Finanzexpertin klärt auf Wie Kinder den Umgang mit Geld lernen

Finanzielle Bildung fängt damit an, dass Kinder sich ausrechnen können, was sie sich von ihrem Taschengeld leisten können. Foto: AdobeStock

Es ist nicht egal, was Kinder über Geld lernen, denn es hat Auswirkungen auf ihr ganzes Leben. Was Eltern beachten sollten, erklärt Finanzexpertin Claudia Müller.

Dass sie für das Alter vorsorgen sollten und für die Ausbildung der Kinder gleich mit, wissen viele Eltern. Aber dass sie es sind, die ihren Kindern Wissen über Geld vermitteln sollten, ist vielen nicht klar. In ihrem Buch „Über Geld spricht man doch!“ erklären die Autorinnen Claudia Müller und Isabel Sorg (Kösel-Verlag), wie das gehen kann.

 

Frau Müller, welche Glaubenssätze über Geld sind weit verbreitet und sollten nicht an Kinder weitergegeben werden?

Es gibt die Klassiker wie „Über Geld spricht man nicht“ oder auch „Geld verdirbt den Charakter“. Diese Geld-Glaubenssätze sind sehr offensichtlich und daher sind sie auch leichter aufzulösen, einfach weil sie nicht stimmen. Aber wenn Eltern mithilfe von Geld Druck ausüben, sitzt das bei Kindern tief. Das sehen wir in familiären Kontexten häufig. Zum Beispiel, wenn ein Kind nur Geld bekommt, wenn auf dem Zeugnis gute Noten stehen. Damit vermitteln wir den Kindern, dass sie nur mit Noten etwas wert wären. Das wollen wir natürlich nicht. Und im Großen gibt es diesen Druck, etwa wenn Eltern sagen: Wir zahlen dir nur die Ausbildung, wenn du studierst, was wir wollen. Das hilft alles nicht.

Es gibt viele Vorurteile gegenüber Reichen. Warum ist das ein Problem?

Weil Kinder dann nicht reich werden wollen. Weil sie dann denken, dass sie lieber arm und nett sein wollen als reich und ein Arschloch. Eltern können so viel Gutes mit Geld bewirken. Sie können mit ihren Kindern auf Reisen gehen. Ich kann eine Firma gründen und Mitarbeiterinnen beschäftigen und fantastische Arbeitsplätze schaffen. Ich kann an Projekte spenden, die mir wichtig sind.

Es ist Sommer und jeden Tag will das Kind ein Eis. Als Elternteil will ich das nicht kaufen, weil es ungesund ist und weil es teuer ist. Wie kann ich das meinem Kind erklären?

Claudia Müller ist Expertin für nachhaltige Geldanlagen und finanzielle Bildung für Frauen. Sie arbeitet als Geschäftsführerin des Female Finance Forums, das Fortbildungen zum Thema Geld anbietet. Foto: Katharina Klinck

Es kommt darauf an, wie alt das Kind ist. Wenn es Taschengeld bekommt, könnte man fragen: Wie lange müsstest du denn dein Taschengeld sparen, um das Eis zu kaufen? So können Kinder lernen, das ins Verhältnis zu setzen und zu verstehen, was wie viel Wert ist. Es ist gut, wenn Eltern nicht sagen: Das können wir uns nicht leisten. Aber sie können sagen: Wir haben noch leckeres Eis zu Hause, das essen wir erst einmal. Sie können auch sagen: Es gibt einen Tag in der Woche, an dem kaufen wir das Eis in der Eisdiele. Das ist dann etwas Besonderes.

In anderen Ländern steht die finanzielle Bildung der Kinder im Lehrplan der Schulen. Warum in Deutschland nicht?

Wir reden in Deutschland viel zu wenig über Geld. Geld gilt als absolut private Angelegenheit. In den USA wird beispielsweise viel mehr über Geld geredet und auch viel positiver. Wenn dort eine Person ein hohes Gehalt erreicht, sagt man: Hey cool, wie hast du das geschafft? In Deutschland sagt man sich: So viel Geld braucht man doch gar nicht. Und weil wir das Geld als Privatsache ansehen, wurde lange Zeit gesagt, dass das auch nicht in die Schulen gehört.

Warum ist das ein Problem?

