Fliegende Sternwarte „Vorsichtiger Optimismus“ im Poker um Sofia

Die Mission des umgebauten Jumbo-Jets Sofia, der von Stuttgart aus koordiniert wird, ist vorerst nur bis Oktober finanziert. Foto: Nasa
Die Mission des umgebauten Jumbo-Jets Sofia, der von Stuttgart aus koordiniert wird, ist vorerst nur bis Oktober finanziert. Foto: Nasa

Seit die Nasa im März angekündigt hat, ihren Anteil an der fliegenden Sternwarte Sofia drastisch zu kürzen, versuchen die deutschen Partner das Aus des Projekts zu verhindern. Ein Komitee des US-Kongresses hat sich auf ihre Seite gestellt.

Wissenschaft: Rainer Klüting (klü)
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Stuttgart - Hinter den Kulissen wird offenbar eifrig verhandelt, gegenüber der Öffentlichkeit geben sich die Beteiligten zuversichtlich: das amerikanisch-deutsche Gemeinschaftsprojekt einer Infrarot-Sternwarte in einem Flugzeug – Stratosphärenobservatorium für Infrarotastronomie, kurz Sofia – steht derzeit ohne gesicherte Finanzierung da. Anfang März hatte die US-Raumfahrtbehörde Nasa bekannt gegeben, sie werde ihren vereinbarten Anteil von vier Fünfteln der jährlichen Betriebskosten, das sind rund 84 Millionen US-Dollar, auf 12 Millionen zusammenstreichen. Sicher ist bis heute nur eines: der Etat ist bis Oktober gesichert, und dazu gehören auch die Kosten für eine gründliche Inspektion des Flugzeugs in Hamburg, die im Juli beginnen soll.

Die jüngsten Gespräche zwischen den Partnern, Johann-Dietrich Wörner, dem Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), und Nasa-Chef Charles Bolden fanden auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) statt, die am Sonntag in Berlin zu Ende gegangen ist. Ein Haushaltskomitee des US-amerikanischen Repräsentantenhauses hatte sich in einer Empfehlung für Sofia ausgesprochen: „Das Komitee akzeptiert den Wunsch der Nasa nicht, die Unterstützung für Sofia zu beenden.“ Das Projekt bringe „gute Wissenschaft“ hervor und die Nasa habe versäumt, den Rückzug durch seine eigenen Gutachtergremien prüfen zu lassen (auf Seite 69 dieses PDFs). Doch DLR-Sprecher Andreas Schütz bleibt vorsichtig: „Es gibt keinen neuen Stand“, sagt er. Bolden habe allerdings auf der ILA gesagt, er sei „vorsichtig optimistisch“, dass Sofia weiter fliegen werde.

Der Vorstoß, das Projekt einzustellen, kommt zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Seit den ersten Planungen 1985 und einem „Memorandum of Unterstanding“ zwischen den USA und Deutschland 1996, das 2006 um zehn Jahre verlängert wurde, sind in den Umbau des Flugzeugs und in die Ausrüstung 1,25 Milliarden US-Dollar geflossen. Deutschland hat davon 20 Prozent getragen: im Wesentlichen die Kosten für das 2,5-Meter-Spiegelteleskop, das während des Flugs in 13 bis 14 Kilometer Höhe durch eine große Luke am Heck der Boeing in den Himmel schauen kann. Infrarotstrahlung dringt auch durch Staubwolken im All, so dass Sofia unter anderem in kosmische Gebiete blicken kann, in denen Sterne gerade erst entstehen. Bis zum Erdboden dringt Infrarotstrahlung wegen der Feuchtigkeit in der Erdatmosphäre nicht.

