Finfluencer-Boom Wenn Tiktok, Youtube und Instagram den Finanzberater ersetzen
Viele junge Menschen machen einen Bogen um klassische Anlageberater und setzen auf sogenannte Finfluencer. Doch nicht alle dieser Tippgeber sind seriös und qualifiziert.
Viele junge Menschen machen einen Bogen um klassische Anlageberater und setzen auf sogenannte Finfluencer. Doch nicht alle dieser Tippgeber sind seriös und qualifiziert.
Wer sich über Immobilienkauf, ETFs, Aktien oder Kryptowährungen informieren will, findet im Internet ein großes Angebot. Bei Youtube, Tiktok oder Instagram tummeln sich sogenannte Finanzinfluencer – kurz Finfluencer. Einige von ihnen haben enorme Reichweiten. Besonders bei der jüngeren Generation, die sich zunehmend für Investmentthemen interessiert, finden sie Anklang. Aber wie viele dieser Tippgeber sind seriös und in Finanzfragen qualifiziert? Was bringen ihre Ratschläge zur Geldanlage? Müssen strengere Regeln her?
Sie versprechen Traumrenditen mit Eigentumswohnungen, Wertpapieren, Bitcoin oder anderen Investments – frei nach dem Motto: Folge mir, dann kannst auch du reich werden. Dass neben Beauty-, Mode- oder Lifestyle-Trends auch Anlagethemen in den sozialen Medien boomen, ist eigentlich eine positive Entwicklung – zumal es um die Finanzbildung in Deutschland bekanntlich nicht gut bestellt ist. Ein Problem: Nicht alle Social-Media-Stars sind vertrauenswürdig.
„Es gibt beides: Professionelle Finfluencer, die sich an Regeln halten und die Risiken von Investments sehr aktiv ansprechen, ebenso wie schwarze Schafe, die unseriöse Investmenttipps mit ihren Followern teilen“, erklärt Professorin Monika Kovarova-Simecek von der Fachhochschule St. Pölten. Sie hat die Szene in einem Forschungsprojekt mit der HHL Leipzig Graduate School of Management und der Beratungsagentur Paradots untersucht und dabei 357 deutschsprachige Finfluencer mit über zehn Millionen Followern auf Instagram identifiziert.
Der Analyse nach wächst der Markt rasant. Als wichtigen Grund für den Boom nennen die Forscherinnen und Forscher das Interesse jüngerer Menschen, die das Thema Geldanlage während der Coronazeit für sich entdeckten. So seien 50 Prozent der deutschen Finfluencer erst ab 2020 bei Instagram aktiv, viele von ihnen hätten ihre Followerzahlen in den vergangenen Jahren verdoppelt. Den zehn größten Finfluencern in Deutschland folgen der Studie zufolge je über 200 000 Nutzer, weitere 24 bringen es demnach auf über 100 000 Follower. Ihr Einfluss kann also nicht unterschätzt werden.
Dabei haben einige Finfluencer auf anderen Plattformen noch wesentlich mehr Reichweite. Bei Tiktok folgen „Immo Tommy“, der seinem Publikum beibringen will, wie sich Kapitalanlageimmobilien ganz von selbst abbezahlen, über eine Million User. Der auf Aktien spezialisierte „Professorfinanzen“ hat sogar rund 1,6 Millionen Tiktok-Follower. Hier geht es darum, wie man es wie er aus der Unterschicht zum Börsenmillionär bringen kann. Auch wenn viele Experten die Vermittlung von Finanzkompetenz an junge Anleger generell sehr begrüßen, wird der wachsende Einfluss der Geldratgeber in den sozialen Medien von einigen Seiten skeptisch gesehen.
Denn neben seriösen Kanälen gibt es auch genug Hochstapler und Gauner, die Anleger in hochriskante Finanzwetten, Schneeballsysteme, teure Coachings oder Abofallen locken. „Wer solchen Tipps blind folgt, riskiert Kapitaleinbußen bis hin zum Totalverlust“, warnt die Finanzaufsicht Bafin. Viele Follower, viele Likes und viele positive Kommentare seien kein Gütesiegel. Nicht alle Tippgeber würden sich ausreichend mit Finanzthemen auskennen, zudem sei bei manchen die Motivation unredlich. Mangelnde Qualifikation und zu wenig Transparenz bei Interessenkonflikten und eigenen Geschäftsinteressen – diese Kritik gibt es immer wieder.
Eine Studie des Swiss Finance Institutes fand heraus, dass nur 28 Prozent der Finfluencer qualifiziert seien. 16 Prozent fehle nötiges Fachwissen, und bei 56 Prozent sei die Kompetenz negativ. Hier führten Empfehlungen zu deutlich unterdurchschnittlichen Renditen. Die Forscher nahmen 29 000 internationale Finfluencer unter die Lupe und konzentrierten sich auf die Plattform Stocktwits, mit Blick auf Deutschland ist die Aussagekraft begrenzt.
Bemerkenswert ist allerdings: Schwache Performance schreckt Follower offenbar nicht ab – im Gegenteil. Der Studie nach sind nicht die Finfluencer mit erfolgreicher Anlagebilanz am stärksten gefragt, sondern die mit dem größten Sendungsbewusstsein, die entweder sehr optimistische oder pessimistische Markteinschätzungen verbreiten. Das passt wiederum ins Bild einer Umfrage, die im Rahmen des Forschungsprojekts von HHL und Paradots durchgeführt wurde. Mehr als 60 Prozent der befragten Follower gab dort an, sich besonders für „unterhaltsamen Content“ zu interessieren. Dementsprechend lautet ein Fazit der Untersuchung: „Es geht eben nicht nur um die Vermittlung sachlicher Finanzinformationen, sondern um Infotainment.“
„Finfluencer spielen heutzutage eine zunehmend wichtige Rolle in der Finanzbildung junger Menschen, da sie leicht verständliche und ansprechende Inhalte bereitstellen“, sagt Rhodri Preece vom CFA, dem weltweiten Verband professioneller Finanzanalysten. „Unsere Forschung zeigt aber, dass viele ihrer Inhalte unzureichende Offenlegungen aufweisen.“ So sei es für Anleger mitunter schwer zu erkennen, wann und wie Finfluencer für Werbung bezahlt werden.
Kritiker fordern deshalb mehr Transparenz und Regulierung. Im März machte ein Empfehlungspapier von zwei Abgeordneten der Grünen an die EU-Kommission Schlagzeilen, das unter anderem bei Finanzprodukte ein Werbeverbot für Influencer fordert. Eigentlich gibt es schon etliche Vorschriften für gesponserte und bezahlte Inhalte, zudem sind Finanzdienstleistungen in Deutschland ohnehin streng reguliert. Jedoch scheint das noch nicht allen Finfluencern klar zu sein. Für Anleger ist wie immer Vorsicht geboten– wenn ein Tipp zu gut klingt, um wahr zu sein, sollte man misstrauisch werden.