Flint Group in Stuttgart-Feuerbach Betriebsrat befürchtet Standort-Schließung
Beim Druckzulieferer Flint Group in Feuerbach sollen 60 der 226 Mitarbeiter gehen. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen Wortbruch vor. Ist das der Anfang vom Ende?
Beim Druckzulieferer Flint Group in Feuerbach sollen 60 der 226 Mitarbeiter gehen. Die Gewerkschaft wirft dem Unternehmen Wortbruch vor. Ist das der Anfang vom Ende?
Stuttgart - Wut über einen Vertrauensbruch, Frust und Angst: Das spiegelt die Stimmung in der Belegschaft der Flint Group am traditionsreichen Standort im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach wieder. So sieht es zumindest die Betriebsratsvorsitzende Claudia Hildebrandt. Der Druckfarben- und Druckplattenhersteller, der seit 2014 zu den US-Finanzinvestoren Goldman Sachs und Koch Industries gehört, will sparen und 60 der 226 Arbeitsplätze abbauen. Dabei hat das Unternehmen nach Auffassung des Betriebsrats mündliche Zusagen „weitgehend nicht eingehalten“. „Wir sind sehr sauer. Unser Vertrauen ist nicht mehr groß und extrem gestört“, sagt Hildebrandt.
Die Flint Group ist einer der weltweit größten Zulieferer der Druckindustrie und zählt nach Unternehmensangaben 6800 Mitarbeiter. In Deutschland sind es laut Betriebsrat 770 Beschäftigte, neben Stuttgart zählt Willstätt im Schwarzwald zu den größten Standorten, weitere sind Ahaus, Frankfurt und Winterbach. In Feuerbach, so Hildebrandt, habe man im Frühjahr erfahren, dass 28 Leute entlassen werden sollen. Das wollte man sozial verträglich mit einem Freiwilligenprogramm regeln, was das Unternehmen bereits zugesagt habe, betont sie. Gleichzeitig habe ein lange zuvor ausgehandelter Haustarifvertrag unterschriftsreif vorgelegen: Für eine Halbierung des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes sollte demnach für den Rest der Belegschaft eine Beschäftigungsgarantie von vier Jahren gelten.
„Anfang Juni hieß es, es gebe keinen Haustarif und auch nicht das Freiwilligenprogramm. Statt 28 Mitarbeitern sollten jetzt 60 gehen und großteils gekündigt werden“, sagt Hildebrandt. Die Begründung: weniger Aufträge in der Corona-Krise. „28, vor allem ältere Mitarbeiter wollten freiwillig gehen. Jetzt sollen sie nicht gehen dürfen, dafür 60 andere, die das gar nicht wollen, vor allem Jüngere“, kritisiert sie.
„Die Empörung bei den Mitarbeitern ist umso größer, weil kürzlich Grundstücke verkauft wurden, die einen hohen zweistelligen Millionenbetrag eingebracht haben“, ergänzt Betriebsrats-Vize Ingo Witkowiak. „Gleichzeitig wird der Belegschaft gesagt, dass es kein Geld mehr für einen sozial verträglichen Stellenabbau gibt.“ Eigentlich sollte zu Beginn der Corona-Krise Kurzarbeit beantragt werden, so Witkowiak. Stattdessen habe das Unternehmen Mitarbeiter freigestellt, bei 100-prozentigem Lohnausgleich. „Das kann niemand nachvollziehen. Die Angst ist, dass die Freistellung benutzt wird, um Kündigungen vorzubereiten.“
Auch deshalb befürchtet Hildebrandt, dass der Standort geschlossen werden oder Teile des Geschäfts verkauft werden könnten. „Wir wissen nicht, wie lange es den Standort noch gibt.“
Eine Anfrage unserer Zeitung, auf Vorwürfe des Betriebsrats Stellung zu nehmen, lehnte das Unternehmen am Dienstag ab.
Neue Verhandlungen mit der Unternehmensleitung sollen demnächst starten. Der Betriebsrat fordert, dass der Personalabbau sozial verträglich gestaltet wird und es eine Beschäftigungssicherung gibt. Hildebrandt ist jedoch skeptisch: „Was nicht auf dem Papier steht und unterschrieben wurde, ist nicht viel wert.“ Andreas Klose, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, sieht die Situation in Feuerbach als „Negativbeispiel“ in der Coronakrise. Die „deutliche Mehrzahl“ der Firmen nutze in Deutschland Kurzarbeit und Konjunkturprogramm, um Beschäftigung zu sichern, betont er. „Hier aber nutzt man die Pandemie, um sich einiger Leute zu entledigen. Das ist ein Vertrauensbruch und für mich auch ein Wortbruch.“