First Lady im Hallschlag Im Schloss, aber nicht aus der Welt

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Die First Lady Daniela Schadt hat tatsächlich eine eigene politische Agenda. Das zeigt sie nicht nur bei ihrem Besuch des Jugendhauses Hallschlag in Stuttgart.

Daniela Schadt im Jugendhaus Hallschlag: wieder einmal überzieht die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten den Zeitplan. Sie hört einfach gerne zu. Foto: Horst Rudel
Daniela Schadt im Jugendhaus Hallschlag: wieder einmal überzieht die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten den Zeitplan. Sie hört einfach gerne zu. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Lasst uns noch einmal kurz durchfegen“, sagt der Mann mit dem Vollbart. Sein Kapuzenpulli mit aufgedruckten roten Fahnen und die vielen Ohrringe lenken ein bisschen von der Nervosität ab, die ihn umtreibt. Schließlich bekommt er selten Besuch wie an diesem Montag. Der Mann heißt Steffen Brodbeck. Er leitet das Kinder- und Jugendhaus Hallschlag. Das „Durchfegen“ vergisst er später wieder. Sein Gast stört sich daran nicht. Er kommt gar nicht dazu nachzuschauen, ob die Schwaben ihre Kehrwoche auch in solchen Institutionen gewissenhaft erledigen. „Wie geht’s Herrn Gauck?“, fragt Aman (16), einer der Jugendlichen, die den Gast erwarten. „Wie alt sind Sie?“, wünscht Burak (17) zu erfahren. Als Daniela Schadt wahrheitsgemäß antwortet, wird der schlaksige Kerl beinahe charmant. „54?“, erwidert er, „dabei sehen Sie so jung aus.“

Die kesse Antwort ist im Sinne der Besucherin. Daniela Schadt ist gekommen, um zu erfahren, wie Jugendliche, deren Leben mit Hindernissen verbaut ist, Selbstvertrauen lernen können. Das ist ein zentrales Anliegen ihres sozialen Engagements. Diesem Zweck dient die Aktion „Think Big“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, deren Schirmherrschaft die Lebensgefährtin des Präsidenten übernommen hat.

Hier im Hallschlag ist sie richtig. Der Ort liegt nicht auf der Sonnenseite Stuttgarts. 85 Prozent der Stammgäste im Jugendhaus kommen aus Familien, die ihre Wurzeln in der Fremde haben. Realschüler gelten hier als privilegiert. Schadt zeigt keine Berührungsängste. Die Jugendlichen führen ihr Projekte vor, die sie in einer „Ideenwerkstatt“ entwickelt haben. Sie erzählen davon in improvisierten Theaterszenen. Schadt soll mitspielen. Sie ist darauf nicht vorbereitet, fügt sich aber in ihren Part und versucht, den richtigen Ton zu treffen. Spielsucht hält sie für „bescheuert“. Für Halbstarke, die Vorurteile gegen Menschen anderer Hautfarbe hegen, hat sie eine klare Antwort: „Da verblödest du.“ Diskriminierung findet sie „knalltütenmäßig“.

Mit ganzem Herzen bei der Sache

Die Jugendlichen lassen sich nicht anmerken, ob dieses Vokabular ihrem Slang entspricht. Aber sie nehmen wohl zur Kenntnis, dass der Gast aus der Bundeshauptstadt viel Zeit mitgebracht hat, um ihnen zuzuhören. Schadt muss sich immer wieder ermahnen lassen, dass sie ihren Terminplan zu sprengen droht. Solche Dinge nimmt sie nicht allzu ernst. Aus kurzen Dialogen werden lange Zwiegespräche. Die verschaffen ihr in so raschem Tempo neue Erkenntnisse, dass ihr famose Sätze entfahren: „Ich wundere mich selbst, dass ich mich jetzt wundere“, sagt sie zum Beispiel. Die impulsive Ausdrucksweise verrät, dass sie mit ganzem Herzen bei der Sache ist.

