Solange sich Opernstar Anna Netrebko nicht „glaubwürdig“ von Putin distanziert, hat sie keine Chance, im September auf dem Schlossplatz singen zu können. Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) fordert, dass sie „mit dem brutalen Kriegstreiber bricht“.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - In München und Baden-Baden ist sie bereits ausgeladen worden, für etliche andere Konzerte in Deutschland hat sie selbst abgesagt. Auch in Stuttgart schwinden nun die Chancen, dass die Sopranistin Anna Netrebko am 3. September im Ehrenhof des Neuen Schlosses ihr im vergangenen Jahr wegen Corona ausgefallenes Open-Air-Konzert vor 4000 Gästen nachholen kann. „Wer sich nicht vollständig von einem brutalen Kriegstreiber lossagt, hat bei uns in Stuttgart keinen Platz“, sagte Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) am Mittwoch auf Anfrage unserer Redaktion.

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Die Sängerin sei „nicht irgendeine Künstlerin“, erklärte der Hausherr des Neuen Schlosses (und damit der Vermieter des Platzes), „sondern eng mit Putin verbunden“. Bayaz will daher „verhindern, dass sie im Ehrenhof auftritt“, unterstreicht er. Unklar sei aber, ob sie nicht von sich aus das Konzert absagt.

Ihren Auftritt am Mittwoch in Hamburg hat die Diva bereits gestrichen sowie alle weiteren Konzerte in Deutschland bis Ende August. „Jetzt ist nicht die Zeit für Musik“, hieß es in ihrer Erklärung. Das Comeback nach einer sechsmonatigen Auszeit war mit ihrem Mann, dem Tenor Yusif Eyvazov, für den 3. September auf dem Schlossplatz geplant. Der Vorverkauf lief am Mittwoch weiter: Es gibt noch Sitzplatzkarten für 142,50 bis 292 Euro. Die Stehplatzkarten für 90 Euro sind alle weg.

„Halbherzige Distanzierungen reichen nicht aus“

Zwar hat sich Anna Netrebko vor wenigen Tagen gegen den Krieg in der Ukraine via Instagram ausgesprochen, sich aber nicht von Putin distanziert und seinen Namen nicht öffentlich genannt. Dafür ist sie heftig kritisiert worden und von etlichen Bühnen umgehend ausgeladen worden. Im vergangenen September hatte sie ihren 50. Geburtstag mit einem Gala-Abend im Kreml gefeiert.

Um doch noch auf dem Schlossplatz singen zu können, müsse sie „glaubwürdig und umfänglich mit Putin brechen“, erklärte Finanzminister Bayaz gegenüber unserer Redaktion. „Halbherzige Distanzierungen“ seien nicht ausreichend.

Opernfans diskutieren darüber, ob der Boykott zu weit geht ,

Dem Opernstar geht es sehr schlecht, ist aus dem Umfeld der Konzertagenten zu hören. Anna Netrebko habe Angst um ihre Familie in Russland, sei schockiert von den Kriegsbildern im Fernsehen und fürchte, nun in Deutschland den Boden unter den Füßen zu verlieren, also kein Bein mehr auf die Opernbühnen zu bekommen.

Opernfans diskutieren, ob der Boykott der Starsängerin richtig sei oder ob man nicht verstehen müsse, wenn sie aus Sorge um Repressalien ihrer Angehörigen zurückhaltend sei. Immer mehr Veranstalter und Politiker fordern von Netrebko ein unmissverständliches Statement zu Putins Schuld am Krieg und an den vielen Toten in der Ukraine. Auf Instagram hat die Sängerin am Mittwoch ein Foto von sich und dem Dirigenten Valery Gergiev in Jubelgeste nach einem Auftritt gepostet. Das wirkte wie ein Bekenntnis zur Putin-Treue. Kurz danach stellte sie den Account von öffentlich auf privat um.

Der örtliche Veranstalter Christian Doll hatte am Vormittag erklärt, er sei „entsetzt über den russischen Einmarsch“. Kultur und Musik sollten verbinden und Brücken schlagen. Nach dem klaren Statement von Bayaz war Doll bisher für uns nicht zu sprechen.

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