Der Gewerbepark Eichwald steht sinnbildlich für den wachsenden Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg. Das Gebiet zwischen Sachsenheim, Sersheim und Unterriexingen wurde 2006 erschlossen und wächst seither rasant. Aus 25 Hektar zu Beginn sind 80 Hektar für Porsche, Dräxlmeier, Breuninger oder auch den Getränkelogistiker Winkels geworden. Und aktuell wird weiter gebaut und versiegelt.
In Baden-Württemberg gibt es wohl kaum einen anderen Landkreis, bei dem der Konflikt zwischen Wirtschaft und Natur offensichtlicher ist. Gewerbegebiete nehmen hier schon jetzt vergleichsweise viel Platz ein, einige Gebiete sind in den vergangenen Jahren gewachsen, neue sind in Planung und umstritten – und es braucht dennoch mehr, sagt die Industrie- und Handelskammer (IHK). Das passt nicht zum Ziel der Landesregierung, den Flächenverbrauch bis 2035 auf null zu senken. Es gibt zwar Ansätze, den Interessenskonflikt zu lösen – es passiert jedoch wenig.
Keine Flächen, kein Wohlstand
Es war ein Hilferuf, den die IHK vergangene Woche per Pressemitteilung versendete. Unternehmen rund um Stuttgart bräuchten schnell Flächenangebote, vor allem im Kreis Ludwigsburg – ansonsten sei der Wohlstand der Region in Gefahr.
Richtig, die wirtschaftliche Dynamik schwächele, sagt Sigrid Zimmerling, IHK-Geschäftsführerin für die Region Stuttgart. Gleichzeitig befinde sich die Industrie aber in einer Transformation, „Stichworte sind alternative Antriebe und Digitalisierung“. Die größten Unternehmen der Region und ihre Zulieferer produzieren also parallel alte und neue Technologien – beispielsweise zur selben Zeit Verbrenner, Hybride und E-Autos. Dafür braucht es mehr Produktionsflächen.
Die Forderung nach neuen Flächen tangiert in erster Linie Landwirte. Anfang des Jahres demonstrierten diese mit Naturschützern gegen den geplanten Gewerbepark nördlich von Münchingen-Müllerheim. Es gelte die Kornkammer der Region zu schützen, 15 Hektar Ackerfläche mit bester Bodenqualität müssen gerettet werden, lautete die Parole.
„Wir wollen die Industrie ja nicht vertreiben“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bauernverbandes Heilbronn-Ludwigsburg, Florian Petschl. „Es kann aber auch nicht so weitergehen wie die vergangenen 50 Jahren, sonst gibt es bei uns irgendwann keine Fläche mehr.“ Der Bauernverband könne die Entwicklung nicht stoppen, versuche aber immer wieder, das Beste für die Landwirte herauszuholen. „Selten trifft es einen Betrieb so stark, dass er komplett verschwindet“, beschwichtigt Petschl.
Leere Versprechung Netto-Null-Flächenverbrauch?
Eine Lösung für den Interessenskonflikt hat Petschl nicht, dafür einige Ansätze, den Flächenfraß zu verlangsamen. Erstens mehrgeschossig bauen, zweitens nur noch hohe Parkhäuser für die Belegschaft, keine Parkplätze. Drittens sollten ertragreiche Ackerböden tabu sein. Viertens sollten vorrangig lokale Unternehmen bei ihrem Wachstum unterstützt werden. „Davon wird bisher aber viel zu wenig umgesetzt“, sagt Petschl. Die Politik spreche gerne über das Ziel des Netto-Null-Flächenverbrauchs bis 2035, „letztendlich machen wir aber gerade so weiter“.
Tayfun Tok ist Landtagsabgeordneter aus Murr. Ähnlich wie der Kreis selbst steht der grüne Wirtschaftspolitiker sinnbildlich für den Konflikt um die Flächen. Er sagt Dinge wie: „Es tut weh, wenn wir so viel Fläche verbrauchen, es ist ein riesiges Problem für die Artenvielfalt.“ Aber auch: „Wir wollen die Wertschöpfung vor Ort sichern. Wir leben von der Automobilindustrie.“ Und bringt es letztendlich auf den Punkt: „Flächenverbrauch kann man nicht ganz vermeiden, wir müssen ihn verringern.“ Auch Tok plädiert dafür, Gewerbegebiete in die Höhe zu bauen. Produktionshallen müssten mit nachhaltigen Materialien gebaut werden, Gebiete intelligenter geplant sein, so der 37-Jährige.
Die Landesregierung habe dabei eine große Verantwortung. Das Land müsse den Kommunen die Instrumente an die Hand geben, um das Wirtschaftswachstum flächenschonender zu machen, sagt Tok. Beispielsweise brauche es Anreize für Unternehmen, auf brachen Flächen innerorts zu bauen – nicht auf der Wiese. Der Politiker ist optimistisch, dass der Kreis Ludwigsburg Vorreiter sein kann: „Wir sind prädestiniert dafür, Ökologie und Wirtschaft zu versöhnen.“ Es gebe punktuell Fortschritte, „doch da ist noch viel Luft nach oben“, antwortet Tayfun Tok aber auf die Frage, ob seine Ansätze bereits umgesetzt werden.
Zurück nach Sachsenheim. Es ist der wohl wichtigste Handelsknotenpunkt für Breuninger, Porsche tüftelt hier an den neuesten Modellen. 2500 Arbeitsplätze sind in dem das Gewerbegebiet in den vergangenen 17 Jahren entstanden. In den nächsten Jahren könnten noch mal 20 bis 30 Hektar Fläche hinzukommen, heißt es aus Kreisen des Stadtrats Sachsenheim. Der Schwerlast-Verkehr würde weiter zunehmen. Zudem sehen Naturschützer das Naturdenkmal „Alte Landebahn“ und seine gefiederten Bewohner in Gefahr. Wie gesagt: Der Gewerbepark Eichwald ist ein Sinnbild für den wachsenden Wirtschaftsstandort Kreis Ludwigsburg.
Die Gewerbegebiete der Zukunft im Kreis Ludwigsburg
Benzäcker
Die Mundelsheimer stimmten in einem Bürgerentscheid für das 20 Hektar große Gebiet. Es gibt weiter Diskussionen.
Bietigheimer Weg Süd
In Ingersheim gab es bereits einen Beschluss für den ersten Bauabschnitt. Die ersten Arbeiten an dem 15 Hektar großen Gebiet sind also in Sicht.
Müllerheim
In Münchingen soll ein nachhaltiger Gewerbepark auf 16 Hektar gebaut werden. Entscheidungen stehen noch in diesem Jahr an.