Finanznot im Rems-Murr-Kreis Paukenschlag in Fellbach: Stadt legt IBA’27-Engagement auf Eis

Abschied vom Aushängeschild: Fellbachs Baubürgermeisterin Beatrice Soltys und Eindrücke vom IBA-Festival zur Präsentation der Konzeptstudie. Foto:  

Schon wegen einer Landeserstaufnahme für Flüchtlinge hat Fellbach seine Konzeptstudie für urbane Landwirtschaft infrage gestellt. Jetzt dreht die Finanznot dem Projekt den Saft ab.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Mit ihren Gedankenspielen für eine urbane Zukunft der Landwirtschaft galt die Stadt Fellbach bisher als Aushängeschild der kommendes Jahr startenden Bauausstellung IBA ’27. Die Idee, dass sich die Dächer schmuckloser Industriehallen mit Rooftop-Farming für den Anbau von schmackhaftem Obst und frischem Gemüse nutzen lassen könnten, hatte zweifellos Charme. Und die Vorstellung, dass schicke Hightech-Gewächshäuser mit in die Höhe gestapelten Substrat-Pflanzbeeten bisher noch nicht mal für Solarzellen genutzte Fabrik-Flachdächer aufwerten, atmete zumindest einen Hauch der Innovation.

 

Kein Wunder, dass das unter dem Motto „Agriculture meets Manufacturing“ stehende Programm aus Fellbach nicht nur in Architektenkreisen für Aufsehen sorgte. Im Vergleich zu vielen eher biederen Projekten in anderen Kommunen wirkte die Konzeption aus dem Rems-Murr-Kreis wie eine Frischzellenkur für den weit über den Ballungsraum Stuttgart hinaus beachteten Ideenwettbewerb.

Spannende Frage: Wie geht eine unter Platznot ächzende Region mit Fläche um?

Die hinter den Fellbacher Überlegungen stehende Frage, wie in einer dicht besiedelten und notorisch unter Platznot ächzenden Region mit Fläche umgegangen wird, versprach spannende Antworten – und reichte weit über die schöne neue Welt für den Ackerbau hinaus. Ein Netzwerk aus Architekten, Stadtplanern, Hochschulen und Unternehmen hatte sich intensiv damit beschäftigt, wie die aus den 1970er Jahren stammende und entsprechend angejahrt wirkende Gewerbezone links und rechts der Höhenstraße revitalisiert werden kann.

In verschiedenen Studien wurden die Chancen zur Nachverdichtung des 110 Hektar großen Mega-Areals an der Stadtgrenze zu Stuttgart untersucht. In den Blick nahmen Stadtplaner auch die Themenfelder Kreislaufwirtschaft und Klima-Anpassung. Schließlich machen Gewerbezonen unterm Kappelberg gut ein Fünftel der kompletten Siedlungsfläche aus. Nicht nur beim wirtschaftlich bisher eher abseitigen Thema des urbanen Ackerbaus wirft deshalb schon die schiere Größe die Frage nach bisher nicht genutzten Flächenpotentialen auf.

„Wie kann dieses Gebiet zu einem Vorzeige-Areal werden, das Landwirtschaft und Gewerbe sinnvoll verbindet und bei der Neukonzeption ebenso ökologische wie ökonomische Aspekte berücksichtigt?“, umriss die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bei der Vorstellung der Konzeption vor mittlerweile drei Jahren die selbst gewählte Aufgabenstellung. Bevor weiter wertvoller Ackerboden unter grauem Asphalt verschwindet, wollte die Stadt unterm Kappelberg wenigstens überlegen, ob sich der Flächenverbrauch auch schonender gestalten lässt.

Chancen auf 110 Hektar: das Projektgebiet an der Fellbacher Höhenstraße. Foto: Stadt Fellbach

Mit Blick auf diesen Aspekt konnte sich Fellbachs Baudezernentin Beatrice Soltys bundesweiter Resonanz sicher sein. „Aus ganz Deutschland erreichen uns die Fragen von Kommunen nach unserem Konzept“, freute sich die Architektin, mit dem IBA-Thema am Puls der Zeit zu sein. Umso mehr blutet das Planerherz, dass von den einst erdachten Überlegungen nicht mehr viel übrig zu bleiben droht.

Der Grund: Die Vorstellung, dass sich dereinst in Fellbach goldgelb gewachsenes Getreide auf Parkhausdächern und Gewerbebauten sanft im Wind wiegen könnte, verschwindet nach Lage der Dinge wieder in der Schublade – zum Leidwesen der Baubürgermeisterin und der nach Lösungen für die Revitalisierung ihrer in die Jahre gekommenen Standorte suchenden Unternehmen.

Denn ausgerechnet im Endspurt vor der geplanten Eröffnung der IBA ’27 verabschiedet sich die Stadt Fellbach aus dem Kreis der aktiven Unterstützer. Wegen der Finanznot der Kommune wird das Engagement für die internationale Bauausstellung zwar nicht abgebrochen, aber doch auf Eis gelegt. „Begonnene Teilprojekte werden noch zu Ende geführt. Die Stadt selbst beginnt jedoch keine neuen Aktivitäten“, hieß es bei der Vorstellung des zweiten Sparpakets vor wenigen Tagen.

Deutlich wird die Kehrtwende beim Personal: Die bisher genehmigten Mittel fürs IBA-Management – ein immerhin sechsstelliger Betrag – werden von der Stadt ersatzlos gestrichen, die Stelle der Projektkoordinatorin nicht nachbesetzt. Alles, was die Stadt noch tut, ist, die ohnehin bestehenden Verträge zu erfüllen. „Die bis Ende 2025 erzielten Ergebnisse der Stadt sowie die bis 2027 gebauten Beispiele der privaten Partner gehen trotz der Einsparungen nicht verloren. Sie sollen weiterhin im IBA-Ausstellungsjahr präsentiert werden“, sagt die Oberbürgermeisterin über den Rückzug in Raten.

Gespart werden soll allerdings nicht nur beim Projektmanagement: Ungleich größer als die Aufwendungen für die Beratungsleistung der nicht länger besetzten Personalstelle sind die Sanierungskosten für das über das IBA-Projekt ins Leben gerufene „Gewerbegebiet Fellbach West“. Satte 3,3 Millionen Euro will die Stadt nicht ausgeben, um die Finanzlöcher im Etat zu stopfen. „Das setzt ein deutliches Zeichen, dass wir es ernst meinen“, sagt Baubürgermeisterin Soltys.

Schon wegen der Flüchtlingsfrage hatte Fellbach den IBA-Beitrag infrage gestellt

Sie hofft, die bestehenden Planungen wieder aus der Schublade holen zu können, „wenn die Welt wieder anders aussieht“. Man habe mit dem IBA-Beitrag viel erreicht, das Projekt Eppinger Straße gehe demnächst in Bau. Pikant: Schon vor knapp zwei Jahren hatte Fellbachs Rathauschefin Gabriele Zull das IBA-Engagement infrage gestellt – allerdings nicht aus finanziellen Gründen, sondern um eine vom Land geplante Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge zu verhindern. Ein Migrationszentrum, so die Rathauschefin im April 2024, könne den Traum von einer städtebaulichen Aufwertung des Gewerbegebiets zwischen der Höhenstraße und der Stuttgarter Straße blockieren.

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