Seit 1981 gehört die Fischsuppe an Aschermittwoch zum alljährlichen Programm in Böblingen. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie fand 2020 die letzte Auflage statt. Nach zwei Jahren Pause ging jetzt die 41. Auflage über die Bühne – und siehe da: Der Europasaal der Kongresshalle war bestens gefüllt, alle 750 Tischplätze frühzeitig verkauft. Auch auf der Empore tummelten sich an die 150 Besucher. „Wir waren nicht sicher, wie gut die Resonanz sein würde“, gestand der städtische Veranstaltungsmanager Andreas Wolfer, „doch das Fischsuppenessen ist ein Selbstläufer.“
Polizisten kochen: Zunächst stand die Fischsuppe im Mittelpunkt. Vor über 40 Jahren hat Josef Thaller vom Stuttgarter Kochkolleg die bis heute gültige Rezeptur entwickelt. Seit einigen Jahren wird das Abendessen in der Polizei-Hochschule in der Böblinger Wildermuth-Kaserne gekocht – erstmals war der neue Küchenchef Thomas Schreiber verantwortlich. Rund 500 Liter Suppe inklusive fast 100 Kilogramm Fisch machten in der Kongresshalle die Runde.
Ehrenamtliche helfen: Um die vielen Gäste gut versorgt zu bekommen, sind rund 70 Freiwillige Einsatz. Das Verteilen der Fischsuppe übernehmen seit jeher die Männer und Frauen vom Deutschen Roten Kreuz, unterstützt von der DLRG. Trotz der Corona-Pause lief alles wie am Schnürchen. „Die Abläufe sind einfach drin“, lachte die DRK-Organisatorin Daria Hertkorn-Brandt, „für mich fühlt sich das so an, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.“ 150 geräucherte Forellen bot zusätzlich der Kreisfischereiverein an. „Die Fische kommen ganz frisch aus dem Schwarzwald und wurden erst heute Mittag geräuchert“, verriet der Vereinsvorsitzende Patrick Hocker. Den Getränkeverkauf wiederum verantwortet die Arbeiterwohlfahrt mit 15 Helfern. „Unsere Leute haben sich sehr gefreut, dass das Fischsuppenessen wieder stattfindet“, berichtete Herbert Protze an der Kasse.
Gäste spenden: Moderator Wolfgang Seljé gab immer wieder seinen schwäbischen „Goodsla“ zum Besten. Die humorigen Kurzvarianten bekannter Hits kamen beim Publikum gut an. Und er betonte mehrfach, für was das Fischsuppenessen auch steht: Spenden für den guten Zweck. Der gesamte Erlös samt der Publikumsbeiträge geht zuvorderst an die Organisation AMSEL, die sich um MS-Kranke kümmert, aber auch an einige weitere soziale Einrichtungen. Insgesamt kamen auf diese Weise beim Fischsuppenessen seit 1981 bereits rund 420 000 Euro zusammen – eine stolze Zahl.
Jugendliche tanzen: Musikalisch umrahmte die Böblinger Stadtkapelle das Programm, die schwäbische Kabarettistin Sabine Essinger alias Berta Fleischle sorgte für viele Lacher. Etliche Sympathiepunkte ergatterte die junge Tanztruppe der Böblinger DAT-Kunstschule. Die 12- bis 15-Jährigen – acht Mädchen, ein Junge – wirbelten synchron über die Bühne und entführten das Publikum nach „Hollywood“. Leiterin Louise Mayer fieberte in der Halle mit: „Sie machen das wirklich toll“, schwärmte sie.
Mehr Nachhaltigkeit: Als Fastenredner war diesmal Cem Özdemir (Grüne) zu Gast, auch wenn er als Vegetarier die Fischsuppe ausschlagen musste. Für ihn gab’s vegetarische Maultaschen. Der Bundeslandwirtschaftsminister begann seine Rede launig, schwäbelte, hatte einige Sprüche parat. Um dann doch einen ernsten, geradezu kämpferischen Ton anzuschlagen. „Egal ob jemand Fleisch oder Fisch, Obst oder Gemüse isst“, sagte er, „nachhaltig muss es sein.“ Was und wie gegessen werde, habe Auswirkungen auf die Natur. Dabei seien der Artenschutz und insbesondere der Insektenschutz ganz wichtige Vorhaben. „Wir müssen unsere Luft, unser Wasser und unseren Boden besser schützen“, sagte Cem Özdemir, „und dabei die Bäuerinnen und Bauern unterstützen.“
Besseres Essen: Sein Ministerium arbeite derzeit an einer Ernährungsstrategie. „Wichtig ist: Alle Menschen sollen sich gut ernähren können“, betonte Özdemir. Dabei sei es immer auch eine soziale Frage, was man essen könne. Er wolle daher das Essen in Einrichtungen wie Schulen und Heimen verbessern. „Zudem müssen wir dafür sorgen, dass die Kinder nicht ständig irgendeiner Werbung für schlechtes Essen ausgesetzt sind“, forderte er. Mehr pflanzliche Produkte seien sinnvoll und nur gelegentlich ein gutes Stück Fleisch. „Einfach so, wie es unsere Urgroßeltern früher gemacht haben.“ Das fand im Publikum durchaus Zustimmung.