Firmenchef freut sich auf eigene Weltreise Reisebüro in den Mercaden schließt

Ilyas Yildiz und seine Frau Melek: Am Montag öffnen sie ihr Reisebüro zum letzten Mal. Foto: /Stefanie Schlecht

Wieder schließt ein Geschäft in den Böblinger Mercaden: 37 Jahre lang hat Ilyas Yildiz mit seinem Reisebüro Menschen geholfen, Urlaub in fernen Ländern zu machen. Jetzt hört er auf – und plant selbst eine Weltreise.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Weiße Strände, Palmen, blaues Meer, glücklich lächelnde Menschen in Bademode. Die Reiseprospekte im Büro von Ilyas Yildiz im Mercaden-Einkaufszentrum lassen Fernweh aufkommen. Eine unscheinbare Notiz an der Glastür der Geschäftsräume von Türk Tours löst dagegen eher Abschiedsschmerz bei der Stammkundschaft aus. „Nach fast vier Jahrzehnten voller Begegnungen, Vertrauen und Zusammenarbeit ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen“, heißt es dort.

 

Das Reisebüro schließt seinen Betrieb in den Mercaden. Von 1. April und noch bis zum Jahresende sei man jedoch weiterhin telefonisch erreichbar. Am 31. März endet damit in Böblingen eine 37 Jahre lange Firmengeschichte, die zugleich auch die Geschichte eines erfolgreichen Einwandererlebens erzählt. Als Ilyas Yildiz nämlich in den 70ern mit seinem Vater aus Kayseri in Kappadokien in einen Vorort von Heppenheim zog, war er mit großen Hoffnungen, aber keinerlei Deutschkenntnissen im Gepäck hier angereist. „Ich sollte hier studieren“, erzählt er. Doch es sollte ganz anderes kommen.

Die deutsche Sprache bringt er sich selbst bei

„Wir wussten nichts über das deutsche Schulsystem“, erinnert sich Yildiz. Mit seinen 15 Jahren war er zu alt für die Hauptschule und eine andere Schule kam für ihn als Einwanderkind nicht infrage. „Das war also gleich der Anfang und das Ende meiner Schulkarriere“, sagt er mit leisem Lächeln und sanftem Tonfall, in dem nur ein kaum wahrnehmbarer Akzent seine türkischen Wurzeln erahnen lässt.

Ein Schulrektor legte ihm nahe, eine Ausbildung zu machen. Auch dafür brauchte er Deutschkenntnisse. Also kaufte ihn sein Vater von seinem mageren Lohn das Buch „Deutsch für Ausländer“ samt Übungsheft. „Ich habe mir ein eigenes System entwickelt“, erzählt Yildiz, wie er damals mit viel Fleiß und Akribie seine Sprachfähigkeiten perfektioniere. „Nach drei Monaten habe ich schon für andere gedolmetscht“, erzählt er. Nach rund vier Monaten begann er eine Ausbildungsstelle als Verkäufer bei einem Obst- und Gemüsehändler.

Am 1. April gehen im Reisebüro in den Mercaden die Lichter aus. Foto: Stefanie Schlecht

Als sein Vater später zurück zu seiner Frau in die Türkei zog, entschloss sich der junge Mann, in Deutschland zu bleiben. Es zog ihn in den Kreis Böblingen, wo sein Onkel ihm in Nufringen einen Job bei einem Metallbetrieb vermittelte. Später dann, Anfang der 80er-Jahre, verdiente er sein Geld als Fahrer für den Werkzeugfachhändler Zweygart in Böblingen, nebenbei fuhr er auch noch Taxi.

Beinahe hätte er sich sogar als Taxiunternehmer selbstständig gemacht. Aber dann erinnerte er sich an ein Erlebnis aus seinen ersten Jahren in Deutschland. „Mit meinem Vater haben wir einen Flug gebucht, um zu Hause meine Mama zu besuchen“, erzählt Yildiz. Die deutsche Dame im Reisebüro habe perfekt türkisch gesprochen. „Dieses Erlebnis hat mich sehr geprägt“, erinnert er sich, welche Faszination der Beruf des Reisekaufmanns schon damals auf ihn ausgeübt hatte.

