Ein Jahr nach dem Tod des Patriarchen von Blaubeuren Adolf Merckle entscheidet sich nun die Zukunft seines früheren Firmenimperiums.
09.01.2010 - 19:25 Uhr
Zu den Kaufanwärtern sollen die Finanzinvestoren TPG, Goldman Sachs im Konsortium mit Advent sowie KKR und Permira gehören. Auch die direkte Konkurrenz hat die Fühler ausgestreckt. Der Generika-Weltmarktführer Teva Pharmaceuticals aus Israel soll mitbieten, auch Sanofi-Aventis, schließlich die US-Unternehmen Mylan und Pfizer. Man kommentiere das nicht, sagt ein Ratiopharm-Sprecher. "Aber der Verkauf läuft planmäßig." Bedenken in der Region Ulm gibt es nur dahingehend, dass der neue Eigner Forschungskapazitäten abziehen könnte.
Unternehmer mit Gestaltungsspielraum
Ein Preis von 2,5 Milliarden Euro, so heißt es auf den Fluren, könnte die 30 Gläubigerbanken der Merckle-Familie vollends glücklich machen. Die Kreditinstitute würden dann womöglich ablassen von ihrem Pfandrecht auf den Mannheimer Pharmagroßhändler Phoenix. Ludwig Merckle, Alleinerbe seines Vaters Adolf, der sich am 5. Januar 2009 das Leben nahm, könnte auf die Verlängerung von Krediten hoffen. Er wäre dann ein Unternehmer mit Gestaltungsspielraum und würde nicht als Waldbesitzer von Vaters Gnaden gelten, der noch ein paar Restbeteiligungen verwaltet.
Etwas vom Glück früherer Jahre ist ja längst zurück, auch wenn keiner weiß, ob das wirklich ein Omen ist. Als im September die Börsen wieder stark anzogen, gab das auch Ludwig Merckle Auftrieb. Endlich konnte er die Aktienmehrheit am Baustoffkonzern Heidelberg-Cement AG abstoßen - insgesamt 57.000 Anteilsscheine - und das Geld zu einer ersten großen Schuldentilgung einsetzen. Neben Ratiopharm und Phoenix ist Heidelberg-Cement das dritte Unternehmen aus dem Merckle-Firmenreich gewesen, auf das die Gläubigerbanken noch zu Lebzeiten Adolf Merckles ihre Hand gelegt hatten. Nun, nachdem der Streubesitz für Heidelberg-Cement mehr als 75 Prozent beträgt, will Vorstandschef Bernd Scheifele in den Dax, wenn möglich noch in diesem Jahr. Wer hätte das zu Beginn des Jahres 2009 noch gedacht, da das verschachtelte Firmengeflecht Adolf Merckles urplötzlich zusammengefallen war wie ein Dominospiel.
Den Stein, der alle anderen kippen ließ, hatte der Firmenlenker, ohne das Geringste zu ahnen, im Frühjahr 2007 selbst angestoßen. Er hatte verfügt, dass Heidelberg-Cement, an dem der Blaubeurer 78 Prozent der Anteile hielt, gewaltig expandieren sollte. Dazu war der britische Konkurrent Hanson übernommen worden. Der wahnwitzige Preis dafür belief sich auf 14 Milliarden Euro. Aber was aus heutiger Sicht noch wahnwitziger war: der Kauf wurde mit Krediten finanziert, die mit Aktien von Heidelberg-Cement abgesichert waren.
Glück auf dem Börsenparkett
Damals freilich hatte der Irrsinn noch Methode, nicht zum ersten Mal hatte Merckle sich auf so riskante Weise vergrößert, und stets war ihm das Glück auf dem Börsenparkett auch hold gewesen. Es gab keine Absicherung, als die Finanzkrise überall auf der Welt die Kurse zu fressen begann. Die immer nervöser werdenden Gläubigerbanken um die Royal Bank of Scotland und die Deutsche Bank forderten vom Patriarchen aus Blaubeuren neue Sicherheiten. Zweimal innerhalb weniger Monate erhöhte Merckle das Kapital von Heidelberg-Cement mit Geld aus seinem Privatvermögen. Als der Kurs der Baustoffaktie von einstmals 120 Euro auf unter 20 Euro gefallen war, stellten die Geldhäuser ihre Kredite fällig. Merckle konnte nicht zahlen und musste die Perlen seiner Unternehmensgruppe verpfänden.
Dass er kurz zuvor noch mehrere Hundert Millionen Euro mit einer Wette auf fallende VW-Aktien, sogenannte Put-Optionen, verlor, ließ den rasanten Lauf der Dinge noch bizarrer werden, fast geisterhaft. Anstatt zu fallen, stieg der Kurs der Autoaktie kurzzeitig auf mehr als 1000 Euro. Alles Glück schien sich damit vom alten Fuchs abgewendet zu haben.
Am Abend des 5. Januar 2009 wollte Adolf Merckle nicht mehr. Der Schnee trieb in Wehen über Straßen und Forstwege, als der 74-Jährige die wenigen Hundert Meter von seinem Büro bis zu der Stelle nahm, von der aus sich noch die Lichter seines Ratiopharm-Werks sehen lassen. Dort, wo die Bahngleise sich in einer langen Biegung durch die Felsausläufer der Blaubeurer Alb schneiden, endete Merckles Lebensweg, als der Zug kam.
Er die deutschen Steuerbehörden
Mit Merckles Suizid verblasste das öffentliche Bild vom schwäbischen Vorzeigeunternehmer, der mit Tugend, Fleiß und Gewissen ein Imperium mit mehr als 100.000 Mitarbeitern aufgebaut hatte und dabei scheinbar ein Jedermann geblieben war. Kein Eheskandal befleckte seinen Lebenslauf, nie griff Merckle ins Ruder großer Yachten. Er nasführte die deutschen Steuerbehörden, wo er konnte, aber einen Umzug seiner Holding VEM nach Österreich, in die Schweiz oder auf die Cayman Islands lehnte er ab.
Das Bild vom Cleverle wich dem eines Zockers und Hasardeurs. Doch auch dies ist ein Zerrbild. Zwar hatte sich Merckle, wie man heute weiß, bei der Finanzierung seiner Expansionslust immer wieder aufs Drahtseil begeben und waghalsig spekuliert, doch die Wahl seiner Objekte zeugte von einem intakten Wirtschaftssinn. Die New Economy und ihre Spielarten interessierten den Blaubeurer nie. Stattdessen machten seine gezielten Zukäufe gerade bei Ratiopharm oder Phoenix die Firmen stärker, sie stehen heute kerngesund da.
So ändert sich nun, da die Merckle-Firmen ausführlich seziert und bewertet wurden, noch einmal der Blick auf die Unternehmerfigur Adolf Merckle. Es zeigt sich ein Mann, der während des größten Teils seines Lebens eben doch wusste, was er tat.