Die Firma Hänchen aus Ruit ist Spezialist für Hydraulikzylinder. Vor 100 Jahren wurde das Unternehmen gegründet. Im Jubiläumsjahr gibt es eine besondere Innovation.

Wer einmal das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart besucht hat, kam an der Technik der Herbert Hänchen GmbH nicht vorbei: Dort stand bislang die Kabine des Fahrsimulators auf sechs Achsen, die über die Hydraulikzylinder des Ostfilderner Unternehmens gesteuert werden. Doch schon lange bevor das Museum 2019 eröffnet worden ist, hat das mittelständische Unternehmen mit Hydraulikzylindern, Antriebssystemen und Klemmeinheiten dafür gesorgt, dass überall dort, wo große Kräfte wirken und es richtig schmutzig zur Sache geht wie in Gießereien und Stahlwerken, alles möglichst rund läuft. „Unsere Kunden sind hauptsächlich im Anlagen- und Maschinenbau zu finden“, sagt Tanja Hänchen. Die 49-Jährige Betriebswirtin führt gemeinsam mit ihrem Cousin Stefan Hänchen das Unternehmen, das am 1. Juli vor 100 Jahren gegründet worden ist.

 

Hinter der Firma liegt eine wechselvolle Geschichte: Hartmut Hänchen erzählt, wie sein Vater Herbert Hänchen das Unternehmen im schlesischen Penzig gegründet hatte. Er begann als Fahrzeugreparatur- und Vertragswerkstatt sowie als Vertretung für Auto Union und Magirus. Bereits damals war die Feinstbearbeitung von Metalloberflächen, insbesondere das Honen – ein Kreuzschliffverfahren – ein entscheidender Bestandteil der Arbeit. Es ist bis heute ein Markenzeichen des Unternehmens geblieben.

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich

Um Kunden zu gewinnen, arbeitete der Firmengründer auch als Fahrlehrer. „Wer einen Führerschein hat, der sei ein potenzieller Kunde“, erklärt die Enkelin den Geschäftssinn des Großvaters, der jedoch bereits 1969 vor ihrer Geburt gestorben ist. Sein Konzept ging auf: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigte der Firmengründer mehr als 100 Mitarbeitende. Sie bearbeiteten vor allem Fahrzeugmotoren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte das Unternehmen nicht in Schlesien bleiben. Herbert Hänchen zog mit seiner Familie nach Naumburg an der Saale, versuchte die Firma erneut aufzubauen und ging dann 1950 nach Ruit. Er habe sich für die Region Stuttgart entschieden, weil es damals schon Kundenverbindungen, etwa zu den Firmen Mahle und Gehring, gab, sagt Hartmut Hänchen. Er stieg 1969 nach dem Tod des Vaters wie auch sein älterer Bruder Wolfgang und seine Schwester Ingrid als Kommanditist ein. Der älteste und mittlerweile verstorbene Bruder Siegfried war Geschäftsführer.

Mit einer Scheune fing in Ruit alles an

Hartmut Hänchen hat noch die Scheune in Ruit vor Augen, in der sein Vater Motorenzylinder und Kurbelwellen instand setzte. 1952 traf der Firmengründer eine wegweisende Entscheidung: Er spezialisierte sich auf den Bau von Hydraulikzylindern. Es ist bis heute das Geschäft, das 80 Prozent des Umsatzes ausmacht. Ein weiteres Standbein sind Klemmeinheiten und der Sondermaschinenbau. Letzterer hat laut Tanja Hänchen einen Umsatzanteil von 15 Prozent und ist in den vergangenen fünf Jahren auf Platz zwei vorgerückt, während die Klemmungen heutzutage auf Platz drei liegen. Doch gerade dabei wird es im Jubiläumsjahr eine Innovation geben: Im Herbst soll sie auf den Markt kommen, sagt die Betriebswirtin. Es ist eine Weiterentwicklung eines Sicherheitsbauteils, einer Absturzsicherung, wenn Maschinen oder Werkzeuge bei einem Energieausfall oder dem Abschalten der Anlage sich nach unten zu lösen drohen. Es dient dazu, Menschen, Maschinen und Werkzeuge zu schützen.

Die Firma produziert auch Kleinserien

Zwei Patente hält das Unternehmen derzeit, darunter das 2017 auf dem Markt gebrachte sogenannte Servoseal. Das Dichtungssystem am Kolben verhindert Leckagen und ist für den reibungsarmen Einsatz an Prüfzylindern geeignet. In einer extra Abteilung kümmern sich fünf Mitarbeitende um die Produktentwicklung. „Es gehört Mut dazu, Dinge in die Hand zu nehmen und zu sagen, wir probieren es, auch wenn der Ausgang ungewiss ist“, sagt die Geschäftsführerin. Nur so könnten innovative Produkte entstehen. Ihre Produkte zeichneten sich von Anfang an durch Qualität und Langlebigkeit aus, erklärt sie. Immer wieder habe sie Anfragen für Ersatzteile für Zylinder, die schon 40 Jahre alt seien. Und sie unterscheiden sich von den großen der Branche darin, dass sie nicht in riesigen Losgrößen produzieren, sondern in Kleinserien oder auch eine Einzelanfertigung speziell für einen Kunden designen. So wollen sie mit Innovationskraft, Qualität und dem Anpassen an aktuelle Anforderungen das Unternehmen weiterführen, damit es in weiteren 100 Jahren sein nächstes großes Jubiläum feiern kann.

Mittelständler auf den Fildern

Unternehmen
Die Hänchen GmbH ist ein Familienunternehmen, das von Herbert Hänchen 1925 gegründet wurde. Nach dem Tod des Firmenchefs 1969 führte es sein ältester Sohn Siegfried weiter, dessen beide jüngeren Brüder und die Schwester waren ebenfalls in verantwortlichen Position beschäftigt, Bruder Hartmut ab 2000 als zweiter Geschäftsführer. Er wechselte 2014 in den neu gegründeten, dreiköpfigen Beirat. Heute wird die Firma von seiner Tochter Tanja Hänchen und deren Cousin Stefan Hänchen in dritter Generation geleitet.

Geschäftszahlen
Das Unternehmen erwirtschaftete laut Tanja Hänchen 2018 seinen bisher höchsten Umsatz in der Unternehmensgeschichte. „Es war das Boomjahr schlechthin“, sagt sie. 2019 begann das Tal der Tränen. Doch es helfe nicht zu jammern. Man müsse das Beste daraus machen und flexibel und anpassungsfähig sein, meint die Betriebswirtin. 2024 belief sich der Umsatz auf 19,1 Millionen Euro, 2025 peilt Hänchen 20,3 Millionen Euro an.

Unternehmenssitz
Er befindet sich seit 1953 am heutigen Standort in Ostfildern. 1972 eröffnete das Familienunternehmen zudem ein neues Werk im bayerischen Oettingen. 1981 eine Tochtergesellschaft in Österreich, 1985 in der Schweiz, 1987 in Frankreich und 2013 in China. Derzeit ist die Firma dabei, den US-Markt mit einem Partner gemeinsam weiter auszubauen.

Mitarbeitende
Das Familienunternehmen beschäftigt heute knapp 190 Mitarbeitende, darunter rund 45 im Werk in Oettingen. Es setzt auf Nachwuchs im eigenen Unternehmen und bildet seit Jahrzehnten selbst aus. Die Stellen für das im September beginnende Ausbildungsjahr sind bereits besetzt.