Finanzkrise unterm Kappelberg So langt Fellbach bei Grundsteuer zu – Erhöhung bis „um das Siebenbenfache“

, aktualisiert am 20.04.2026 - 12:10 Uhr
Aufregung löst die Grundsteuer-Erhöhung offenkundig vor allem im sogenannten Fellbacher Komponistenviertel (links) aus. Für einige Bürger geht das gehörig an den Geldbeutel (Symbolfoto). Foto: Dirk Herrmann/imago/Wolfilser

Diverse Bürger reagieren bestürzt auf den Beschluss des Fellbacher Gemeinderats, den Hebesatz auf 285 Punkte zu erhöhen. Manche monieren eine Steigerung „um das Siebenfache“.

Die Entscheidung ist zwar längst gefallen, eine Rücknahme keineswegs in Sicht. Doch der Frust einiger Bürger in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) über die kürzlich vom Gemeinderat mehrheitlich beschlossene Anhebung der Grundsteuer von 255 auf 285 Punkte hält an. Gleich mehrere Reaktionen liefen nach dem Votum in unserer Redaktion ein.

 

Eigentlich hatte die Fellbacher Stadtverwaltung gar 300 Punkte gefordert, zeigte sich über den von den Freien Wählern/Freien Demokraten initiierten Kompromiss, der den Haushalt für 2026 sichere, dennoch halbwegs zufrieden.

Bürgermeister: Erhöhung unvermeidlich

Der Erste Bürgermeister und Finanzdezernent, Johannes Berner, machte in der Haushaltsdebatte im Lokalparlament deutlich, dass die Anhebung der Grundsteuer aus Sicht der Verwaltung vor dem Hintergrund stark gestiegener Baupreise, Tariflöhne und Verbraucherpreise unvermeidlich sei, da die Grundsteuer im selben Zeitraum deutlich hinter dieser Entwicklung zurückgeblieben sei. Rechnerisch wäre eigentlich bereits ein Hebesatz von rund 315 Prozent erforderlich, um die Teuerung seit der letzten Anpassung vollständig auszugleichen.

Der CDU-Fraktionschef Franz Plappert hingegen hatte von einer „überzogenen Erhöhung“ gesprochen und allenfalls einen Hebesatz von 265 Punkten als „akzeptabel“ bezeichnet. In einer nachgeschobenen Erklärung verweist Plappert nun auf eine „reale Berechnung“ der Grundsteuer, die ihm eine Fellbacher Familie übermittelt habe.

Demnach stieg bei dieser Familie die fällige Grundsteuer von 736,45 Euro nach alter Regelung im Jahr 2024 auf zunächst 1214,08 Euro bei einem Hebesatz von 255 im Jahr 2025. Mit 300 Punkten komme man auf knapp 1430 Euro Grundsteuer, was einer Erhöhung von 93,95 Prozent in zwei Jahren entspreche. Plapperts Fazit: „Bei diesen Steigerungsraten von Inflationsausgleich zu sprechen, ist doch ziemlich verwegen.“

Ein anderer Bürger bezieht sich in einem Kommentar zur Gemeinderatsentscheidung auf sein Grundstück in Fellbach mit einer Größe von 660 Quadratmetern, das mit einem mehr als 100 Jahre alten Einfamilienhaus bebaut ist. Die Grundsteuer hierfür betrug für das Jahr 2024 genau 257,34 Euro. Für 2025 „wurde die Grundsteuer zu meinem Entsetzen auf 1608,11 Euro festgesetzt“. Einspruch und Widerspruch seinerseits hätten keinen Erfolg gebracht.

Und nun solle die Grundsteuer erneut erhöht werden. Die Rathausspitze um Oberbürgermeisterin Gabriele Zull versuche, die Gemüter zu beruhigen, indem sie behaupte, dass die monatliche Belastung bei einem Einfamilienhaus höchstens 16,60 Euro betrage. In seinem Fall hingegen betrage die Erhöhung rechnerisch 189,19 Euro, insgesamt also 1797,30 Euro, erklärt der Bürger. Das sei eine Erhöhung um das siebenfache, bezogen auf das Jahr 2024.

Für unseren Leser Wolfgang Laipple aus der Fellbacher Haydnstraße wiederum trifft die CDU-Einschätzung, dass es sich um eine „überzogene Erhöhung“ handelt, „voll ins Schwarze“. Er gibt ebenfalls Einblick in die eigenen Umstände und verweist darauf, dass sich die Grundsteuer im sogenannten Komponistenviertel (gelegen im Westen der Kernstadt, benannt nach den dortigen Straßen wie Beethoven- oder Mozartstraße) seit Januar 2025 „verfünffacht“ habe. „Jetzt setzen sie noch einen obendrauf, sodass es gegenüber dem Jahr 2024 fast zu einer Versechsfachung kommt“.

In konkreten Zahlen: Bis dahin zahlte Laipple genau 300 Euro, „was zugegebenermaßen zu niedrig war“. Über eine Verdoppelung hätte er sich überhaupt nicht beschwert, bei einer Verdreifachung wahrscheinlich „nur etwas gemurrt“. Für das, was aber tatsächlich herausgekommen sei, habe er als Schwabe nur eine Bewertung: „Des isch oifach ohbacha!“ Falls einem dieses Idiom nicht geläufig sein sollte: „Es heißt soviel wie völlig unsensibel und brachial.“

Und für einige Mieter dort steige etwa der Grundsteueranteil an den Nebenkosten von 80 Euro bis 2024 auf künftig circa 650 Euro.

Selbstversorgung mit Obst und Gemüse im Hausgarten

In diesem Komponistenviertel, das in den 1930er Jahren erschlossen wurde, stehen relativ kleine und niedrige Häuser mit zumeist drei Etagen auf einer relativ großen Grundstücksfläche. Damals war das notwendig. Laipple: „Meine Großeltern und ihre Zeitgenossen waren zur teilweisen Selbstversorgung mit Obst und Gemüse auf ihre ,Hausgärten’ angewiesen. Jetzt wird plötzlich auf die gesamte Fläche eine Steuer erhoben, die wohl für ein Hochhaus angemessen wäre!“

Natürlich sollte verhindert werden, dass immer mehr Fläche bebaut werde. „Aber eine unterschiedslose Anwendung auch auf alle bereits zum Teil schon seit sehr langer Zeit bebauten Gebiete, die zudem auch eine Funktion als ,Grüne Lunge’ haben, ist eine baden-württembergische Spezialität.“

Kein Geld mehr für PV-Dachanlage

Ein weiteres dringendes Anliegen grüner Politik, die Energie- und Wärmewende, wird überdies nach Laipples Einschätzung durch die Grundsteuererhöhung konterkariert: Wer die Häuser im Quartier betrachtet, dem fällt auf, dass mindestens die Hälfte eine ungedämmte Fassade haben. Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen sind auch eindeutig eher die Ausnahme als die Regel.

Laipple: „Vielen Hausbesitzern, oftmals wahrscheinlich auch bereits in etwas fortgeschrittenem Alter, geht’s wohl wie mir: Durch die exorbitante Erhöhung der Grundsteuer wird der Spielraum für die energetische Sanierung immer kleiner. Bei mir bedeutete sie das Aus für die bereits projektierte große PV-Dachanlage.“

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