Bild aus harmonischeren Tagen: Die Feier „75 Jahre Meisterkonzerte“ im September 2023 . Am Mikrofon: Gerald Buß. Foto: Giacinto Carlucci
Der Vorstand des Kulturkreises Göppingen wirft seinem Ex-Vorsitzenden vor, dem Verein einen Schaden in Höhe von 120.000 Euro zugefügt zu haben. Dieser weist die Vorwürfe zurück.
Helge Thiele
20.04.2026 - 06:00 Uhr
Stürmische Zeiten für den Kulturkreis Göppingen: Der Vorstand wirft seinem ehemaligen Vorsitzenden Gerald Buß vor, dem Verein einen Schaden in Höhe von bis zu 120.000 Euro zugefügt zu haben. Hintergrund seien ungeklärte Außenstände aus der Vermarktung von Sponsoring- und Werbeeinnahmen, teilte der Vorstand auf Anfrage mit. Gerald Buß weist die Vorwürfe zurück und erklärt: „Die aktuelle Eskalation bedaure ich sehr – insbesondere, weil mir der Kulturkreis nach über 25 Jahren Engagement persönlich sehr am Herzen liegt.“
Die Einladung des Vorstands zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 6. Mai in der Göppinger Stadthalle hat dafür gesorgt, dass sich die steife Brise hinter den Kulissen zu einem öffentlichen Orkan entwickelt hat. Denn während im städtischen Amtsblatt nur auf den Termin hingewiesen worden war, enthielt die Post an die rund 230 Mitglieder auch die Tagesordnung. Diese lautet: „1. Information zu Veränderungen im Vorstand, 2. Information über ungeklärte Außenbestände aus Sponsoringerlösen, 3. Abwahl des Vorstandsmitglieds Gerald Buß, 4. Abstimmung über Klage gegen Gerald Buß wegen eines dem Verein entstandenen Schadens in Höhe von bis zu 120.000 Euro.“
Schon im Dezember wurde der langjährige Vorsitzende abgewählt
Beim Meisterkonzert am Dienstagabend dieser Woche war einigen Mitgliedern die Aufregung anzumerken, einige hatten die Einladung mitgebracht und reichten sie herum: Bereits im Winter hatte es Anzeichen für internen Zwist gegeben: Die für Anfang Dezember 2025 geplante ordentliche Mitgliederversammlung wurde abgeblasen, der Vorstand wählte Gerald Buß als langjährigen Vorsitzenden des Vereins ab. Neue Vorsitzende ist seitdem Ulrike Albrecht. Die weiteren Mitglieder des Vorstands sind Michael Wirkner, Isabelle Grupp, die auch das städtische Kulturreferat leitet, Volker Rendler-Bernhardt, Rainer Hasert, Wolfram Hosch und eben Gerald Buß, der aber auf der Homepage des Kulturkreises nach wie vor als „1. Vorsitzender“ aufgeführt wird.
In der Mitteilung des Vorstands heißt es: „Die strittigen Vorgänge gehen auf eine Vereinbarung aus dem Jahr 2010 zurück. Damals wurde die Vermarktung von Anzeigen und weiteren Werbeleistungen in den vereinseigenen Medien auf die Firma Kulturgut übertragen. Kulturgut ist ein von Gerald Buß gegründetes Einzelunternehmen, das die Erlöse vereinnahmen und davon die Kosten für die Produktion der Medien tragen sollte. Nach Abzug einer vereinbarten Provision sollten Überschüsse an den Verein ausgeschüttet werden, eventuelle Unterdeckungen hätte der Verein ausgeglichen.“
Buß, seit Herbst Mitglied der Evangelischen Landessynode, betont: „Die aktuell gegen mich geltend gemachten Ansprüche nehme ich sehr ernst. Ich halte sie aber in der Sache für nicht begründet. Sämtliche finanziellen Vorgänge wurden von mir gemeinsam mit fachlicher Unterstützung umfassend aufgearbeitet und dokumentiert und sind nachvollziehbar belegt.“
Der Vorstand des Kulturkreises will auf Schadenersatz klagen
Das sieht der Vorstand anders: „Der Vorstand hat zwei Jahre lang versucht, den Sachverhalt einvernehmlich zu klären – zuletzt mit anwaltlicher Unterstützung. Da Gerald Buß seine Einnahmen aus den Sponsoringerlösen bis heute nicht offengelegt hat, sieht sich der Kulturkreis gezwungen, eine Klage auf Schadenersatz anzustrengen. Buß bestreitet nicht, dass es Ansprüche gegen ihn gibt, und bietet eine Vergleichssumme von 21.000 Euro an. Er macht Einrede auf Verjährung geltend und zieht sich darauf zurück, nur für die letzten drei Jahre zum Ausgleich verpflichtet zu sein.“ Der Vorstand jedoch möchte die Sache vollständig aufklären und den Verein so stellen, als sei von Anfang an korrekt abgerechnet worden.
