Stuttgart - Der Neuverleger ist für Journalisten nicht zu sprechen. Nein, heißt es beim Res-Publica-Verlag in Berlin, Dirk Notheis (52) beantworte keine Fragen und gebe auch keine Interviews. Drei gedrechselte Sätze in der Pressemitteilung müssen so als Begründung genügen, warum der Frankfurter Unternehmer künftig Mitherausgeber der Monatsmagazine „Cicero“ und „Monopol“ wird. „Eine pluralistische Medienlandschaft ist ein hohes Gut unserer Demokratie“, lässt sich Notheis zitieren. Es sei ihm „Ehre und Motiv zugleich“, dieses Gut zu mehren. Die publizistischen Inhalte blieben auch in Zukunft allein Sache der Redaktionen.
Der einstige Investmentbanker und Vertraute von Stefan Mappus kauft die Hälfte eines kleinen Verlages – diese Nachricht erregte Aufsehen. Notheis übernimmt die Anteile des „Cicero“-Chefredakteurs Christoph Schwennicke, der das Blatt neun Jahre lang geprägt hat und nun „neue Wege“ gehen will. Engagiert wurde er vom Mitverleger und Co-Chefredakteur Alexander Marguier, der ihn seit vielen Jahren aus gemeinsamen Zeiten in Frankfurt kennt und schätzt. Sein neuer Partner sei ein „engagierter Demokrat und Citoyen“, der den Verlag mit seiner Kompetenz voranbringen wolle, ließ der aus Horb stammende Marguier den gebürtigen Ettlinger loben.
Große Gewinne nicht zu erwarten
Ein Unternehmer kauft sich ein Medium – das ist inzwischen nichts Neues mehr. Schon vor Jahren erwarb der Amazon-Chef Jeff Bezos die „Washington Post“. Aus redaktionellen Entscheidungen halte er sich heraus, hieß es, doch sein Geld und seine Impulse taten dem kriselnden Traditionsblatt offenbar gut. Zuletzt übernahm ein Unternehmer-Ehepaar die „Berliner Zeitung“, um fortan auch inhaltlich kräftig mitzumischen; der Erfolg ist noch offen. Bei Notheis handelt es sich nicht um ein Investment seiner Firma Rantum Capital, die Mittelständler mit Kapital versorgt, sondern um ein privates Engagement. Große Gewinne dürfte es nicht abwerfen, doch der Verlag soll immerhin schwarze Zahlen schreiben.
Dirk Notheis wird Verleger – das ist eine aparte Volte in seinem wechselvollen Verhältnis zu den Medien. Einst nutzte er sie geschickt, dann geriet er selbst in ihren Fokus, seither meidet er sie weitgehend. Als Landeschef des CDU-Nachwuchses war der Banker für Journalisten ein geschätzter Gesprächspartner. In Hintergrundrunden entwickelte er kluge Analysen zur Landespolitik. Mit seiner leisen, leicht raunenden Sprechweise vermittelte er den Eindruck, seine Zuhörer an exklusivem Wissen teilhaben zu lassen. Gerne lenkte er den Blick auch auf unentdeckte Nachwuchstalente in der Partei, so einen gewissen Stefan Mappus aus Pforzheim.
Seinen Kritikern will der Christ verzeihen
Als Mappus schließlich Ministerpräsident wurde, war Notheis der Landespolitik längst entwachsen. Inzwischen Deutschland-Chef der Investmentbank Morgan Stanley, jettete er um die Welt und fädelte große Geschäfte ein. Ein solcher Deal, der Rückkauf der EnBW-Aktien, sollte für die Freunde zum großen gemeinsamen Coup werden. Tatsächlich beendete er wegen des fragwürdigen Vorgehens zunächst beider Karriere: Mappus verlor die Wahl, Notheis seinen Job. Von der politischen Konkurrenz, aber auch von den Medien fühlte sich der Banker damals höchst unfair behandelt. Seither macht er sich in der Öffentlichkeit rar.
Nur einmal, 2016, schaute Notheis in einem Interview auf den EnBW-Deal zurück. In den Stuttgarter Nachrichten äußerte er sich damals auch selbstkritisch zu seinen flapsigen Mail-Formulierungen, klagte aber vor allem über die „öffentliche Hetze“, die seine Frau schwer erkranken lassen habe. Dieser Preis sei „schlicht zu hoch“. Dennoch wolle er keine Revanche: „Zum Christsein gehört eben auch verzeihen.“ Heute hat Notheis das Kapitel für sich abgeschlossen. Selbst die gute Entwicklung des Energiekonzerns, die Mappus unlängst triumphierend als Bestätigung wertete, will er nicht kommentieren.
Strippenzieher hinter den Kulissen
Schlagzeilen macht Notheis hin und wieder weiter, aber eher ungewollt. Im Jahr 2018 etwa, als der chinesische Unternehmer Li Shufu gleichsam über Nacht fast zehn Prozent an Daimler erwarb, soll er hinter den Kulissen die Strippen gezogen haben. Ein Kollege und er, hieß es, hätten den eigentlich unerwünschten Einstieg zusammen mit Banken und Anwälten clever eingefädelt. Die Berichte über seine Rolle ließ Notheis ebenso unkommentiert wie später Meldungen, er trommle im CDU-Machtkampf diskret für Friedrich Merz. Offiziell sei er nicht im Unterstützerkreis, hieß es nur. Doch die beiden sind sich seit Langem in gegenseitiger Wertschätzung verbunden.
Vor diesem Hintergrund wird sicher mit Interesse verfolgt, wie wohlwollend oder kritisch Merz künftig von „Cicero“ begleitet wird. Eine andere Erwartung dürfte sich hingegen kaum erfüllen. „Ui“, kommentierte ein Berliner Journalist auf Twitter den Einstieg von Notheis, „ob Stefan Mappus dann Kolumnist wird?“