Morgens los in Dahlem, einem Berliner Villenviertel, wo das Präsidentenpaar wohnt, Flughafen Tegel, vier Stunden Stuttgart, dann zurück in die Hauptstadt – solche Tage machen seit gut zwei Jahren Daniela Schadts Leben aus. Bis dahin war sie in der Kommentarspalte der „Nürnberger Zeitung“ zu Hause, jetzt im Schloss Bellevue. Ihr früheres Dasein als Journalistin war auf Nachrichten aus der Politik fixiert. Jetzt spielt sie gelegentlich selbst darin mit. Sie würde diesen Kontrast mit einem Wort umschreiben, das ihr häufig entschlüpft – aus offiziellen Texten aber hinterher gestrichen wird: „Irre!“

Schadt liefert keinen Stoff für die bunten Gazetten

Daniela Schadts neuer Arbeitsplatz bietet die Aussicht auf einen feudalen Park, in dem regelmäßig das Stabsmusikkorps ausländischen Staatsgästen den Marsch bläst. Anders als Bettina Wulff liefert Schadt kaum Stoff für bunte Gazetten. Im Unterschied zu ihrer Vorgängerin hat sie sich über die Zumutungen eines Lebens im Schatten des ersten Mannes der Republik noch nie beklagt. Larmoyanz ist ihr ohnehin fremd, Aufmüpfigkeit weniger. Das Schicksal, ständig Fünf-Gänge-Menüs serviert zu bekommen, sei nicht eben bejammernswert – so etwa würde sie das formulieren: ein bisschen flapsig, selbstironisch, ohne übergroßen Respekt vor den Sphären, in denen sie sich jetzt bewegt. Schadt hat sich seit Joachim Gaucks Wahl zum Staatsoberhaupt keine Sprache angewöhnt, der das Bemühen anzuhören wäre, jederzeit politisch korrekt sein zu wollen.

Schadt mit ihrem Lebensgefährten und dem Ehepaar Schröder: Sie hat keine Erfurcht vor Eliten. Foto: dpa

Für die Rolle als „First Lady“ gibt es keine Stellenbeschreibung. Daniela Schadt benützt dieses Etikett aus dem Wortschatz der Regenbogenpresse ohnehin ungern. „Ich bekleide ja streng genommen kein Amt“, hat sie einmal gesagt. „Weil es für meine Rolle keine Vorschriften gibt, könnte ich theoretisch auch beschließen, dass ich jetzt fünf Jahre zu Hause auf dem Sofa sitze, mir die Nägel poliere und Castingshows gucke.“ So unbekümmert spöttelte sie im ersten großen Interview über ihre neue Aufgabe. Inzwischen weiß sie, dass ihr das nichtexistente Amt viel abverlangt: Staatsbankette, öffentliche Auftritte, Auslandsreisen und eine Fülle von Terminen. Sie wirkt dabei nie gestresst oder gehetzt. Bei ihren Terminen lässt sich beobachten, dass sie nicht auf öffentliche Wirkung aus ist, sondern schlicht Spaß an Gesprächen und interessanten Menschen findet.

Einige Obliegenheiten werden gewissermaßen von Präsidentengattin zu Präsidentengattin vererbt: Dazu zählt die Schirmherrschaft beim Kinderhilfswerk Unicef. Auch das Müttergenesungswerk gehört seit den Tagen von Elly Heuss-Knapp zu diesem Pflichtenkatalog. Daniela Schadt kümmert sich zudem um die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Bildungsgerechtigkeit ist ihr zentrales Anliegen.

Immun gegen die Eitelkeiten jener Welt

Der Bundespräsident pflegt gelegentlich laut darüber nachzudenken, ob es ihm wohl gelingen werde, „einen Rest des Bürgers Gauck über das Amt hinwegzuretten“. Die Bürgerin Schadt hat den Umzug ins Schloss unbeschadet überstanden. Sie genießt es, ab und an unerkannt durch den Tiergarten zu radeln oder einzukaufen oder zu kochen, wenn aus Gaucks weitverzweigter Verwandtschaft Besuch anreist. Sie scheint immun zu sein gegen die Eitelkeiten jener Welt, in der sie nun stets als Ehrengast begrüßt wird.