Buß erläutert, dass ein Großteil der Sponsoring-Strukturen das Ergebnis gemeinschaftlich aufgebauter Beziehungen aller Vorstandsmitglieder zu Partnern ist, „die auf gegenseitigem persönlichem Vertrauen beruhen“. Teilweise seien die Zusammenarbeit mit den Sponsoringpartnern nicht gesondert schriftlich festgehalten, sodass sich die vereinbarten Konditionen heute nicht immer nachvollziehen ließen. In diesen Punkten bestünden „unterschiedliche Auffassungen zwischen mir und dem Verein“. Der abgewählte Vorsitzende versichert, er habe dem Verein ein Angebot zur gütlichen Einigung unterbreitet, das aus seiner Sicht der Rechtslage entspreche.
Die Mitglieder müssen am 6. Mai nicht nur entscheiden, ob Buß aus dem Vorstand abgewählt und verklagt werden soll. Manches Mitglied wird vielleicht erstmals erfahren, wie das bisherige Sponsoring-System im Kulturkreis funktioniert hat. Dazu erklärt der Vorstand: „Dem Ganzen liegt die Idee zugrunde, für die Werbung des Kulturkreises kein Geld auszugeben, sondern – im Gegenteil – Geld zu generieren für die Finanzierung der Meisterkonzerte. Dieses Konzept schien aufzugehen. Dem Verein ging es finanziell immer besser. Das Vereinsvermögen wuchs auf bis ca. 85.000 Euro im Jahr 2020 an. Dann kam Corona, die Vorstandsarbeit konzentrierte sich vollkommen darauf, den Konzertbetrieb überhaupt aufrechtzuerhalten.“
Im Herbst 2023 war der Verein vorübergehend zahlungsunfähig
Danach, im Herbst 2023, war der Verein – „für den Vorstand überraschend“, wie dieser betont – vorübergehend zahlungsunfähig. „Sofort“ habe sich der Vorstand „an die Arbeit gemacht, die Ursachen für das Finanzloch aufzuklären“. Dabei sei man im März 2024 „erstmals auf Unregelmäßigkeiten“ gestoßen. „Bei näherer Nachforschung fiel auf, dass Buß seine Sponsoringerlöse seit 2010 nicht abgerechnet hat. Dies wurde auf Nachfrage vom Kassier bestätigt“, heißt es in der Mitteilung des Vorstands. Nachdem „der Wille, die Sache gemeinsam aufzuklären, bei Gerald Buß nicht erkennbar war“, habe der Vorstand im Oktober 2024 seinem Vorsitzenden und auch dem Kassier das Vertrauen entzogen.
Stadt gewährte Verein einen fünfstelligen Zuschuss
Offene Fragen Warum im Vorstand des Kulturkreises nicht schon viel früher Abrechnungen eingefordert wurden, gehört genauso zu den offenen Fragen wie jene, was mit dem Zuschuss in Höhe von mehr als 30.000 Euro passiert. Einen Betrag in dieser Höhe hatte die Stadt Göppingen dem Kulturkreis 2024 gewährt, um dessen Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.
Folgen Wird oder muss die Kommune die öffentlichen Mittel zurückfordern? Oder hat das eine mit dem anderen nichts zu tun? Die außerordentliche Mitgliederversammlung am 6. Mai könnte stürmisch werden. Und ihr Verlauf wird entscheidend dafür sein, ob und wie es mit dem 1948 gegründeten Kulturkreis weitergeht.