Finale der Champions League Frauenfußball boomt – nur nicht in Deutschland

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Olympique Lyon und der FC Barcelona kämpfen um den Champions-League-Titel – die Bundesliga hinkt zunehmend hinterher. Besucherrekorde gibt es nur im Ausland, wo die Großclubs aufrüsten.

Champions-League-Seriensieger Olympique Lyon mit Dzsenifer Marozsan (rechts) bekommt immer neue internationale Konkurrenz – klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto:  
Champions-League-Seriensieger Olympique Lyon mit Dzsenifer Marozsan (rechts) bekommt immer neue internationale Konkurrenz – klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto:  

Stuttgart - Das Ferencváros-Stadion mit seinen 22 122 Plätzen ist restlos ausverkauft. Der Rahmen stimmt also, wenn sich an diesem Samstag (18 Uhr/Sport 1) Olympique Lyon und der FC Barcelona im Champions-League-Finale der Frauen gegenüberstehen. Ein Meilenstein soll es werden – denn erstmals richtet die Uefa dieses Spiel nicht mehr im Windschatten der Männer am gleichen Ort aus. Madrid wird der Schauplatz sein, an dem der FC Liverpool und Tottenham Hotspur am 1. Juni den Sieger ermitteln. Jetzt ist aber erst einmal Budapest an der Reihe.

Es ist das 18. Finale der weiblichen Königsklasse – erst zum vierten Mal findet es ohne deutsche Beteiligung statt. Der dreimalige Titelträger VfL Wolfsburg ist im Viertelfinale gescheitert, für Bayern München war im Halbfinale Schluss. Nicht auszuschließen, dass die Bundesliga auch in Zukunft zuschauen muss, wenn Europas Fußballköniginnen gekrönt werden.

Bei der letzen EM scheiterten Deutschlands Frauen kläglich

Vorbei sind die Zeiten, in denen der deutsche Frauenfußball das Maß aller Dinge war. Acht EM- und zwei WM-Titel haben DFB-Teams seit 1989 gesammelt, 2016 wurde in Rio der erste Olympiasieg gefeiert. Im Jahr darauf allerdings folgte das frühe EM aus – bei der anstehenden WM in Frankreich (7. Juni bis 7. Juli) zählt die deutsche Elf allenfalls zum erweiterten Favoritenkreis. Denn: die großen Fußballnationen und ihre Topclubs machen nicht mehr nur bei den Männern ernst.

Der Frauenfußball boomt – allerdings nicht in Deutschland, sondern vor allem in England, Spanien und Italien. Nahezu alle großen Vereine unterhalten mittlerweile auch Frauenteams. In der Primera Division hielt Meister Atletico Madrid den FC Barcelona auf Distanz, Juventus Turin verteidigte in der Serie A seinen Titel, in der englischen Super League entthronte der FC Arsenal den FC Chelsea. Schon ein kleiner Teil ihrer riesigen Etats reicht diesen Clubs, um auch bei den Frauen die besten Spielerinnen anzulocken – und ein immer breiteres Publikum zu begeistern.

Zum Spiel zwischen Atletico Madrid und dem FC Barcelona kamen 61 000 Zuschauer

Knapp 40 000 Zuschauer sahen in dieser Saison das Spitzenspiel von Juventus gegen den Vizemeister AC Florenz (1:0). Sogar 43 000 Menschen füllten vor ein paar Wochen das Wembleystadion, als sich Manchester City den FA-Cup sicherte. Einen Weltrekord im Clubfußball bedeuteten im März die 61 000 Besucher, die das 1:0 von Atletico Madrid gegen den FC Barcelona verfolgt haben. Immerhin 26 000 Zuschauer sahen wenig später das Topspiel in Frankreich, das Champions-League-Seriensieger Lyon um die deutsche Spielmacherin Dzsenifer Marozsan mit 5:0 gegen Paris St. Germain gewann.

Auch wenn es sich um Einzelfälle handelt – es sind Zahlen, von denen die Bundesliga nur träumen kann. Beim jährlichen Pokalfinale in Köln blieben die Zuschauerzahlen zuletzt unter 20 000. Rückläufig ist auch der Besucherschnitt in der Bundesliga: Er bewegt sich bei rund 800. Marktführer ist auch hier der VfL Wolfsburg (1700), der am Wochenende das schon zuvor feststehende Double feierte. Nur knapp mehr als 600 Leute wollen die Heimspiele der Bayern-Frauen sehen.

Die Frauen von RB Leipzig befinden sich auf dem Durchmarsch nach oben

„Es ist zwar nicht so, dass die anderen Ligen links und rechts an uns vorbeiziehen, aber es müssen sicher alle mehr tun, um dem Frauenfußball in Deutschland größere Bedeutung verschaffen“, sagt Ralf Zwanziger, Chef des Frauen-Bundesligisten TSG Hoffenheim: „Die Entwicklung muss auch bei uns dahin gehen, dass noch mehr Proficlubs Frauenteams haben.“ Zwar ist die Zahl zuletzt gestiegen – Bayer Leverkusen ist dazugekommen, RB Leipzig ist auf dem Durchmarsch nach oben. Doch sind in Turbine Potsdam, der SGS Essen, dem FFC Frankfurt und dem SC Sand noch immer vier der zwölf Bundesligisten Vereine, die keine finanzkräftigen Männer-Profimannschaften im Rücken haben – und es daher „auf Dauer schwer haben werden“, wie Zwanziger meint.

In Württemberg gibt es nicht einmal einen Zweitligisten

Um so bedauernswerter aus seiner Sicht, dass Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach wieder abgestiegen sind. Schon 2011 ließ der Hamburger SV sein Frauenteam nach der Zweitligameisterschaft in die Regionalliga zurückversetzen – aus Kostengründen. Auch der VfB Stuttgart hat seit Jahren andere Sorgen, als sich dem Frauenfußball zu widmen. „In Württemberg gibt es nicht einmal mehr einen Zweitligisten“, sagt Zwanziger, „da müssten alle Alarmglocken schrillen. Doch es scheint niemanden zu stören.“

Stattdessen, klagt der Sohn des früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, zeigen die TV-Sender, wenn sie dann doch mal Frauenfußball übertragen, noch immer die Bilder aus grauer Vorzeit: Kickerinnen, die am Ball vorbeitreten, und Kommentatoren, die sich darüber lustig machen „Kein Wunder“, sagt Zwanziger, „dass viele Leute nicht mitbekommen, auf welch hohem Niveau heute gespielt wird.“