Finale der Sindelfinger Jazztage gefeiert Jazz ist nicht gleich Jazz
Kontrastreicher hätte das Programm der IG Kultur kaum sein können. Rund 800 Besucher erlebten an zwei Wochenenden eine immense Bandbreite. Kommt ein neues Jazzfest für die Region?
Kontrastreicher hätte das Programm der IG Kultur kaum sein können. Rund 800 Besucher erlebten an zwei Wochenenden eine immense Bandbreite. Kommt ein neues Jazzfest für die Region?
Jazz ist eben nicht gleich Jazz, wie oft irrtümlich geglaubt wird. Wie unterschiedlich dieses Genre klingen kann, war an den vier Abenden der 11. Jazztage zu erleben. Big-Band-Fans kamen am Samstagabend in der Sindelfinger Stadthalle voll auf ihre Kosten; Kai Podak, Pearl Bretter, Magnus Mehl und der STB Big Band sei Dank. Die in der Schule für Musik, Tanz & Theater (SMTT) angesiedelte Formation, unter der Leitung von Landesjazzpreisträger Magnus Mehl, hat sich in den vergangenen Jahren so hochgejazzt, dass sich rund 600 Besucher das Sound-Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Ex Füenf-Sänger Kai Podak als Gast übte natürlich ebenfalls eine große Anziehungskraft aus, sowie ein Programm bei dem Sinatra, Bublé und Cicero im Mittelpunkt standen. Summa summarum ein Abend, der die Herzen der Bigband-Fans höherschlagen ließ. STB-Neulinge werden bestimmt zu Wiederholungstätern.
Am Sonntagabend gab es im Pavillon zwar leiseren Jazz auf die Ohren, dafür bot das Quintett des aktuellen Landesjazzpreisträgers Lukas DeRungs facettenreiche Klanggemälde mit Tiefgang oder „meisterlich ineinander verwobene Klangteppiche“, wie IG Kultur-Mitarbeiter Hilmar Kalweit seinen Eindruck am Ende des Konzertes beschrieb. Mit Lukas DeRungs (Piano), Immy Churchill (Vocals), Karim Saber (E-Gitarre), Jonas Esser (Drums) und Jan Dittmann (Kontrabass) stand eine internationale Band auf der Bühne, die sich hauptsächlich dem jazzigen „Schönklang“ verschrieben hat. Allesamt sind sie Meister ihres Faches, die es nicht nötig haben, sich in den Vordergrund zu spielen, sondern ihr Können vollumfänglich den kompositorischen Ideen DeRungs zur Verfügung stellen. Diese bewegen sich vornehmlich in tiefgründigen, offenen und ruhigen Gewässern, ohne jedoch rasante Überraschungsmomente zu vernachlässigen.
Beim Opener „In the Dark“, einer unter die Haut gehenden Ballade, bleibt es zunächst noch lyrisch verspielt, bevor man bei „Wake“ mit rasanten Unisono-Licks von Stimme und Gitarre aus der verträumten Stimmung hinauskatapultiert wird. Umgehend wird deutlich, welch kongeniale Musiker DeRungs um sich geschart hat. Die britische Sängerin beeindruckt mit absoluter Intonationssicherheit. In allen Lagen und auch in schwierigsten Intervallsprüngen, wie zum Beispiel bei „Ophelia“ oder rhythmischen Unisono-Phrasen mit dem Gitarristen, besticht sie mit einer scheinbar grenzenlosen Stimme. Saber, ebenfalls Brite, hält sich vorwiegend zurück, was seine „Flinkfingerfertigkeit“ anbetrifft und dient zumeist dem Gesamtklang-Erscheinungsbild. Aber wehe, wenn er losgelassen. „Oh look, the Sun is coming out” groovt in Hälfte zwei des Abends fast rockig, mit den inzwischen schon bekannten und beklatschten vokalen Höhenflügen Churchills. Saber setzt jedoch noch eins obendrauf, wenn er seiner „singenden“ Gitarre irrwitzige Läufe entlockt.
Die sympathische Combo kommt an und so verwundert es nicht, dass sie am Ende des Programms mit lautstarkem Beifall auf die Bühne zurückgeholt wird. Als Zugabe gibt es „Make me believe a Melody”, wo Saber nochmals so richtig durch die Skalen fegen darf. Den Schelm im Nacken, streut er fast unmerklich das „Summertime“-Motiv ein, während die träumerische Stimmung im weiteren Verlauf das Publikum genüsslich einlullt. Als die Besucher auch danach noch nicht genug haben, verständigt sich die Band auf „Home“ aus der Kosmos Suite. Bei diesem finalen Stück wird dann auch das Publikum mit einem einfachen Mitsing-Chorus eingebunden, bevor es, mit verklärtem Lächeln und um eine Jazzerfahrung reicher, den Nachhauseweg antritt.
Die Veranstalter Klaus Haidle und Hilmar Kallweit zeigen sich hernach mit dem Verlauf der Jazztage sehr zufrieden, auch wenn man sich bei ein paar Veranstaltungen mehr Besucher gewünscht hätte. Lobend heben sie die gute Zusammenarbeit mit der SMTT hervor. „Unser Konzept mit lokalen und internationalen Künstlern scheint hinsichtlich der Klasse aufzugehen, auch wenn es wirtschaftlich ein Zuschussgeschäft ist“, erklärt Kallweit, „wir hatten tolle Acts und ausschließlich positive Resonanz. Um noch mehr Besucher an Bord zu holen, denken wir jedoch über neue Werbestrategien nach und wie man noch einen größeren überregionalen Interessentenkreis generieren kann.“ Zudem sinnieren die Kulturmacher über ein gemeinsames Jazzfest mit anderen Jazzveranstaltern im Landkreis. Eines scheint jedoch sicher: Die Jazztage sollen trotz finanzieller Hürden weiterhin stattfinden. Die Qualität der elften Auflage spricht jedenfalls absolut dafür.
Festival
Der Verein „Jazzin’ Herrenberg“ veranstalt sein Frühlingsfestival. Vom 27. bis 30. März sind mehrere Gruppen im Mauerwerk zu Gast, vom 4. bis 6. April stehen zudem drei Auftritte im Jugendhaus Herrenberg an. Mehr Infos unter www.jazzinherrenberg.de im Internet.
Programm im Mauerwerk
An diesem Donnerstag um 20 Uhr ist das Manfred Junker Organ Trio zu Gast, am Freitag das Quintett von Landesjazzpreisträger Lukas DeRungs, der eben im Sindelfinger Pavillon gespielt hat. Am Samstag um 20 Uhr spielt Portable Infinity, am Sonntag um 18 Uhr die Bands Flowza und Neue Blume.
Programm im Jugendhaus
Am Freitag, 4. April, um 20 Uhr ist Azizas Favourite Things an der Schießmauer zu Gast. Es folgen Konzerte von Clem’n’groove (Samstag 20 Uhr) und der Herrenberg Bigbaand (Sonntag 19 Uhr).