Wenn finanzielle Bildung allenfalls in den Elternhäusern stattfindet und nicht in den Schulen, bedeutet das, dass die Familien, die schon viel Geld haben, nicht nur Geld, sondern auch das Wissen darüber weitergeben. Die Schere zwischen Arm und Reich wird so immer größer. Genau das ist Mist.

Was verstehen Sie unter finanzieller Bildung?

Das fängt damit an, dass Kinder sich ausrechnen können, was sie sich von ihrem Taschengeld leisten können. Sie können sich fragen: Wie spare ich auf den Führerschein? Wenn das Kind noch drei Jahre hat bis zum Führerschein und merkt, dass es monatlich eine hohe Summe sparen müsste, die es gar nicht hat, kann es sich überlegen: Vielleicht suche ich mir für den Sommer einen Job oder frage mal Oma, was das für ein Konto ist, das sie für mich angelegt hat. Wenn man bei den 15- bis 18-Jährigen den Zinseszinsrechner anschmeißt, wird es spannend. Da sehen die Jugendlichen, dass sie über die Jahrzehnte tatsächlich eine Million ansparen können.

Was gehört für Sie noch zur finanziellen Bildung?

Auf jeden Fall der Berufswunsch. Wenn ich den Kindern den Brutto-Netto-Rechner zeige und sie recherchieren, was sie in welchem Beruf verdienen werden, ist das sehr wichtig für ihr Leben. Ein Beispiel: Ein Mädchen wünschst sich ein Haus im Grünen mit Pony im Garten und will Rettungsschwimmerin werden. Bei der Recherche erkennt sie: Okay, das Haus mit Pony im Garten kann ich mir vielleicht als Ärztin leisten, als Rettungsschwimmerin nicht. Jetzt kann das Mädchen überlegen, ob sie vier Tage die Woche Ärztin ist und Rettungsschwimmerin in ihrer Freizeit oder ob ihr der Job so wichtig ist, dass sie auf das Haus mit Pony verzichtet. Das sind wichtige Erkenntnisse.

Sie kritisieren, dass das deutsche Provisionsgeschäft der finanziellen Bildung in die Quere kommt, weil es für die vielen Finanzberater und - beraterinnen gut ist, wenn die Menschen wenig über Geld wissen.

Vom Prinzip her ist es so, dass die Bankberaterin keine Bankberaterin ist, sondern eine Bankverkäuferin. Sie verdient ihr Geld genauso wie die Autoverkäuferin: mit dem Verkauf. Der Unterschied ist aber, wenn Sie ins Autohaus gehen, wissen Sie, dass Ihnen ein Auto verkauft wird. Da erwarten Sie nicht, dass man Sie berät, ob ein Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel besser für Sie wären. Bei der Bank gehen viele Menschen davon aus, dass man sie dort neutral berät. Das ist nicht der Fall. Die Bankberaterin wird ihnen das hauseigene Produkt verkaufen, für das sie eine Provision bekommt – und ihnen nicht einen börsenindizierten Sparplan empfehlen, der im Zweifelsfall wesentlich sinnvoller für sie wäre.

Beim Geld herrschen oft noch alte Rollenklischees vor: Der Mann als Hauptverdiener, die Frau verdient etwas dazu und verantwortet den Haushalt, während er sich um große Ausgaben kümmert. Warum ist das schwierig, gerade für Kinder?

Wir sehen, dass Väter mit Söhnen mehr über Geld reden als mit Töchtern, dass Mütter oft gar nicht über Geld reden. Das muss sich ändern, wenn wir wollen, dass die nächste Generation gleichberechtigt aufwächst. Geld bedeutet Macht in dem Sinne, dass ich, wenn ich finanziell unabhängig bin, ganz andere Entscheidungen treffen kann. 34 Prozent aller Paare bleiben zusammen, weil einer von beiden – meist die Partnerin – es sich nicht leisten kann, sich zu trennen. Der beste Weg zu eigenem Geld ist die eigene Arbeit, also bezahlte Erwerbsarbeit. Das sollten wir vor allem unseren Töchtern mitgeben.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Eltern, wenn es um ihre Kinder und Geld geht?

Redet über Geld und habt keine Angst vor dem Thema. Es ist völlig okay, wenn ihr nicht alles wisst. Macht euch mit euren Kindern zusammen auf die Reise. Das Wichtigste ist, dass die Kinder merken, dass es Spaß macht, sich um Geld zu kümmern. Mit Geld können wir unser Leben so gestalten, wie wir es möchten.

Weitere Themen