziemliche Zerreißprobe. Noch sehr lebhaft erinnert er sich an die erste Begegnung mit seiner leiblichen Mutter nach über 30 Jahren: „Ich war ziemlich aufgeregt, habe die Kamera total vergessen. Es ging alles so plötzlich. Ich ging durch die Tür, meine Mutter stand mitten in der Lehmhütte. Wir haben uns lange umarmt und geweint. Blicke haben die Sprache ersetzt. Ich war einfach wow. Meine Mutter kochte für uns. So gute Kartoffeln habe ich noch nie gegessen. Und wir durften alle drei die ganze Zeit in der Lehmhütte übernachten. Ich schenkte ihr ein Fotoalbum mit vielen Bildern von mir, vom Baby in Mössingen, wo ich aufgewachsen bin, bis zu meiner heutigen Arbeit als Editor in Ludwigsburg. Dazu gab ihr ihr einen Videoclip mit alten Filmaufnahmen, die mein Vater von mir gemacht hat. Ich weiß nicht, ob sie alles verstanden hat, aber ich spürte, dass es ihr sehr gefallen hat.“

Auch der zweite Filmemacher Marius Brüning kam verändert von dieser Reise nach Bolivien zurück. „Manuel hat generell in seinem Leben große Demut. Er ist über die kleinsten Dinge extrem dankbar, die wir vielleicht für selbstverständlich halten. Da habe ich ihn oft nicht verstanden. Nach der Reise glaube ich zu verstehen, woher seine extreme Demut gegenüber dem Leben kommt und diese große Freude darüber, dass er heute das machen kann, was er macht.“ Eine Reise, die alles verändert hat. Die bisweilen schwer, oft emotional und manchmal fast zu mühsam war. Doch am Ende hat es sich gelohnt – mehr noch, weil wir dank „Mein fremdes Land“ jetzt alle daran teilhaben können.

Natürlich gilt das auch für die anderen neun Dokumentationen, die bei der Filmschau zu sehen sind: In „Namibia’s Number Nine“ geht es um eine Fußballerin aus dem Team von Namibia, in „Mission Abroad – Erfahrungen fürs Leben“ um Auslandseinsätze der Polizei. In „SABA Supernova“ wird die Geschichte eines verschwundenen Rundfunkgeräteherstellers aus dem Schwarzwald aufgerollt, für „Fallende Blätter“ schmuggelt sich ein Protagonist ins Stuttgarter Obdachlosen-Milieu.

„Mein fremdes Land“ ist digital jederzeit kostenlos abrufbar. Weitere Infos unter www.filmschaubw.de




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