Mit einem ersten Rundgang für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hat der Waiblinger Motorsägenhersteller Stihl seine neue „Markenwelt“ am Donnerstag erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Betriebsmuseum, zentraler Baustein der seit Jahren laufenden und mehr als 100 Millionen Euro teuren Modernisierung für den Stammsitz am Remsufer, soll die Faszination der Stihl-Geräte auf drei Etagen erlebbar machen – und künftig in einem Atemzug mit Familienattraktionen wie der Märklin-Erlebniswelt in Göppingen oder dem Steiff-Museum in Giengen an der Brenz genannt werden.
„Stihl zählt zu den Marken, die Menschen begeistern und weltweit Emotionen wecken“, heißt es bei der Waiblinger Weltfirma selbstbewusst über das Leuchtturmprojekt zur Betriebsgeschichte. Ins rechte Licht gerückt werden auf der gut 1500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche allerdings nicht nur historische Motorsägen wie die 1926 gebaute und mit einem Gewicht von stattlichen 48 Kilogramm nur von zwei ausgewachsenen Holzwerkern bedienbare STG.
Eine Wissensplattform rund um den Wald will auch Emotionen wecken
Neben der technischen Entwicklung von den ersten Motorsägen bis zur akkubetriebenen Heckenschere will das 2000-Patente-Unternehmen den Besucherinnen und Besuchern auch eine informative wie kurzweilige Wissensplattform zu Themen rund um Wald und Forst bieten. Wie ein Torfmoor entsteht, wird in der Ausstellung ebenso dargestellt wie die Schäden, die der aus Ostasien eingeschleppte Laubholzbock an für den Möbelbau gedachten Bohlen anrichten kann.
Fürs Publikum öffnen wird Stihl die neue Markenwelt allerdings erst Ende September. Die Sommermonate braucht das weltweit fast 21 000 Beschäftigte zählende Familienunternehmen, um Besucherbetreuer zu schulen und im Testbetrieb die Abläufe zu optimieren. Mitte September soll eine Website für den Online-Ticketverkauf geschaltet werden. Infrage kommt ein Besuch der Ausstellung am Stammsitz in der Badstraße nicht nur für Schulklassen oder Vereinsausflüge. Auch die Betriebsfeier eines Landschaftsbauers könnte eine Zielgruppe sein. Für Einzelbesucher soll die Markenwelt jeweils samstags und sonntags geöffnet sein. Bemerkenswert: Über einen konkreten Eintrittspreis hat sich die Firma bisher noch keine Gedanken gemacht.
Über einen konkreten Ticketpreis hat sich Stihl bisher keine Gedanken gemacht
Stattdessen hat das seit 1971 weltweit als Marktführer geltende Unternehmen alles an Museumstechnik in die Ausstellung gepackt, was sich Besucher wünschen können. Interaktive Stationen geben einen Eindruck von der mühevollen Arbeit mit Axt und Handsäge, über Kopfhörer ist der erfolgreiche Kampf für reduzierte Lärmwerte nachzuvollziehen. Multimedia und Filme zeigen die wichtigsten Stationen der 97-jährigen Firmengeschichte, im Erdgeschoss bietet der Timbersport-Bereich den Gästen die Möglichkeit, in die Atmosphäre des Sportholzfällens einzutauchen.
Wer noch nie eine Motorsäge in der Hand hatte, kann mit Gewichten den langen Weg vom 19-Kilo-Trumm der 1960er Jahre bis zu den mit Leichtbauteilen und Akkus ausgestatteten Modellen moderner Zeiten erspüren. Selbst Vogelgezwitscher vom Band ist auf den drei Ausstellungsebenen zu hören. Und: Um den wohligen Eindruck einer echten Wald-Atmosphäre in die Ausstellung zu bringen, haben die Macher sogar Spender mit Tannenduft aufgestellt – nahe beim bahnbrechenden Gedanken von Firmengründer Andreas Stihl, dass für eine effiziente Forstarbeit „die Säge zum Holz kommen muss und nicht das Holz zur Säge“. Abgerundet wird das Angebot mit einem Amphitheater für Produktvorführungen, einem Café und einem vollständig eingerichteten Shop.
Der rote Teppich ist in der Markenwelt in knalligem Orange gehalten
Als erster Gast über den nicht etwa in Rot, sondern in knalligem Orange gehaltenen Teppich der Markenwelt schreiten durfte am Donnerstag Ministerpräsident Winfried Kretschmann – und zeigte sich beeindruckt von Innovationskraft und Gestaltung. „Es ist spannend zu sehen, wie viel Know-how in diesen Produkten steckt“, sagte der Grünen-Politiker bei der Einweihung. Die Markenwelt zeige professionell und optisch ansprechend, dass der Wald nicht nur Ökosystem und Erholungsort, sondern eben auch ein Wirtschaftsfeld sei. Unterstützung sicherte Kretschmann den Firmen im Ländle bei der Forderung nach Bürokratieabbau zu. Stihl-Beiratschef Nikolas Stihl hatte die Markenwelt als 116 Millionen Euro teures Bekenntnis zum Standort bezeichnet und erklärt, dass das Unternehmen als Premiumhersteller auch bei der Modernisierung des Firmensitzes einen Maßstab gesetzt habe. Beklagt hatte Stihl, dass die Politik der Wirtschaft ein unternehmerisches Handeln enorm erschwere. Dennoch werde bei dem Waiblinger Unternehmen nicht nur massiv in die Akkutechnik investiert, sondern auch die nachhaltige Weiterentwicklung benzingetriebener Modelle im Blick behalten.
Wie schon vor sieben Jahren bei der Erweiterung des Neustädter Werks durfte Kretschmann bei der Einweihung der Markenwelt auch selbst Hand anlegen. Statt ein Band zu zerschneiden, galt es bei Stihl allerdings, einen Baumstamm zu zerteilen – eine Aufgabe, die der Landesvater ohne Schnittschutzhose, aber mit Bravour erledigte.