Reisebranche ist ein sensibles Geschäft

Im Jahr 1987 startete Ilyas Yildiz in die Selbstständigkeit. Er stellte sich dabei zunächst auf zwei Standbeine: Mit weiteren Geschäftspartnern charterte er in Stuttgart Passagiermaschinen für Flugreisen in die Türkei. Parallel dazu eröffnete er in der Böblinger Olgastraße, am Rande des ehemaligen City-Centers, mit Türk Tours ein eigenes Reisebüro. Das Geschäft mit den Charterflügen mussten er und seine Geschäftspartner Anfang der 90er aufgeben. Der erste Golfkrieg und die damit verbundene Krise trieb viele Fluggesellschaften in den Konkurs. Sein eigenes Reisegeschäft führte er in Böblingen weiter und baute seine Kundschaft stetig aus. Anfangs war Yildiz ausschließlich auf Türkeireisen spezialisiert, seit etwa 25 Jahren bietet er Reiseziele auf der ganzen Welt an. „Ein sehr sensibles Geschäft“ nennt er seine Branche, die sich seit dem Aufkommen von Online-Portalen für Flug- und Reisebuchungen und Bewertungsseiten für Unterkünfte enorme Umbrüche erlebt hat.

Ihm selbst habe das alles nicht geschadet, sagt Yildiz. Im Gegenteil: Gerade weil er früher als viele andere auf die Kombination aus Digitalisierung und klassischem Reisenbietergeschäft setzte, habe er seinen Umsatz über die Jahre steigern können. Außerdem könne sein Reisebüro mehr als viele Online-Portale bieten. „Wir sind Dienstleister“, betont er jede Silbe des Worts, weil ihn eben genau dieser geleistete Dienst am Kunden von der digitalen Konkurrenz abhebe.

In seinen 37 Jahren als Unternehmer hat Ilyas Yildiz viel erlebt und einiges erreicht. Neben seiner Tätigkeit als Reisekaufmann ist er auch Vorsitzender des von ihm mitbegründeten Türkischen Unternehmerbunds Stuttgart, der sich zum Ziel gesetzt hat, dass Betriebe unter türkischstämmiger Leitung in Deutschland ausbilden dürfen. Einer dieser Betriebe ist sein eigener. „Ich habe insgesamt 24 jungen Menschen die Möglichkeit gegeben, einen Beruf zu erlernen“, sagt er.

Als Ruheständler auf Weltreise gehen

Mit der Corona-Pandemie habe sich allerdings vieles verändert. Seitdem finde sich niemand mehr, der im Reisebüro arbeiten oder eine Ausbildung machen wollte. Einen Nachfolger habe man nicht gefunden. Auch die drei Kinder des Familienvaters haben allesamt andere Pläne. Zuletzt führte er die Geschäfte mit seiner Frau Melek.

Ab 1. April schlägt Ilyas Yildiz nun also ein neues Kapitel in seinem Leben auf, denn der 67-Jährige hat jetzt Zeit für etwas, was er bisher vor allem für andere Menschen ermöglicht hat: einfach mal schön Urlaub machen. Da er in den Ruhestand eintritt, will er sich und seiner Frau Melek damit einen Traum erfüllen: eine dreimonatige Weltreise, die ihn zu all den schönen Orten aus seinen Reiseprospekten führen soll.

Neuordnung in den Mercaden

Abgänge
Das Reisebüro Türk Tours macht zu, die Filiale des Modeanbieters Tom Tailor hat bereits geschlossen. Juwelier Esters stellt im Sommer seinen Betrieb in den Mercaden ein. Dafür werde man einen Showroom für Uhren und Schmuck auf der Hulb eröffnen, kündigt das Unternehmen an, das mit dem Uhrcenter (www.uhrcenter.de) bereits seit Jahren einen Onlineshop anbietet.

Änderungen
Demnächst zieht Schuhanbieter Deichmann vom Obergeschoss in die bisherigen Decathlon-Räume im Erdgeschoss. Als Neuzugänge sind im Herbst Nanu-Nana und Takko Fashion hinzugekommen, die Eröffnung des Frittenwerks lässt noch auf sich warten.

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