First Lady ohne Trauschein Deutschlands vergessene First Lady

Von Brigitte Fritz-Kador 

Hedwig Heuss half ihrem verwitweten Schwager Theodor sieben Jahre lang als Begleiterin. Heute ist die Frau an der Seite des ersten Bundespräsidenten fast vergessen.

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Heilbronn - Daniela Schadt, die Lebensgefährtin des Bundespräsidenten Joachim Gauck, ist nicht die erste First Lady, die dem Bundespräsidenten nicht ehelich verbunden ist. Sie hatte eine – fast vergessene – Vorgängerin, Hedwig Heuss. Auf diesen Umstand ist jüngst die Archivarin Annette Geisler im Stadtarchiv Heilbronn gestoßen. Sie ist für die Erforschung des Alltagslebens zuständig und stöbert immer wieder Details über interessante Frauenfiguren auf – eine davon ist Hedwig Heuss.

Als nach der Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten seine Partnerschaft mit der Journalistin in Visier genommen wurde, kam niemand darauf, dass es diesen „Sonderfall der deutschen ­Geschichte“ schon einmal ­gegeben hatte – der damals elegant gelöst wurde. Dabei hatte Hedwig Heuss aus Heilbronn, die Krankenschwester aus einfachen Verhältnissen, geboren in Oberurbach (Remstal), in der angeheirateten Familie Heuss zunächst keinen leichten Stand.

Theodor Heuss’ Amtszeit dauerte von 1949 bis 1959. Elly Heuss-Knapp (1881–1952), die Frau des ersten Bundespräsidenten, ist früh gestorben. Schon 1952 zog Hedwig Heuss von Heilbronn nach Bonn in die Villa Hammerschmidt. Sie war Heuss’ Schwä­gerin, die Witwe seines Bruders Ludwig, Stadt- und Schularzt in Heilbronn, Mutter von vier Kindern und – das belegen Briefe von Theodor Heuss – vor und nach dem Krieg wohl der stets funktionierende Mittelpunkt der Familie, belastbar und engagiert – auch für die Öffentlichkeit. „Ich selbst – es ist wohl mein Schicksal gewesen, mich immer um das körperliche Wohl der nächsten zu kümmern – war Leiterin der Kochschule vom Frauenverein. Wenn es um soziale Hilfe ging, musste ich einspringen“, schrieb sie einmal.

Hedwig und Theodor waren beide verwitwet

Hedwig Heuss war bereits 70 Jahre alt, als sie sich unvermittelt der Aufgabe gegenübersah, die Pflichten einer First Lady zu übernehmen. Protokollarisch war das nicht einfach – nach den strengen Regeln damals war sie nicht immer einer Ehefrau gleichgestellt. Frieder Günther stellt in seinem Buch „Heuss auf Reisen“ fest, dass „alle Staatsbesuche ohne Damenbegleitung stattfanden. Damit reagierte man protokollarisch auf die Situation, dass Heuss Witwer war.“ Hedwig Heuss nahm das offenbar gelassen. In der Villa Hammerschmidt wurden ihr zwei Zimmer zur Verfügung gestellt, die ihr sehr gut gefielen, auch mit dem Personal kam sie gut aus.

Mit 90 Jahren hat sie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel aufschreiben lassen, was sie in dieser Zeit erlebte: „Jetzt, nach meinem 90. Geburtstag, ist wohl angebracht, zurückzublicken. Wenn im Mittelpunkt meiner Erinnerungen die sieben Jahre (1952–1959) Tätigkeit an der Seite meines Schwagers Theodor Heuss in Bonn stehen, so wisst ihr alle, dass Eure ,Omi‘ nicht aus Geltungssucht und Wichtigtuerei an diese Zeit als ,First Lady‘ der Bundesrepublik Deutschland zurückdenkt. Ich will mit diesen Erinnerungen Euch allen eine Freude bereiten, und später der Nachwelt einmal Erlebnisse erhalten, die ich während meiner Zeit in der Villa Hammerschmidt im Gedächtnis behalten habe.“

