Flächenverbrauch in der Region Stuttgart Es wird eng im Ländle

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Es gibt in der Region Stuttgart erste Erfolge im Kampf gegen die Bodenversiegelung – in der Tendenz verlangsamt sich die Bebauung von Äckern und Wiesen. Doch der Raubbau an der Natur bleibt bedenklich, gerade im Stuttgarter Ballungsraum.

So sah das Remstal im Jahr 1956 aus – heute ... Foto: Brugger 2 Bilder
So sah das Remstal im Jahr 1956 aus – heute ... Foto: Brugger

Stuttgart - Die gute Nachricht zuerst: Der Flächenverbrauch in der Region Stuttgart schreitet nicht mehr ganz so rasant voran wie noch vor wenigen Jahren. Seit dem Jahr 2000 wurden zwischen Ludwigsburg und Göppingen im Schnitt jährlich auf 423 Hektar Wiesen und Äckern neue Häuser und Straßen gebaut; in den letzten vier Jahren hat dieser Wert aber immer unter dem Mittel gelegen, im vergangenen Jahr waren es sogar nur 209 Hektar. Zur Veranschaulichung: Ein Hektar ist etwas größer als ein normales Fußballfeld.

Doch jetzt folgen die schlechten Nachrichten. Erstens gehören in der Region Stuttgart mittlerweile 22,6 Prozent zur sogenannten Siedlungs- und Verkehrsfläche, befinden sich also nicht mehr in natürlichem Zustand. In Stuttgart sind es gar 51,5 Prozent, landesweit nur 14,3 Prozent. Zweitens ist der Verbrauch landesweit wieder gestiegen: Drei Hektar täglich waren einmal das Ziel der Landesregierung, bei 6,8 Hektar ist man 2012 angelangt.

Die Flächenansprüche der Einwohner steigen

Drittens, und das ist am bedenklichsten, steigt der Flächenbedarf pro Einwohner. In der Region hatte im Jahr 2000 jeder Einwohner statistisch gesehen 297 Quadratmeter an versiegelter Fläche in Anspruch genommen; nun sind es schon 311 Quadratmeter (landesweit 473). Die alte Regel, dass der Verbrauch parallel zum Bevölkerungswachstum steigt, gilt also nicht mehr. Diese Entkoppelung macht den Planern Sorgen.

Der Verband Region Stuttgart (VRS) ist die entscheidende Instanz in Sachen Flächenverbrauch für die Region Stuttgart: So müssen sich alle Kommunen ihre Planungen zu neuen Baugebieten vom VRS genehmigen lassen. Chefplaner Thomas Kiwitt ist sozusagen der Herr der Fläche, und er sagt: „Die Region steht nicht schlecht da; das Problem des Flächenfraßes spielt sich vor allem im ländlichen Raum ab.“

Im Ballungsraum um Stuttgart werde schon deshalb sorgfältiger mit dem Boden umgegangen, weil er knapp und teuer sei, so Kiwitt. Doch auch die Politik des VRS hat ihren Anteil an dieser Verlangsamung des Verbrauches: Im Regionalplan ist für jede Kommune festgelegt, wie groß die Baugebiete und wie dicht die Bebauung sein muss. Je nach Lage müssen zwischen 50 und 90 Menschen pro Hektar angesiedelt werden, sonst gibt es keine Genehmigung.

Region Stuttgart ist besonders stark vom Flächenfraß betroffen

Bei einem Landesvergleich schneidet die Region Stuttgart aber schlecht ab: Zehn Prozent beträgt der Anteil der Region an der Landesfläche – vom landesweit verbrauchten Boden lagen aber in den letzten zehn Jahren bis zu 16 Prozent in der Region, acht Mal lag die Region Stuttgart über dem Landesschnitt. Hier ist das Bauen eben auch besonders lukrativ.

Den Kommunen ist die Regelung des VRS oft ein Dorn im Auge. Vor kurzem gab es diesen Konflikt zum Beispiel zwischen dem VRS und Plochingen, Deizisau und Altbach: 23,5 Hektar an Wohngebieten wollten die drei Gemeinden ausweisen; der VRS wollte aber nur acht Hektar zugestehen. Auch landesweit schwelt diese Auseinandersetzung: Der Städtetag versucht derzeit, eine geplante Verschärfung der entsprechenden Verordnungen abzumildern. Die grün-rote Landesregierung ist bisher aber hart geblieben.

Der Königsweg, um Flächen zu „sparen“, ist die sogenannte Innenentwicklung. Freie Flächen innerhalb der Ortschaften sollen vorrangig bebaut werden. Sehr viele Kommunen kümmern sich bereits eigenständig darum, das Problem des Flächenfraßes anzugehen: So hat vor kurzem Filderstadt angekündigt, ein Baulandkataster aufzustellen, um verfügbare Bauplätze im Innenbereich ausfindig zu machen. Die Staatssekretärin Gisela Splett hat daneben angekündigt, dass sich die Landesregierung dafür einsetzen will, dass bei Bauvorhaben innerhalb des Siedlungsgebietes niedrigere Grundsteuern bezahlt werden müssen. Dieser Anreiz für die Innenentwicklung dürfte aber frühestens in einigen Jahren Realität werden.

Bürger reagieren sehr sensible beim Thema Flächenverbrauch

Sie kann bei diesem Vorhaben von großem Rückhalt in der Bevölkerung ausgehen. Bei der Bürgerumfrage des VRS haben sich jüngst die Menschen sehr eindeutig gegen die weitere Zersiedelung der Landschaft ausgesprochen. Gefragt, wofür noch Boden bereitgestellt werden soll, gab es nur eine kleine Mehrheit dafür, Fläche für die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu nutzen. Bei Straßen (71 Prozent dagegen), Bahnstrecken (60 Prozent) und Wohnraum (54 Prozent) fand sich keine Mehrheit mehr.

Im Januar will der VRS das Thema selbst auf die Tagesordnung setzen. Im Moment wird eine umfangreiche Vorlage erarbeitet. Klar ist, dass sich die Region nicht zurücklehnen kann. In der Langzeitperspektive wird die Entwicklung augenscheinlich: 1953 waren in der Region 33 000 Hektar durch Häuser, Industriegebäude oder Straßen überbaut, heute sind es 82 500 Hektar. Diese Zahlen sprechen für sich.

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