Salem - Buggensegel ist ein idyllisches Dorf im Hinterland des Bodensees. Einst gab es 37 Milchlieferanten, heute sind es noch zwei. Rudi Bauer will mit dem Traktor auf die andere Straßenseite wechseln. „Manchmal muss ich da minutenlang warten“, sagt der 66-jährige Landwirt. Seit aus Richtung Mimmenhausen das zentrale Gewerbegebiet wächst, hat der Verkehr stark zugenommen. „Da wirst du zum Hirsch.“
Salem, zu dem Mimmenhausen und Buggensegel gehören, ist weltberühmt für seine Schloss- und Klosteranlage; der Affenberg gehört zu den großen Tourismusmagneten am See. Jetzt soll der Ort, dessen 11 000 Einwohner sich auf elf Orte verteilen, zu einem Schwerpunkt für Industrie- und Gewerbe im Bodenseekreis ausgebaut werden. So will es der Entwurf des neuen Regionalplans. Das bestehende Gewerbegebiet würde sich um 27 Hektar oder 40 Fußballfelder fast verdoppeln. Auch Bauers Wiesen und Felder sind verplant. „Das sind beste Böden“, sagt er. Äpfel, Erdbeeren, Spargel, Rüben: „Ich wüsste nicht, was dort nicht wächst.“ Ein Verzicht auf die Äcker ginge an die Substanz. Er sei ja nicht gegen die Industrie. „Aber irgendwann muss es einfach reichen.“
Tourismus und Global Player
Die Frage, wohin das Wachstum noch führen soll, treibt immer mehr Menschen in der Bodenseeregion um. „Der Druck auf die Fläche ist immens“, sagt Wilfried Franke. Der Chef des Regionalverbandes Bodensee-Oberschwaben, der für den neuen Regionalplan verantwortlich ist, sieht sich zwischen allen Stühlen. Im milden Bodenseeklima wachsen Sonderkulturen wie Hopfen, Obst und Wein. Zehntausende Touristen tummeln sich am See. Gleichzeitig zählt der Kreis zu den wirtschaftsstärksten Räumen Europas. Allein bei ZF in Friedrichshafen arbeiten 10 000 Menschen. „Wir haben hier viele Global Player“, sagt Franke.
Als er den künftigen Bedarf an Gewerbeflächen ermitteln ließ, kamen die Institute für den Bodenseekreis auf 200 bis 600 Hektar. „Das wäre die Fortschreibung der rasanten Entwicklung“, sagt Franke. In den Regionalplan, der die Potenziale für die nächsten 15 Jahre vorgibt, schrieb er nur 160 Hektar hinein. In der ersten Reihe am See sei alles dicht. Jetzt setzt er auf das Hinterland, auf Orte wie Salem, oder auf noch entferntere Flächen im Kreis Sigmaringen, wo zwei Militärgelände frei geworden sind. „Wir bremsen deutlich“, sagt Franke. „Aber alles auf Null zu stellen, halte ich für riskant.“ Die auf den Maschinenbau fokussierte Wirtschaft habe einen massiven Strukturwandel vor sich. „Das geht nicht ohne Flächen.“
Der Landrat ist unzufrieden
Freunde hat Franke sich damit auf keiner Seite gemacht. Die ausgewiesenen Gewerbegebiete reichten vorne und hinten nicht, schimpfte der Friedrichshafener Landrat Lothar Wölfle (CDU). Auch von der Industrie- und Handelskammer kam Kritik. Auf der anderen Seite stehen Landwirte, Umweltschützer und Touristiker, die sich um die Kulturlandschaft, um Frischluftschneisen und die letzten Freiflächen sorgen. In Salem sammelte ein Aktionsbündnis binnen weniger Wochen 1300 Unterschriften. Vor 20 Jahren sei es noch herrlich ruhig gewesen, sagt Jutta Saarmann, die im Teilort Mittelstenweiler ein kleines Gesundheitshotel betreibt. Inzwischen seien viele Gäste frustriert. „Im Stau stehen können wir auch zu Hause“, bekomme sie immer wieder zu hören.
„Alle reden vom Flächenfraß. Aber es fehlen Gesetze, um etwas dagegen zu unternehmen“, sagt Ulrike Lenski vom Aktionsbündnis. Im alten Regionalplan sei der Kreis flächendeckend mit Grünzügen überzogen worden, die nun wieder aufgehoben würden. „Dabei hat sich an den Gründen, die zu ihrer Ausweisung geführt haben, nichts geändert.“
Der Bürgermeister denkt ans örtliche Gewerbe
Im Rathaus im Salemer Teilort Neufrach, einem Flachdachbau aus der Zeit der Kommunalreform, sitzt Martin Härle. Es gehe ja nicht darum, Großunternehmen herzulocken, sagt der Salemer CDU-Bürgermeister. Seit Jahren lehne er Anfragen von ortsfremden Firmen ab. Dennoch hält er die Ausweisung der Flächen für wichtig. „Ich vermisse vom Aktionsbündnis ein Bekenntnis zum örtlichen Gewerbe.“
Bald wird Härle in ein neues Rathaus in der sogenannten Neuen Mitte umziehen. Der 25 Millionen Euro teure Neubau passt mit seinem roten Klinker nicht unbedingt in die Gegend, aber gut zu seinen Ambitionen. Gegenüber entsteht ein Einkaufsmarkt mit 800 Quadratmetern. Am nahen Schlosssee hat ein Bauträger „Stadtvillen“ hochgezogen, die Vier-Zimmer-Wohnung zu 750 000 Euro. Salem wächst und soll laut dem neuen Regionalplan zum Unterzentrum aufsteigen. „Wir sind hier eine der größten Flächengemeinden mit einer der geringsten Einwohnerdichten. Wenn wir keine Flächen ausweisen können, wer kann es dann?“
CDU stürzt ab, Grüne legen zu
Allerdings schwinden die Mehrheiten für diese Politik. Bei der Gemeinderatswahl im Mai zog die Grüne Offene Liste (GOL) mit der CDU gleich. Auch die Freien Wähler, die sich gegen den Gewerbeschwerpunkt positioniert hatten, legten stark zu. Doch die neue GOL/FW-Mehrheit hielt nicht. Zwei Gemeinderäte fehlten bei der entscheidenden Abstimmung. So konnte Härle eine positive Stellungnahme zum neuen Regionalplan melden.
Das sei noch lange kein Baubeschluss, beruhigt Härle. Die Landwirte klammern sich derweil an ihre Scholle. Ihm sei schon gratuliert worden, dass er sich ja jetzt eine goldene Nase verdiene, sagt Bauer. Aber er verkaufe nicht. „Ich kann meinen Kühen ja nicht einen 50-Euro-Schein in den Trog werfen und sagen, kauft euch was zu fressen.“ Ähnlich sehen es die Besitzerin des nahen Pferdehofs und ein weiterer Nachbar. Doch der Regionalplaner Franke ist gelassen. Es gebe immer auch Pachtflächen, und deren Besitzer verkauften gerne. „Am Grunderwerb ist ein Gewerbegebiet noch nie gescheitert.“