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Finnland Die spinnen, die Finnen

Von Karsten-Thilo Raab 

Anfang April steigt  im finnischen Lappland die Schneeballschlacht-Europameisterschaft.

Auf sie mit Gebrüll: Bei der Schneeballschlacht-EM sind Helme Pflicht. Die Bälle können hart sein. Foto: Karsten-Thilo Raab
Auf sie mit Gebrüll: Bei der Schneeballschlacht-EM sind Helme Pflicht. Die Bälle können hart sein. Foto: Karsten-Thilo Raab

Das war knapp. Zeit durchzuatmen bleibt kaum. Geschickt weichen Teemu Hanhilathi und Pekka Suniala aus, gehen für einen kurzen Augenblick in die Knie. Sie sind die beiden letzten verbliebenen Angriffsspieler ihres Teams und stehen unter Dauerbeschuss. Doch auch arg dezimiert hoffen die beiden Studenten aus Helsinki, den Satz – und damit den Sieg – nach Hause zu schaukeln. Teemu setzt alles auf eine Karte, kämpft sich bis zur Teamflagge des Gegners vor. Die Hand ausgestreckt und den Sieg vor Augen, trifft ihn plötzlich ein Schneeball an der Brust. Er ist draußen. Nun muss Pekka versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Doch auch ihn erwischt es wenig später. Der Traum vom Europameistertitel ist frühzeitig ausgeträumt.

Doch auch in diesem Jahr haben Teemu Hanhilathi, Pekka Suniala und ihre Freunde wieder die Chance, die kontinentale Krone in einer ungewöhnlichen Sportart zu erlangen. Denn vom 1. bis zum 3. April steigen in der finnischen Kleinstadt Kemijärvi zum nunmehr 16. Mal die European Championships of Yukigassen, die Schneeballschlacht-Europameisterschaft. Rund 30 Mannschaften werden dazu in der 9000-Seelen-Gemeinde im Osten Lapplands erwartet. "Schnee haben wir ja immer satt", geben sich Teemu Hanhilathi und Pekka Suniala optimistisch, bestens vorbereitet, einen neuen Anlauf Richtung Titelgewinn zu nehmen. Doch auch wenn es nicht klappt, sind die beiden mit Feuereifer dabei. Schließlich ist das Schneeballschlachtturnier ein Stück bewahrter Kindheit.

"Mitmachen kann jeder. Wobei das Gros der Starter aus Finnland, Russland, Schweden und Norwegen stammt", sagt Mitorganisatorin Ulla Lahdenmäki. Das Regelwerk der EM ist einfach: Zwei Teams, bestehend aus sieben Spielern sowie maximal drei Auswechselspielern, treten auf einem zehn Meter breiten und 40 Meter langen "Schlachtfeld" in drei Gewinnsätzen über je drei Minuten gegeneinander an. Dabei gilt es, die gegnerischen Spieler mit dem Schneeball abzuwerfen. Wer getroffen ist, scheidet aus. Jeder Mannschaft stehen pro Satz 90 Schneebälle zur Verfügung. Diese werden zuvor mit einer speziell in Japan gefertigten Schneeballmaschine hergestellt und haben einen Durchmesser von maximal sieben Zentimetern.

"Während des Spiels dürfen keine neuen Schneebälle gebaut werden", erklärt Ulla Lahdenmäki – wegen der Chancengleichheit. Daher werden die Bälle für jedes Team fein säuberlich im Rückfeld aufgereiht. Von dort dürfen die Bälle dann nur mit der Hand aufgenommen und einem Mitspieler überreicht werden. Zuwerfen ist nicht erlaubt.

"Besonders bei frostigen Temperaturen können die Schneebälle extrem hart sein", verweist Ulla Lahdenmäki auf die Tatsache, dass alle Spieler einen Schutzhelm tragen müssen. Zudem verfügt jede Spielfeldhälfte über vier je 90 Zentimeter breite und hohe Schutzmauern aus Schnee und drei je 180 Zentimeter breite und 90 Zentimeter hohe Schutzburgen, hinter denen die Spieler in Deckung gehen können. Um ein Spiel gewinnen zu können, müssen sie natürlich immer wieder aus der Versenkung auftauchen und laufen dann Gefahr, getroffen zu werden. Gewonnen hat die Mannschaft, die nach Ablauf der Zeit noch die meisten Spieler auf dem Spielfeld hat. Daneben gibt es noch die Möglichkeit, einen Satz vorzeitig für sich zu entscheiden, indem ein Spieler in die gegnerische Hälfte eindringt und versucht, die jeweils in der Mitte der Spielfeldhälfte platzierte Fahne des Gegners an sich zu reißen.

"Die Idee und das Regelwerk des Yukigassen stammen aus Japan", gewährt Ulla Lahdenmäki einen kurzen Einblick in die Geschichte des ungewöhnlichen Sports. Dessen Geburtsstunde erfolgte 1987, als sich eine Gruppe junger Japaner in Sobetsu die lange Winterzeit mit einem lustigen Spiel vertreiben wollte. Von dort fand der Sport schnell den Weg in den Norden Europas, denn Kemijärvi ist die finnische Partnerstadt von Sobetsu. "Yuki" heißt auf Japanisch Schnee, "gassen" bedeutet Schlacht. Und während in Sobetsu jährlich die Welttitelkämpfe ausgetragen werden, darf sich Kemijärvi rühmen, seit nunmehr 15Jahren Gastgeber der Europameisterschaften zu sein – und dies mit einem stetig wachsenden Teilnehmerfeld.

Natürlich werden die European Championships of Yukigassen ganz im Stile großer Sportveranstaltungen eröffnet. Nach den Qualifikationsrunden am Freitag marschieren die teilnehmenden Teams am Samstag, 2.April 2011, um 10.15 Uhr vom Kulturzentrum der Stadt zum "Schlachtfeld", wo um 11Uhr die offizielle Eröffnung folgt. Nachdem die ersten Teams dann ihre Schneebälle gefertigt und bereitgelegt haben, beginnen um 11.30 Uhr die eigentlichen Wettbewerbe. Und dann hoffen Teemu Hanhilathi und Pekka Suniala, dass ihnen diesmal der ganz große Wurf gelingt.