Die Astronomen melden erste wissenschaftliche Erfolge

Dass Sofia in den USA in der Kritik steht, hat sich bereits im Februar angedeutet. Am 21. Februar war endlich ein viertes und letztes Teleskopinstrument eingebaut, das Ferninfrarot-Spektrometer FIFI-LS (Field-Imaging Far-Infrared Line Spectrometer) der Universität Stuttgart. „Sofia hat seine volle Funktionsfähigkeit erreicht“, hieß es eine Woche später in einem Artikel in der Fachzeitschrift „Nature“. Doch ausgerechnet jetzt müsse das Flugzeug fünfeinhalb Monate zur Wartung am Boden bleiben, angeordnet von der US-Regierung. Die geplanten 960 Stunden Forschung pro Jahr würden damit frühestens 2016 erreicht.

Hinzu gekommen seien technische Pannen wie ein Heliumleck und Vibrationen des Teleskops, die die Qualität der Bilder beeinträchtigten. Zudem habe eine der Turbinen des Flugzeugs unvorhergesehen ausgetauscht werden müssen. Die 78 Millionen Dollar, die die Nasa in das Projekt jedes Jahr stecken müsse – Nasa-Chef Bolden spricht sogar von 84 Millionen –, mache das Projekt zum zweitteuersten der Astrophysik-Abteilung der Nasa, nach dem Weltraumteleskop Hubble (Kosten: 93 Millionen Dollar jährlich).

Doch „Nature“ wusste auch Positives zu berichten: Sofia habe die bisher beste Messung einer sogenannten Bedeckung geliefert. Als Pluto vor einem fernen Stern vorbeizog, war im Licht des Sterns eine gute Messung der dünnen Atmosphäre des Zwergplaneten gelungen. Möglich war dieser Erfolg nur, weil die fliegende Sternwarte – im Unterschied zu Satelliten-Teleskopen – kurzfristig den Kurs ändern und in eine Region fliegen konnte, von der aus die Bedeckung gut zu beobachten war. Auch eine Kampagne zur Beobachtung der Magellanschen Wolken von Neuseeland aus sei „ein super Erfolg“ gewesen, zitiert „Nature“ Sofias stellvertretenden Wissenschaftsdirektor Hans Zinnecker. Die Zwischenbilanz schließt mit einem versöhnlichen Zitat des Astronomen Dan Lester: „In vieler Hinsicht ist Sofia über den Berg.“

Lässt sich das Vertrauen wieder herstellen?

Doch zu spät. Kurz darauf legte Bolden seinen Haushaltsplan für 2015 vor, in dem er Sofia ausdrücklich als Projekt mit niedriger Priorität erwähnt, dessen Budget zu Gunsten vielversprechenderer Programme „drastisch gekürzt“ werden müsse.

DLR-Vorstand Wörner zeigte sich verunsichert. Schon 2006 habe ein Rückzieher der US-Seite erst „nach massiver Intervention aus Deutschland“ verhindert werden können. „Bei allem Verständnis für finanzielle Engpässe ist es jedoch sehr kritisch zu sehen, wenn bilaterale, gemeinsame Projekte ‚über Nacht‘ plötzlich in Frage gestellt, gar eingestellt werden“, schrieb Wörner in seinem Blog. Man suche nach einer Lösung und wolle weiterhin die Kooperation. Doch: „Wenn von Partnern die Solidarität und Zuverlässigkeit nachhaltig in Frage gestellt wird, ist gegebenenfalls auch die deutsche Position erneut zu definieren.“

Unterstützung bekam Wörner von „Nature“: Es gebe zwar viele plausible Gründe, den wissenschaftlichen Ertrag Sofias pro ausgegebenem Dollar in Frage zu stellen, heißt es in einem Kommentar der Ausgabe vom 24. April. Was aber mit Sofia gerade geschehe, sei „ein Umgehen des üblichen Prozesses harter Entscheidungen in Zeiten knapper Finanzen“. Bei der Nasa gebe es eingeführte Verfahren der kurz- und langfristigen Überprüfung von Programmen. Die Deutschen seien verständlicherweise aufgebracht. „Der Vertrauensbruch gegenüber dem DLR ist unwiderruflich.“

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