Fitness-Ikonen auf Youtube und Instagram Die Instagram-Millionärinnen

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In den sozialen Netzwerken nimmt der Fitnesswahn immer größere Ausmaße an. Internetstars wie Kayla Itsines oder Sophia Thiel haben mittlerweile so viele Fans, dass sie Millionen verdienen.

In täglichen Spiegel-Selbstporträts und Sportvideos zeigt Sophia Thiel im Netzwerk Instagram ihren durchtrainierten Körper. Foto: Screenshot Instagram-Account pumping.sophia.thiel
In täglichen Spiegel-Selbstporträts und Sportvideos zeigt Sophia Thiel im Netzwerk Instagram ihren durchtrainierten Körper. Foto: Screenshot Instagram-Account pumping.sophia.thiel

Stuttgart - Die Menge kreischt, als die 25-jährige Australierin mit dem charakteristisch hohen Pferdeschwanz, grauem Sport-BH, knapper Sporthose und Turnschuhen die Bühne betritt. Die junge Frau auf dem Youtube-Video der „Glamour Health Challenge“ sieht genauso durchtrainiert und selbstbewusst aus, wie man sie von unzähligen Fotos aus dem Internet oder Fitnesszeitschriften kennt. Es ist heiß an diesem Tag und die mehreren Hundert Frauen in den neonfarbenen Sportklamotten haben ein straffes Programm vor sich: Es geht los mit Hampelmännern, Kniebeugen, Liegestützen, hüpfenden Kniebeugen und so weiter. Schon das Warm-up sieht anstrengend aus, doch die Frauen halten durch. Schließlich gehören sie zu den wenigen, die ihr großes Vorbild im echten Leben und nicht nur vor dem Handybildschirm erleben dürfen.

Kayla Itsines ist eine Ikone jener Generation, die deutlich mehr Zeit vor ihrem Smartphone verbringt als vor dem Fernseher und die mehr Youtuber als Schauspieler kennen. Itsines ist unter den jungen Menschen so bekannt, weil die Fitnessszene in den vergangenen Jahren rasant explodiert ist – und dies in einer besonders extremen Weise in den sozialen Netzwerken Instagram, Snapchat und Facebook.

Die junge Frau ist Fitnessbloggerin und zugleich eine Art One-Woman-Show: Sie befasst sich im Netz mit den Themen Sport, Gesundheit und Ernährung. Sie schreibt keine ausführlichen Beiträge, sondern postet vor allem Bilder. „Alle sagen immer, man soll heute damit beginnen, sein Leben zu ändern. Aber niemand sagt dir, wie. Mein Lebensziel ist, dieses ‚Wie‘ zu liefern – für so viele Frauen wie eben möglich“, so beschreibt Itsines ihr Geschäftsmodell.

Itsines’ Geschäftsmodell: Vorher-nachher-Bilder von anderen Frauen

Mehr als sieben Millionen Menschen folgen der ausgebildeten Personal Trainerin auf Facebook, auf Instagram sind es mehr als fünf Millionen. Täglich in Spiegel-Selfies zeigt sie den Fans – die sich selbst „Kayla Army“ nennen – ihre deutlich sichtbaren Bauchmuskeln, die straffen Oberschenkel und trainierten Arme. Zusätzlich teilt sie unendlich viele Vorher-nachher-Bilder von Frauen, die laut eigener Aussage mit ihrem E-Book „Bikini Body Guide“ trainieren. Den Fotos ist gemein, dass allesamt auf dem Nachher-Bild deutlich sportlicher und schlanker aussehen. „Ich fokussiere mich in meinem Account auf die inspirierenden Transformationen meiner Klienten, statt auf mich und mein Leben“, sagte Itsines dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“. Diese Strategie scheint aufzugehen: Mehr als drei Millionen Instagram-Beiträge wurden mit dem Hashtag #bbg versehen, also die Abkürzung für ihren „Bikini Body Guide“.

Mit diesem E-Book ist Itsines reich geworden. Umgerechnet kann man es – genau wie ihr anderes E-Book „Help Ernährungsberater“ – für etwa 47 Euro bestellen. Laut eigener Aussage hat die Fitness-Ikone bereits im Juni 2014 mehr als eine Million der E-Books verkauft. Inzwischen dürfte es ein Vielfaches davon sein, Itsines Bekanntheitsgrad ist seitdem erheblich gestiegen. Zusätzlich verdient Itsines wohl weitere Millionen durch eigene Modelinien sowie durch sogenanntes Influencer Marketing. Laut eigener Aussage nimmt Kayla Itsines kein Geld von Marken an. Allerdings trägt sie auffällig oft Sportuhren von Polar sowie Kleidung von Nike und Victoria’s Secret.

Sophia Thiel: „Ich war schon als Mädchen immer pummelig“

Auch ihr deutsches Pendant, die 21-jährige Fitness-Youtuberin Sophia Thiel, hat bereits viel Geld verdient. Sie ist auf Platz sieben der deutschlandweit erfolgreichsten Influencer, also jener Menschen, die in der Netzwelt so bekannt sind, dass sie die Wirtschaft beeinflussen – und dazu attraktive Gesichter für Marken sind. Sophia Thiel hat auf Insta­gram knapp 700 000 Abonnenten und schaltet mittlerweile unmittelbar vor der „Tagesschau“ in der ARD teure Fernsehwerbung, wo sie für ihr Fitnessprogramm wirbt: das „Zwölf-Wochen-Programm Schlank und Fit“ für 99 Euro und ein „15-Monats-Paket Rundum Transformation“ für 199 Euro.

