Finanzprobleme in Stuttgart Schmerzhafte Einschnitte beim DRK

DRK-Ehrenamtliche stellen bei einer Bevölkerungsschutzübung in Stuttgart im April die Versorgung von Verletzten nach. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Vom Sanitätsdienst bei Festen bis zur Notfallrettung – das Rote Kreuz spielt in Stuttgart eine wichtige Rolle. Doch der Kreisverband hat 20 Jahre lang Verluste gemacht. Das soll sich ändern – und Aufbruchstimmung folgen.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Es sind viele lobende Worte, die die knapp hundert stimmberechtigten Delegierten und viele weitere Besucher bei der Kreisversammlung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Stuttgart zu hören bekommen. Die Gästeliste im Bürgerhaus Möhringen zeigt am Montagabend die Bedeutung der Organisation auch in der Landeshauptstadt. Feuerwehrchef Georg Belge spricht ein Grußwort, ebenso der CDU-Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz. Mehrere ehemalige und aktuelle DRK- und Politikgrößen sind gekommen. Sie alle sprechen von selbstlosem Einsatz für die Allgemeinheit, von Hilfe, die ankommt, und unverzichtbarem Engagement.

 

Allerdings kostet all das auch Geld. Die knapp 2000 ehren- und hauptamtlichen DRK-Leute beim Stuttgarter Kreisverband sind auf über 60 Tätigkeitsfeldern unterwegs, vom Senioren-Notruf über Pflegeheime und Sanitätsdienste bei Veranstaltungen bis hin zum Rettungsdienst oder dem Hitze- und Kältebus. Erst im Sommer haben sie federführend die medizinische Versorgung der zahlreichen Besucher bei der Fußball-EM übernommen. Doch nicht alles davon lohnt sich auch finanziell.

Der neue ehrenamtliche Präsident Martin Schairer jedenfalls ist auf eine große Aufgabe gestoßen, nachdem ihn eine Findungskommission im Sommer 2023 darum gebeten hatte, das Amt zu übernehmen. Zuvor war der Posten ein Jahr lang vakant gewesen. Innere Querelen im Kreisverband hatten dazu geführt, dass Vorgänger Walter Sopp nach zwölf Jahren im Amt abberufen worden war. Das neue Präsidium mit dem ehemaligen Stuttgarter Ordnungsbürgermeister an der Spitze ist also mit der Aufgabe angetreten, die „DRK-Familie“, wie man selbst sich gerne nennt, wieder zu einen – und, das hat sich schnell herausgestellt, finanziell umfangreich zu sanieren.

Die Gehälter sind deutlich gestiegen

Denn die Lage ist bescheiden. „So wie in den vergangenen Jahrzehnten können wir nicht mehr weitermachen“, sagt Schairer im Saal. Der Kreisverband habe 20 Jahre in Folge Verluste gemacht. 2023 habe es aufgrund erster Sparmaßnahmen und einiger Sondereffekte erstmals wieder einen positiven Abschluss mit einer schwarzen Zahl gegeben. Das wird allerdings nicht so bleiben. Bereits in diesem Jahr rechnet man, unter anderem wegen deutlich gestiegener Tarifgehälter für die Hauptamtlichen, wieder mit einem Verlust von 800 000 Euro. Und auch die Lage bei Spenden und Fördermitgliedern sowie der Trend bei freiwilligen Helfern sind nicht mehr rosig.

Bei der Fußball-EM waren die Helfer im Dauereinsatz. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Folge: „Wir haben alles auf den Prüfstand gestellt. Wir müssen uns effizient aufstellen und der großstädtischen Gesellschaft klarmachen, dass wir mehr denn je gebraucht werden“, so Schairer. Man habe ein „intensives Jahr voller Diskussionen“ hinter sich und bereits erste „schmerzhafte Maßnahmen“ ergriffen. So ist auf der Geschäftsstelle erheblich Personal eingespart worden. Nicht nur die Neuaufstellung, aber auch sie hat zudem dazu geführt, dass es Rücktritte im Präsidium gab. Dort waren zuletzt zwei Ämter unbesetzt.

Die Umstrukturierung soll jetzt aber erst so richtig losgehen. Es braucht Mehreinnahmen und Einsparungen gleichermaßen. Das betrifft auch einen besonders heiklen Punkt, nämlich die Bereitschaften in den Stadtbezirken. Die Ehrenamtlichen vor Ort haben ihre originären Kosten wie Miete für Gebäude, Heizung oder Reparaturen bisher vom Kreisverband bezahlt bekommen. In Summe sind das 400 000 Euro pro Jahr. In Zukunft sollen sie diese Kosten selbst stemmen. Binnen drei Jahren soll dieser nicht unumstrittene Punkt umgesetzt sein. Der Stuttgarter Rettungsdienst dagegen ist nicht betroffen – er wird von den Krankenkassen finanziert.

Bestätigung von den Delegierten

Trotz der harten Botschaften scheint der Kreisverband gewillt, diesen Weg mitzugehen. Die Delegierten entlasten das Präsidium schließlich mit großer Mehrheit und vervollständigen es danach. Peter Maser wird zum Schatzmeister gewählt, Gerhard Röder zum Justiziar. Und ein paar positive Botschaften gibt es auch noch. Beim Bevölkerungsschutz etwa, bei dem das DRK bislang draufzahlt, obwohl es sich um eine Aufgabe des Bundes und der Länder handelt, gibt es offenbar erste kleine Fortschritte. Und beim wegen eines Finanzierungsstreits mit dem Land lange auf Eis gelegten Neubau der Rettungswache in Bad Cannstatt soll bald der Spatenstich erfolgen.

Überhaupt zeigt Schairer sich trotz der großen Herausforderungen optimistisch. „Ich bin zuversichtlich, dass wir schon in einem Jahr mit einem Kreisverband dastehen werden, der gut aufgestellt ist“, sagt der Präsident. Querelen und Finanzprobleme sollen dann möglichst der Vergangenheit angehören – damit man sich wieder auf die vielen lobenden Worte konzentrieren kann.

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