Eine Kopie der Aufzeichnungen liegt im Heilbronner Stadtarchiv – sie sind in ihrer Gänze noch unter Verschluss. Vielleicht wollte die Familie nicht, dass ihre unverblümte Sicht der Dinge zu diplomatischen Verwicklungen führte? Denn Hedwig nahm kein Blatt vor den Mund – und die Menschen so, wie sie ihr begegneten. Ob dies der äthiopische Kaiser Haile Selassie (sie war seine Tischdame), der Schah von Persien und Soraya, die Queen und Prinzessin Margret (sie lobt deren modisch-elegante Erscheinung) oder Königin Friederike von Griechenland (sie sei eine Lady mit viel Humor gewesen) war oder ob sie Winston Churchill vor den Gefahren des Rauchens warnte. Der italienische Staatspräsident Gronchi, der Hedwig Heuss in Bonn kennenlernte, bestand darauf, dass sie Theodor Heuss 1957 beim Gegenbesuch in Rom begleitete, was auch dem „Spiegel“ einen Bericht wert war. Das war der einzige Besuch, bei dem Hedwig ihren Schwager ins Ausland begleitete, in Bonn war sie stets die Gastgeberin: „Die Besuche gekrönter Häupter waren in Bonn fast an der Tagesordnung“, schreibt sie.

Hedwig Heuss achtete auf die Garderobe des Bundespräsidenten

Ihr Sohn Conrad, Ritterkreuzträger und Major, fiel kurz vor Kriegsende. Ihr Sohn Hartmann starb noch als Schüler an den Folgen einer Mittelohrentzündung. Ihr Mann Ludwig war Gemeinderat in Heilbronn (für die DDP) und mit großem Stimmenvorsprung gewählt worden. Als er von den Nazis als der Erste bezeichnet wurde, der an einem Laternenpfahl aufgehängt werden sollte, erzählt Hedwig Heuss, habe er gesagt „nur wenn ich drei von euch Kerlen mitgenommen habe“. Er sei der „ungekrönte König von Heilbronn“ und die Heuss’ seit 1848 Demokraten gewesen, daher „die weiße Weste“ nach Kriegsende.

Hedwig Heuss achtete aber auch auf Äußeres. Als „Bundesmutter“ sei sie für auch für die Garderobe des Bundespräsidenten zuständig gewesen: „ . . . jeden Tag ein frisches Hemd und ein anderer Anzug!“ Wenn bei gesellschaftlichen Anlässen die Kleidung einer Dame aus dem Rahmen fiel, konnte sie ganz schön spöttisch werden, die „staatlich akkreditierte Oberfürsorgerin für den Bundespräsidenten“, wie sie sich auch bezeichnete. Fürsorglich begegnete sie auch anderen, beispielsweise Carlo Schmidt, dem sie Maultaschen ins Krankenhaus schickte – worauf dieser prompt gesundete. Ihr Schwager achtete darauf, dass schwäbisch-sparsam gewirtschaftet wurde: Er schätzte Siedfleisch über alles, deshalb war Ochsenbrust bei Staatsdiners keine Ausnahme. Kessler-Sekt als „Hochgewächs“ aus Esslingen und Brackenheimer Lemberger waren die Standardgetränke. Wilhelmine Lübke habe ihr mal gesagt: „Warum haben Sie so gespart? Das macht mir jetzt Schwierigkeiten!“

Empfänge galten ihr als etwas „Höfisches“

Im Rückblick erkannte Hedwig Heuss, dass der Glanz der Empfänge und die Liebenswürdigkeit der Gäste möglicherweise etwas „Höfisches“ an sich gehabt hätten, trotz manchen „Schaumes an der Oberfläche“ seien die wahren menschlichen Beziehungen in der Tiefe zu finden – und, ganz dem schwäbischen Wein verbunden, nutzt sie die Metapher, dass die Öchslegrade in den Fässern der Schwäbischen Kelter auch nicht an der brodelnden Oberfläche gemessen werden. Ihr Fazit: „Immer im Schnittpunkt der Linien, die mich mit dem hohen Amt des Bundespräsidenten und mit der Nähe der Heimat und Familie verbinden, habe ich das Leben als Auftrag und als schöne Pflicht empfunden. Ich glaube, dass hier auch der Sinn meiner Jahre in Bonn liegt.“