Firat Arslan und Luan Krasniqi Zwei Boxer über ihre Freundschaft: „Er ist für mich ein Gottesgeschenk“

Eine Freundschaft fürs Leben: Firat Arslan (li.) und Luan Krasniqi. Foto: Imago/Torsten Helmke

Die früheren Boxer Firat Arslan und Luan Krasniqi haben eine besondere Freundschaft. Der eine ist Vorbild für den anderen – auch deshalb standen sie sich nie in einem Kampf gegenüber.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Beide waren Boxer, der eine Weltmeister, der andere nur ein paar Schläge entfernt von diesem Titel. Firat Arslan (54) und Luan Krasniqi (54) sind zwei echte Kämpfer – und beste Freunde. Ihre Verbindung zueinander hat nicht nur ihre Karrieren beeinflusst, sondern auch ihr Leben.

 

Herr Arslan, Herr Krasniqi – was bedeutet Freundschaft für Sie?

Arslan: Einen Menschen zu haben, der mich beflügelt, dem ich vertrauen und auf den ich mich verlassen kann, der für mich da ist, auch wenn ich mal länger nichts von ihm gehört habe. Freundschaft heißt für mich nicht nur, zusammen Spaß zu haben, sondern auch gemeinsam trauern und schwere Zeiten durchstehen zu können.Krasniqi: Da kann ich nur zustimmen. Freunde sind wie eine Familie.

Passt diese Definition zu Ihrer Freundschaft?

Arslan: Auf jeden Fall. Boxen ist eine sehr extreme Sportart, in den Minuten vor dem Kampf sieht man den wahren Charakter eines Menschen – dann fällt die Maske. Von daher weiß ich: Luan gehört zu den ehrlichsten, zuverlässigsten und charakterstärksten Persönlichkeiten, die ich kenne. Krasniqi: Und Firat ist für mich ein Gottesgeschenk.

Sind Sie beste Freunde?

Krasniqi: Allerbeste.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Krasniqi: Ich habe vor 38 Jahren als Amateur gegen seinen Bruder Meric geboxt – und aus konditionellen Gründen verloren. Firat ist so liebenswürdig, dass er sofort zu mir gekommen ist und mir eine Banane gegeben hat.Arslan: Normalerweise waren Gegner meines Bruders Feinde. Luan hatte eine enorme Energie und Power, aber auch eine schüchterne und unglaublich liebe Art. Ich habe ihn sofort gemocht und gedacht: Was für ein toller Junge! Es war gewissermaßen eine Freundschaft auf den ersten Blick. Manchmal täuscht man sich ja in einem Menschen – in Luan habe ich mich nie getäuscht. Er ist für mich wie ein Bruder. Ein Gottesgeschenk.

Wie hat sich Ihre Freundschaft entwickelt?

Krasniqi: Im Boxen ist es schwierig, echte Freunde zu finden. Es ist ein harter Sport, ein aggressiver Sport, ein Einzelsport. Jeder muss sich selbst durchkämpfen. Doch ich kann sagen: Meine Erlebnisse, meine Erfahrungen und meine Erfolge habe ich mit Firat liebend gerne geteilt.

Gibt es im Boxen vergleichbare Freundschaften?

Arslan: Ich kenne Boxer, die befreundet sind – aber ich kenne niemanden, der eine so tiefe Freundschaft pflegt wie wir.Krasniqi: Eine so besondere Freundschaft hat sonst niemand. Wir wussten immer, was der andere fühlt, Firat war immer ein Teil von mir.

Haben Sie je gegeneinander geboxt?