„Sie will nicht nur das Sträußchen an seinem Revers sein“, sagen Leute, die viel mit ihr zu tun haben. Daniela Schadt hat sich eine Eigenständigkeit bewahrt, für die es in den Annalen des Schlosses Bellevue wenige Vorbilder gibt. Es kann durchaus vorkommen, dass sie ihn während eines Hintergrundgesprächs mit Medienleuten unterbricht und einwirft: „Wenn ich jetzt Journalist wäre, dann würde ich fragen . . .“ Es sind dann nicht die dümmsten Fragen. Kritisches Denken hat sich Schadt keineswegs abgewöhnt. Sie ist die politischste unter den Frauen der bisherigen Bundespräsidenten. Er sucht häufig ihren Rat. Sie macht aus ihren Ansichten auch kein Geheimnis. Als Beraterin mag sie sich gleichwohl nicht verstehen. „Ich bin von niemandem in diese Funktion gewählt worden, also halte ich mich zurück“, sagte Schadt in einem Interview.

Schadt ist unverkünstelt

Das Korsett des Protokolls ist dieser lebhaften Frau nicht selten unbequem. Sie kennt die ungeschriebenen und gleichwohl unerbittlichen Regeln des politischen Zeremoniells, weiß ihre Rolle zu spielen und ihre Verachtung über übertriebene Förmlichkeiten gut zu verbergen. Schadt nutzt dennoch gerne Gelegenheiten, den strikten Regievorgaben im präsidialen Drehbuch zu entfliehen. Auf Reisen kann man sie zu nächtlicher Stunde auf der Hoteltreppe antreffen, wie sie einem Laster frönt, das bei offiziellen Terminen tabu ist. Ab und an leistet ihr David Gill, der Staatssekretär im Bundespräsidialamt, beim Rauchen Gesellschaft. In solchen Momenten können dann Sprüche fallen, die den diplomatischen Sitten nicht immer zu hundert Prozent genügen. Schadt ist ein unverkünstelter Mensch geblieben. Ihre freimütige Art zeichnet sie aus. Sie hat das in einem Interview einmal so beschrieben: „Ich reg’ mich schrecklich gerne auf.“

Auch bei schwierigen Besuchen begleitet sie den Präsidenten. Foto: dpa

In Düsseldorf gibt es jedoch keinen Grund dazu. Dort wird Schadt von einer wandelnden Erbsenschote, einer Melone und einem Apfel empfangen, aus dem ein grüner Wurm baumelt. Das Empfangskomitee symbolisiert das Anliegen der Aktion „Healthy Athletes“, der Schadts Aufmerksamkeit an diesem Vormittag Ende Mai gilt. Am Rande der Special Olympics, bei der geistig behinderte Menschen um Medaillen kämpfen, werden die 4800 Sportler in gesundheitlichen Fragen beraten. Die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten ist Schirmherrin der Special Olympics. Für sie enden solche Termine nicht, wenn die Fotografen weg sind. Da geht es erst los. Schadt lässt sich den Blutdruck messen, links und rechts, bastelt aus Fotos von ihren Lieblingsspeisen eine persönliche Ernährungspyramide. An der Spitze stehen Chips, Gummibärchen und Schokolade. Sie fragt in einem fort, beweist eine schier unerschöpfliche Langmut beim Zuhören, was gar nicht leicht wird, da Schadt sich gewissermaßen im Zentrum eines infernalischen Lärms befindet. Eine wimmelnde Menschenmenge redet unablässig durcheinander. Schadt spricht viel im Konjunktiv. „Man müsste“, beginnen viele Sätze, „man könnte.“ Versprechen kann sie wenig.

Das Begleitpersonal wird nervös. Der Zeitplan gerät völlig aus den Fugen. Schadt ist einfach zu neugierig, zu sehr interessiert, zu wenig auf das pünktliche Erscheinen beim Mittagessen bedacht. Am Ende ihres Rundgangs lässt sie auch noch ihr Sehvermögen testen. Viele Augenärzte arbeiten hier freiwillig. „Hab‘ schon mal besser gelesen“, sagt Schadt. Farbenblind sei sie nicht, diagnostiziert einer der Ärzte. „Sie haben den Test zu 99 Prozent bestanden“, sagt er. Dann schiebt er ihr ein Blatt und einen roten Stift zu. „Können Sie damit blau schreiben?“, fragt er. Sie zögert nicht lange, greift den Stift und malt Buchstaben auf das Blatt: „B, L, A, U“. Dann geht sie – und hinterlässt schmunzelnde Gesichter.