Die Nasa will ihren Anteil am deutsch-amerikanischen Projekt Sofia einschränken. Nicht zum ersten Mal, wie Hans-Peter Röser von der Universität Stuttgart bemerkt. Er will nun verhandeln und verweist auf einen Vertrag, der erst 2016 ausläuft.

Stuttgart - Auf deutscher Seite werden die derzeitigen Turbulenzen um die Finanzierung des deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekts Sofia, eines Weltraum-Observatoriums in einem umgebauten Boeing-Flugzeug, betont gelassen kommentiert. „Ich sehe das persönlich entspannt“, sagt Hans-Peter Röser der Stuttgarter Zeitung. Röser ist stellvertretender Leiter des Instituts für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart. Er war zehn Jahre lang an einem Vorläuferprojekt beteiligt und hat seit 1985 das Sofia-Projekt an entscheidender Stelle vorangetrieben. Im Dezember 2010 lieferte das „Stratosphärenobservatorium für Infrarotastronomie“ (kurz: Sofia) die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse.

Röser reagiert auf die Ankündigung des Nasa-Chefs Charles Bolden, den Beitrag seiner Behörde zu den Betriebskosten des Observatoriums von derzeit 84 Millionen Dollar auf 12 Millionen Dollar zusammenzustreichen – und das schon für das Fiskaljahr 2015, das im Oktober dieses Jahres beginnt. Es sei nicht das erste Mal, dass über die Finanzierung des Projekts diskutiert werde, sagt Röser. So hatte 2006 der damalige Nasa-Chef Michael Griffin das Projekt ebenfalls auf eine Streichliste gesetzt. Aus Rösers Sicht spricht einiges für eine Fortführung des Projekts.

Die Vereinbarungen laufen erst 2016 aus

Zum einen ist die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit an dem Projekt in einem „Memorandum of Understanding“ geregelt, dessen Laufzeit erst im Oktober 2016 endet. In dieser Übereinkunft verpflichtet sich die US-Seite, 80 Prozent der Kosten für Entwicklung und Betrieb von Sofia zu tragen. Laut Planung soll das Observatorium 20 Jahre lang betrieben werden. Zweitens wird das Flugzeug, eine umgebaute Boeing 747-SP mit einer großen Öffnung am Heck, aus der ein 2,5-Meter-Teleskop den Himmel beobachten kann, nach nunmehr drei Jahren Betrieb im Juni dieses Jahres in Hamburg gründlich überholt. „Diese Überholung ist noch komplett finanziert“, sagt Röser. Und drittens „ist unser Anteil abgesichert“, sagt Röser. Der 20-Prozent-Beitrag Deutschlands sei „per Vertrag mit der Universität Stuttgart bis Ende 2016 festgelegt“, bestätigte der Deutsche Partner der Nasa, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), auf Anfrage der StZ. „Die notwendigen Finanzmittel für den deutschen Beitrag ab 2017 sind in der Finanzplanung des DLR enthalten.“

Nicht zuletzt setzt Röser auf Gespräche. Das DLR bestätigt knapp: „Nasa und DLR arbeiten zur Zeit gemeinsam daran, zu einer einvernehmlichen Lösung zur Fortführung des fliegenden Infrarot-Observatoriums zu gelangen.“ Röser räumt ein, dass im Verlauf des letzten Jahrzehnts die Treibstoffkosten für die Flüge (in Zukunft sind hundert pro Jahr geplant) „drastisch gestiegen“ seien. Den „größten Preistreiber“ sieht er aber im „Personalkostenanteil der Amerikaner“. Während Deutschland einen Standort unterhält, finanziert von DLR, Bund und Land, nämlich das Deutsche Sofia-Institut (DSI) in Stuttgart zusammen mit dem Flughafen Stuttgart, „leisten sich die Amerikaner zwei Standorte“ beim Nasa Ames Research Center südlich von San Francisco für die Wissenschaft und beim Nasa Dryden Flight Research Center nördlich von Los Angeles für Flugtest und Flugbetrieb.

Sternengeburten beobachtet

Sofias Teleskop kann in Höhen von 13 bis 14 Kilometern die Infrarotstrahlung aus dem All beobachten. Diese Strahlung erreicht den Erdboden wegen der Feuchtigkeit in der Atmosphäre nicht. Im All aber dringt sie auch durch sonst undurchsichtige Staubwolken. So kann das Teleskop zum Beispiel in Nebel hineinschauen, in denen neue Sterne entstehen. Im ersten Betriebsjahr 2011 wurden in 30 nächtlichen Messflügen „erfolgreich neue Details zur Sternentstehung beobachtet“, sagt der DLR-Sprecher Andreas Schütz. Im vergangenen Jahr habe Sofia von Neuseeland aus „Beobachtungen in den sehr aktiven Sternentstehungsgebieten in den Magellan’schen Wolken und im Zentrum unserer Milchstraße durchgeführt“. Ende Februar konnte Sofia die erst am 21. Januar entdeckte Supernova SN2014J in der elf Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie M82 beobachten.

Beobachtungen im Infrarotlicht hat auch das Herschel-Weltraumteleskop der europäischen Raumfahrtagentur Esa gemacht. Der Satellit musste nach rund vier Jahren Mitte 2013 abgeschaltet werden, weil die Kühlmittelvorräte zu Ende waren. Das würde Sofia nicht passieren. Das Observatorium kann leicht gewartet und umgebaut werden. Zudem ist ein wichtiger Teil des Sofia-Projekts eine Partnerschaft mit Schulen. Schüler und Lehrer können bei Flügen den Wissenschaftlern über die Schulter schauen (siehe Interview).

Muss das Sofia-Institut in Stuttgart nun zittern? Andreas Schütz winkt ab. „Solange es noch keine Ergebnisse der Gespräche mit den internationalen Partnern gibt, können keine Aussagen zu möglichen Folgen für deutsche Sofia-Einrichtungen getroffen werden.“

Das Observatorium

Flugzeug
In den USA wurde eine ausgediente Boeing 747-SP so umgebaut, dass am Heck links eine Klappe geöffnet werden kann. In 13 bis 14 Kilometer Höhe gibt die Luke einem in Deutschland gebauten Spiegelteleskop mit einer Öffnung von 2,5 Metern den Blick ins All frei. Es ist so gelagert, dass die Erschütterungen des Flugzeugs seine Präzision nicht mindern.

Planung
Nach dem Ende eines Vorläuferprojekts begannen 1985 die Planungen. 1996 vereinbarten USA und Deutschland ein „Memorandum of Understanding“. Es wurde 2006 um zehn Jahre verlängert. 1,25 Milliarden Dollar wurden investiert. Im Dezember 2010 gelang der erste Wissenschaftsflug. Ab Juni wird die Boeing bei der Lufthansa in Hamburg überholt.

Finanzen
Bau und Betrieb teilen Nasa (USA) und DLR (Deutschland) sich im Verhältnis 80 zu 20. Der deutsche Beitrag besteht im Bau des Teleskops und neben Barzahlungen in der Finanzierung von Personal, Studien sowie Diplom- und Doktorarbeiten. Beide Partner steuern Forschungsprojekte bei. Auch die geplanten 100 Flüge pro Jahr sind 80 zu 20 verteilt.