Krasniqi: Wir haben Sparring gemacht, aber nie gegeneinander gekämpft.Arslan: Ich habe immer abgenommen, um nicht in seiner Gewichtsklasse zu sein (lacht). Krasniqi: Hör’ auf und sag’ die Wahrheit! Du hast mich verprügelt. In den ersten zwei, drei Runden war ich immer super – links, rechts, da hat es gepasst. Aber am Ende habe ich immer kassiert. Da wollte der Trainer schon abbrechen, doch ich habe gesagt: Nein, das muss ich jetzt einstecken und aushalten.Arslan: In Wirklichkeit war es so, dass er mich anfangs immer übelst zugerichtet hat. Wahre Freundschaft wäre gewesen, ihn zu schonen, als er nicht mehr konnte. Doch ich konnte ihm nicht verzeihen – ich musste es ihm heimzahlen.Krasniqi: Ich habe alles zurückbekommen, doppelt, und das war so genial. Das war für meine Entwicklung enorm wichtig.

Firat Arslan nach seinem Abschiedskampf 2023 in Göppingen. Foto: Baumann

Wäre es, hätten Sie in der selben Gewichtsklasse geboxt, irgendwann zu einem echten Duell im Ring gekommen?

Arslan: Ich hätte niemals gegen ihn geboxt. Ich messe mich nicht mit meinem Bruder. Ich habe mich über jeden seiner Erfolge gefreut und wollte immer, dass er der Beste ist – doch es hat mich nie interessiert, ob ich stärker oder schwächer bin als er. Für kein Geld der Welt wäre ich gegen ihn angetreten. Stattdessen habe ich mich lieber ins Cruisergewicht runtergehungert. Krasniqi: Irgendwann haben wir dann auch mit den Trainingskämpfen aufgehört – und lieber für unsere Sparringspartner bezahlt. Das war besser so.

Hat Ihre Freundschaft Ihre Karrieren beeinflusst?

Arslan: Auf jeden Fall. Meine stärkste Zeit kam später als seine, die Erfolge von Luan haben mich immer beflügelt. Denn so wusste ich: was wir machen, ist richtig. Er hat mich motiviert, selbst hart zu trainieren.Krasniqi: Ich bin ein eher impulsiver Mensch. Deshalb war es wichtig für mich, mir an der Hartnäckigkeit, Ausdauer, Geduld und Willenskraft von Firat ein Beispiel nehmen zu können. Ohne ihn wäre ich niemals so erfolgreich gewesen. Er ist ein Vorbild für mich.

In diesem Kampf hätte er Weltmeister werden können: Luan Krasniqi im September 2005 in Hamburg gegen Lamon Brewster. Foto: Imago/Oliver Hardt

Warum?

Krasniqi: Weil er ein Mensch ist, der Ziele hat – und diese mit aller Konsequenz verfolgt. Arslan: Und Luan ist mein Vorbild. Trotz des Erfolges, den er hatte, ist er stets auf dem Boden geblieben. Wussten Sie zum Beispiel, dass er ein akribischer Buchhalter ist?

Wirklich?

Arslan: Ja. Einmal mussten wir dringend zum Flughafen, als die Post kam. Luan ist also zum Briefkasten, hat alle Briefe geöffnet, gelesen und in den entsprechenden Ordnern abgeheftet. Am Ende haben wir den Flug verpasst. Es ist erstaunlich, dass so ein grandioser Kämpfer gleichzeitig ein derart ordentlicher Mensch sein kann.

Zu einer tiefen Freundschaft gehört ja auch immer Ehrlichkeit. Haben Sie sich, auch in sportlich schwierigen Situationen, immer einander die Wahrheit gesagt?

Krasniqi: Vor 20 Jahren habe ich einen WM-Kampf gegen Lamon Brewster verloren. Danach war Firat der Einzige in meiner Kabine. Ich habe geweint, er hat mich getröstet. Das war für mich einer der ehrlichsten Momente, die wir zusammen erlebt haben. Arslan: Ich kann mich vor allem an seine Aufgabe nach acht Runden gegen Przemyslaw Saleta erinnern, als alle wüst über ihn geschimpft haben. Ich war in der leeren Kabine bei ihm und wusste den Grund für die Niederlage: Er war nicht gut genug trainiert, weil er kurzfristig hatte einspringen müssen. Ich habe zu ihm offen und ehrlich gesagt: Jetzt gehst Du raus wie ein Löwe, mit erhobenem Haupt. Und Du kommst zurück, wenn Du besser trainiert hast. So kam es: Den Rückkampf hat er in der ersten Runde gewonnen.Krasniqi: Ich bin froh, dass Du in diesem Moment bei mir warst, denn im Boxen gibt man nicht auf. Nach Deinen Worten bin ich zurück nach Rottweil – und habe richtig hart trainiert.

