Flohmarkt-Hilfe für Wildwasser Esslinger Frauen gegen sexualisierte Gewalt

Bettina Scherrieble und das Flohmarkthäusle. Foto: Johannes M. Fischer
Bettina Scherrieble und das Flohmarkthäusle. Foto: Johannes M. Fischer

Mit einer charmanten Idee helfen zwei Frauen aus Esslingen Kindern, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Was das mit einem Weihnachtselch und einer Seemannstasse zu tun hat, erklärt der Autor in seiner Alltagsbetrachtung.

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Esslingen - Dies ist eine Empfehlung für Spaziergänger, Wanderer und Fahrradfahrer, die ein paar Cent in der Tasche haben: Irgendwo im Tal recken sich die Türme von Altbach in die Höhe, Hegensberg liegt westwärts auf dem Hügel und das Jägerhaus ist fußläufig in weniger als zwei Kilometern erreichbar. Da irgendwo im Kimmichsweilerweg steht’s Flohmarkthäusle.“ So begann eine EZ-Kolumne im Sommer des vergangenen Jahres. Es ist ein kleines Haus für allerlei gebrauchten Schnickschnack, Bücher und sogar Kunst. Wer was mitnimmt, lässt in der Kasse des Vertrauens etwas Geld da. Die Einnahmen gehen an den Verein Wildwasser, ein beratender Verein in Fällen sexualisierter Gewalt.

Die Geschichte mit der Tasse

„Mich hat das Häusle ziemlich unerwartet getroffen“, schrieb ich damals in der Kolumne „Aufgespießt“, die mehrmals in der Woche in der Eßlinger Zeitung erscheint. „Ich hätte es nicht an dieser Stelle erwartet. Vor lauter Überraschung vergaß ich, die Seemannstasse mitzunehmen. Aber ich komme wieder.“

Damit wurde die Geschichte zu einer persönlichen Angelegenheit. Das bedeutet, darauf sei hier ausdrücklich hingewiesen, dass dieser Text den Pfad der journalistischen Tugend verlässt und auf die gebotene stilistische Objektivität herkömmlicher Genres verzichtet. Nennen wir es eine Miniatur. Die Tage vergingen. Irgendwie kam ich nicht dazu, erneut an dem Häusle vorbei zu radeln oder meine Spaziergänge dorthin zu lenken. Was ich nicht wusste, dass sich im Hintergrund eine wundersame Geschichte abspielte.

Es ist das Häusle dreier Frauen, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. Bettina Scherrieble, Designerin, Autorin und Coachin, kümmert sich um das kleine Spendenhaus. Sie leert regelmäßig die Kasse und leitet das Geld weiter an Wildwasser. Die beiden anderen im Bunde sind Carola Keck und die Innenarchitektin Julia Sauer, die das Häusle entworfen und gebaut hat. Wer genau hinguckt sieht, dass es nicht nur „ein“ Häusle ist, sondern ein besonderes: Es hat sogar einen Lichtschalter und eine Birne, falls mal jemand im Dunkeln vorbeikommen sollte. Solarbetrieben.

Der Zettel an der Tasse

Als Bettina Scherrieble die Kolumne las, machte sie einen Zettel an die Tasse: „Reserviert für Herrn Fischer“. Und tatsächlich: Die Tasse blieb lange stehen. Wochen vergingen, Monate. Das Häusle gewann eine gewisse Bekanntheit, Kinder animieren ihre Eltern beim sonntäglichen Spaziergang, dorthin zu pilgern. Immer wieder kommen Menschen und stellen Gegenstände rein oder nehmen etwas mit. Inzwischen ist eine stolze Summe – fast 3000 Euro – für Wildwasser zusammengekommen. Das Geld ist für den Therapiehund, der Kindern hilft, über das Trauma hinwegzukommen. Irgendwann vor Weihnachten muss es gewesen sein, als Bettina Scherrieble die Tasse aus dem Verkehr zog. Sie packte es in einen kleinen Geschenkkarton und steckte noch einen Weihnachtselch aus Stoff hinein. Und harrte der Dinge.

Wieder vergingen einige Wochen. Ein kurzer, heftiger Winter überzog das Land. Dann die ersten Frühlingsstrahlen. Auf einer Tour durch das östliche Hügelgebiet von Esslingen komme ich in diesen Tagen dann doch mal wieder am Flohmarkthäusle vorbei. Es ist gut gefüllt mit vielen kleinen Dingen. Der Zufall will es, dass ich Bettina Scherrieble tatsächlich treffe. Sie verschwindet kurz und kommt zurück mit dem kleinen Geschenkkarton. Es ist der Tag, an dem ich die Seemannstasse treffe, die wohl für mich vorbestimmt sein musste und nur durch die Geduld der Häusle-Betreiberin zu mir fand.

Eine Tasse voller Symbolik

Es ist eine Tasse mit viel Symbolik, aber wirklich wichtig ist Milou, der Therapiehund, der inzwischen in der Beratungsstelle als ständiger Mitarbeiter wahrgenommen wird. „Es war immer mein großer Wunsch, die Nähe und Wärme und Geborgenheit, die Hunde Kindern geben können, den betroffenen Kindern zu ermöglichen“, erzählt Martina Huck, zu der der Hund gehört. Kinder und Jugendliche mit Missbrauchserfahrung reagierten oft sensibel auf Berührung – das Misstrauen sitze tief, wenn Grenzen so drastisch überschritten wurden. „Tiere betrügen nicht“, würden Jugendliche häufiger sagen, wenn sie mit Milou zusammenkommen.

Grund genug, bei Gelegenheit am Flohmarkthäusle im Kimmichsweilerweg vorbeizugehen.




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