Fischmarkt auf dem Karlsplatz Ein Matjes ersetzt die Tagescreme

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Von wegen nur Backfisch und kühles Pils: Bei diesjährigen Fischmarkt auf dem Karlsplatz erklärt der Geschäftsführer des Fischinformations­zentrums, Matthias Keller, wie es um die Weltmeere steht.

Matthias Keller, Geschäftsführer des Fischinformationszentrum Hamburg, Foto: Martin Stollberg 84 Bilder
Matthias Keller, Geschäftsführer des Fischinformationszentrum Hamburg, Foto: Martin Stollberg
Stuttgart – Die Überfischung der Meere könnte den Appetit auf Heringsbrötchen verderben. Auf dem Fischmarkt, der gestern auf dem Karlsplatz eröffnet wurde, wird zum ersten Mal über umweltgerechte Fangmethoden und Gütesiegel informiert. Vom 12. bis 14. Juli ist der Geschäftsführer des Fischinformationszentrum Hamburg, Matthias Keller, vor Ort.
Herr Keller, Fisch wird immer beliebter. Ist die Überfischung der Meere der Preis dafür?
Der Absatz in Deutschland ist derzeit stabil. Jeder isst hier durchschnittlich 15 Kilogramm Fisch pro Jahr. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren gab es eine Steigerung. Die Meeresfischerei hat sich erholt, neu hinzugekommen sind Fische aus der Aquakultur wie Pangasius. Weltweit werden 154 Millionen Tonnen Fisch gefangen, davon 90 Millionen aus Wildfang und 64 Millionen aus Aquakultur. 130 Millionen Tonnen kommen als Nahrungsmittel auf den Markt. Das entspricht einem Pro-Kopf-Verbrauch von 19 Kilogramm im Jahr.

Wie konnten sich die Meeresfischbestände erholen?
Das lässt sich am Kabeljau gut erklären. Russland und Norwegen haben strikte ­Regeln für ihn aufgestellt, denn vor 30 Jahren war der Kabeljau dort total überfischt worden. In der Nordsee erholt er sich auch. Das zeigt, dass wirksame Kontrollen wichtig sind.

Weshalb wird dann die Grundnetzfischerei nicht verboten?
Da hat sich bei der Schollenfischerei einiges verbessert. Mit den neuen Verfahren gleiten die Netze über den Grund, greifen aber nicht in ihn ein. Das spart dem Fischer 30 Prozent Energiekosten und liegt so in seinem Interesse. Auch wird dem gesetzlich verordneten Wahnsinn, marktfähigen Fisch in den EU-Meeresgebieten wieder über Bord zu werfen, bald ein Ende gesetzt.

Was kann das Fischinformationszentrum für den Schutz der Meere leisten?
Wir versuchen, die wissenschaftliche Erkenntnisse an den Mann zu bringen. Zum Beispiel haben wir eine Fanggebietskarte auf unserer Homepage. Einige Umweltverbände gehen davon aus, dass 80 Prozent der Meere überfischt sind. Tatsächlich sind es aber 30 Prozent der Weltfischbestände.

Ihr Verein wurde von der Fischereiwirtschaft gegründet. Wie unabhängig sind Sie?
Wir sind eine Interessensvertretung und wollen Informationen weitergeben, die auf wissenschaftlicher Basis stehen. Ich würde deshalb nie sagen, dass im Mittelmeer oder im Nordostatlantik alles gut sei. Aber wir hatten 2005 noch einen Anteil von fünf Prozent nachhaltiger Fischerei. Heute sind es 61 Prozent der Bestände des Nordostatlantik, die nachhaltig befischt werden.

Was muss man beim Kauf beachten?
Man sollte den Fisch dort kaufen, wo man beraten wird. Hinweise über den nachhaltigen Fang können auch Siegel wie das MSC geben. Diese sind auf vielen Tiefkühlprodukten angegeben. Außerdem hat jede Jahreszeit ihren Fisch. Jetzt ist es Scholle und Matjes. Der hat soviel Positives in sich, dass Sie da die Tagescreme weglassen können.