Hat sich Ihre Freundschaft im Lauf der Zeit verändert?

Krasniqi: Kein bisschen. Arslan: Sie ist immer tiefer geworden.Krasniqi: Wir haben stets füreinander gekämpft. Auch wenn es um Verträge ging. Ich war zuerst beim Universum-Boxstall, bin alleine nach Hamburg gegangen. Das muss eine Freundschaft erst mal aushalten. Arslan: Ich habe ihm gesagt, er soll gehen und nach sich schauen. Ich war sicher, dass ich nachkomme. Vier Jahre später war ich ebenfalls dort.Krasniqi: Auch weil ich den Universum-Leuten erzählt habe, dass Firat nichts drauf hat – damit sie ihre Boxer gegen ihn in den Ring schicken. Dort hat er sie dann besiegt.

Wie leben Sie Ihre Freundschaft heute?

Arslan: Wir treffen uns nur drei-, viermal im Jahr, aber das ist nicht entscheidend. Wichtig ist: Wenn wir uns sehen, dann gibt mir das unglaublich viel Energie, von der ich monatelang zehre. Anschließend rufe ich immer meine Frau an und sage zu ihr: Du kannst Dir nicht vorstellen, wie gut es mir tut, mit ihm zusammen zu sein. Und wenn sie dabei ist, dann spürt auch sie das. Krasniqi: Mit zunehmendem Alter werde ich immer emotionaler – und folglich werden unsere Treffen immer intensiver. Ich bin übrigens sehr froh, dass er eine so tolle Frau geheiratet hat, die auch enorm viel von Buchhaltung versteht (lacht).

Stimmt es wirklich, dass es zwischen Ihnen noch nie Streit gab?

Krasniqi: Ja, was natürlich vor allem an Firats Einfühlsamkeit liegt. Ich kenne keinen, der so menschlich mit anderen umgeht.

Kennen Sie Geheimnisse des anderen, über die sonst niemand Bescheid weiß?

Krasniqi: Ich habe keine Geheimnisse vor Firat. Er weiß genau, wie ich ticke.

Gibt es etwas, was Sie dem anderen schon immer mal sagen wollten? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.

Arslan (lacht): Wenn es etwas geben würde, wäre dieses Interview nicht der richtige Rahmen.Krasniqi: Mir würde allerdings auch nichts einfallen.

Zwei Boxer, eine Freundschaft

Firat Arslan
Erst im Alter von 18 Jahren begann Firat Arslan (54) mit dem Boxen, zunächst ohne eigenen Trainer. Trotzdem kämpfte sich der Athlet aus Süßen ganz nach oben. Seinen Höhepunkt feierte der Cruisergewichtler (bis 90,7 Kilogramm) im November 2007 in Dresden: Durch einen Punktsieg über Superstar Virgil Hill wurde Firat Arslan, den stets seine überragende Fitness auszeichnete, in Dresden Weltmeister des Verbandes WBA. Heute betreibt er eine Kampfsportschule in Göppingen und engagiert sich für soziale Zwecke.

Luan Krasniqi
Der Schwergewichtler aus Rottweil war schon als Amateur erfolgreich, gewann Gold (EM), Silber (WM) und Bronze (Olympische Spiele 1996 in Atlanta). Seinen wichtigsten Kampf verlor er im September 2005 in Hamburg: Im Duell um den WM-Titel des Verbandes WBO lag Luan Krasniqi gegen Lamon Brewster nach Punkten in Führung, ehe er in der neunten Runde nach mehreren Niederschlägen aufgab. Krasniqi lebt in Hamburg und setzt sich weltweit für die Organisation SOS-Kinderdörfer ein.

Weitere Themen