Wie bei allen erfolgreichen Internetstars steckt hinter ihrem Erfolg eine Geschichte, die bei ihren Fans ankommt: Aufgewachsen als korpulentes Mädchen in einem kleinen Ort in der Nähe von Rosenheim, stets in weiten Klamotten verhüllt und unsichtbar für alle Klassenkameraden – so beschreibt sie in einem ihrer Youtube-Videos, wie sie zum Fitnesssport kam. „Ich war schon als Mädchen immer pummelig. Von anderen Kindern wurde ich oft gehänselt, das tat sehr weh“, sagt sie. Nach zahlreichen Diäten, die nur zu Fressattacken und Jo-Jo-Effekten geführt hatten, habe sie dann beschlossen, etwas zu ändern: „Im Dezember 2012 habe ich mit dem Fitnesstraining begonnen. Über Monate beschäftigte ich mich intensiv mit Trainingsprinzipien und Ernährung. In dieser Zeit habe ich mir ein enormes Wissen angeeignet und mein eigenes, optimales Konzept zusammengestellt. Was neu war: Ich habe auf nichts verzichtet und dennoch abgenommen. Von 80 Kilogramm bin ich runter auf jetzt 50.“

Fitness-Stars verkaufen Frauen ein Versprechen auf gutes Aussehen und Zufriedenheit

Heute fühle sie sich „topfit, selbstbewusst und richtig sexy und weiblich“. Tatsächlich entspricht sie mit ihrem makellosen Gesicht, den blauen Augen, blonden Haaren und dem durchtrainierten Körper einem gewissen Schönheitsideal. Durch ihren leicht durchscheinenden bayrischen Dialekt wirkt sie zugleich sympathisch und bodenständig. Sie untermalt damit ihre Botschaft: „Ihr könnt das auch schaffen, auch ich bin ein ganz normales Mädchen aus dem Dorf und hatte früher keine Traumfigur. Alles ist möglich.“ Die Fitness-Stars verkaufen den jungen Frauen nicht nur Fitnessprodukte, sondern geben ihnen ein Versprechen auf gutes Aussehen, Selbstbewusstsein – und schlussendlich mehr Zufriedenheit im Leben. Fit ist das neue Dünn – und Instagram, Youtube, Facebook und Co. sind die eifrigsten Verbreiter dieser Botschaft.

Bei alledem darf man die entgegengesetzte Gruppierung zur Fitnessbewegung nicht vergessen: die Menschen, die keinen Sport machen und Pommes rot-weiß immer einem Salat vorziehen würden. Vor Kurzem wurden die aktuellsten Diabetes-Zahlen veröffentlicht: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind etwa 350 Millionen Menschen weltweit zuckerkrank, in Deutschland sind es 6,3 Millionen Patienten, das ist etwa jeder Zwanzigste. Und die Zahl der zuckerkranken Erwachsenen ist seit dem Jahr 1998 um 38 Prozent gestiegen.

Deutschlands Fitnessbranche macht europaweit den zweitgrößten Umsatz

Letztlich wird die Spanne immer größer: Viele Vereine kämpfen gegen Mitgliederschwund, während Fitnessstudios jedes Jahr neue Rekorde vermelden. Der Umsatz der Fitnessbranche in Deutschland ist von 3,8 Milliarden im Jahr 2010 auf 4,8 Milliarden Euro 2015 gestiegen. In Europa steht Deutschland nach Großbritannien auf dem zweiten Platz jener Länder, in denen der höchste Umsatz der Fitnessindustrie erzielt wird. Leichtathletik oder Ballsportarten sind nicht mehr attraktiv, wenn man mit gezieltem Muskeltraining so viel schneller den perfekten Körper erlangt. Immer mehr Menschen sind übergewichtig, zugleich werden Sport und Gesundheit leicht zum Wahn, wenn man ständig im Internet diejenigen vorgehalten bekommt, die so viel aktiver sind als man selbst.

Allerdings gibt es mittlerweile auch einige Youtuber und Instagramer, die diese Entwicklung erkennen und gezielt versuchen, eine gesunde Mitte zu finden – wie beispielsweise die Stuttgarter Fitnessbloggerin Diana Scholl (Fitheal­thydi) oder die Hamburgerin Louisa Dellert (Fit Trio). Beide teilen regelmäßig Videos mit Sportübungen, Motivationsanstöße zur Bewegung oder gesunde Rezepte – aber eben auch mal einen vollgefutterten Bauch, Besenreißer oder einen riesigen Teller Pfannkuchen nach einer durchzechten Nacht. Die Beiträge sind dabei stets garniert mit Botschaften zur Selbstliebe, zum Spaß am Sport in der Natur und zu einer entspannteren Lebensweise. Denn gesund ist letztlich immer das Maßvolle.